1 - Yannick

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Vom Studienrat eines Wirtschaftsgymnasiums zum besoffenen kettenrauchenden Volltrottel, der im Begriff ist, in ein heruntergekommenes safrangelbes Haus einzuziehen.

So könnte die nüchterne Rekapitulation meines Lebens lauten, dem eines bekloppten, hirnverbrannten Arschlochs, der dabei ist, in seiner eigenen Scheiße zu ertrinken.

Ein Teil der Fassade des Vier-Parteienhauses ist abgeblättert, abgeblättert, wie die Würde, die das verfickte Leben mir unbarmherzig wie Hautlappen entrissen hat.

Ich stehe mitten in der Nacht in der Einfahrt einer Bruchbude, bin besoffen und sehe wahrscheinlich schlimmer aus als Robinson Crusoe, nachdem er auf einer einsamen Insel gelandet und dort irre geworden ist.

Nur ist meine Insel eine Bruchbude, und ich kann nicht im Ozean ersaufen, sondern in meinem eigenen Selbstmitleid.

»Selbstmitleid mit 5 %«, sage ich lachend. »Wenn ich noch zehn Dosen trinke, habe ich 100 Prozent intus«, freue ich mich über meinen eigenen bescheuerten Witz, wie ihn sonst nur Drittklässler zustande bringen konnten, die in ihrem eigenen Meer aus Logik schwimmen.

»Wer kommt schon gegen die Logik eines Besoffenen an«, sage ich und bemühe mich, wichtig zu klingen, als würde mir jemand zuhören, der mir stumm lächelnd zuprostet.

»Prost Gott«, rufe ich, ziehe eine Dose aus meiner Umhängetasche, öffne sie zischend und recke sie zum Himmel. In einem Schluck lass ich den Inhalt meine Kehle herunterrinnen.

»Hast du mich jetzt da, wo du mich haben wolltest?«, frage ich. Natürlich gibt er mir keine Antwort. Wie immer schaut er nur zu und scheißt sich lieber die Hosen voll, als zu seinem Unrecht zu stehen.

Meine Bewährungshelferin Frau Friedrich hat mich unterstützt, diese Wohnung zu erhalten.

Ich reibe meine klammen Hände, um die Kälte aus meinem Körper zu vertreiben.

Ausgerechnet im kalten November ziehe ich hier hin. Ich kann mich nicht einmal betrunken zum Chillen auf eine Bank legen, um ein Sonnenbad zu nehmen.

»Zwei Wohnungen werden in dem Haus vermietet. Die anderen beiden bleiben frei. Das Haus wird in einem Jahr abgerissen«, erinnere ich mich an die gestrigen Worte von Frau Friedrich, die mir, wie sie sagte, bei der sozialen Integration helfen wollte.

Einen Scheiß wird sie. In dem Moment, als sie mir den Schlüssel übergeben hat, besitze ich eine Eintrittskarte für das Leben in einem Loch, in dem ich mir den Rest meines Hirns wegsaufen werde.

Ich kratze mich an einem Bart, der so lang wie der des Weihnachtsmannes ist, und schicke mich an, ein Haus zu betreten, das Santa Claus nicht einmal angucken würde, wenn es einen Luxuskamin mit Lichterketten und Holzelfen-Deko aufzuweisen hätte.

Als ich vor der beschmutzten Tür stehe, dessen Unterkante Risse zeigt - rechts unten ist ein Stück rausgebrochen, krame ich nach dem Schlüssel, den Frau Friedrich mir übergeben hat. Auf meinem Wunsch hin bewahrt sie meinen Zweitschlüssel auf; mich kennt in dieser Stadt ja keine Sau. Gut für die anderen.

Oh man, wenn ich nur meinen Gedanken lausche, könnte ich kotzen. Ich höre mich schon wie die Schulabbrecher an, über die ich mich früher lustig gemacht habe. Ich muss es mir eingestehen: Ich bin keinen Deut besser als sie. Wenigstens haben sie es zu etwas gebracht, arbeiten zwar auf dem Bau oder am Fließband, aber sie kriegen jeden Tag ihre Ärsche hoch, um ihre Familien zu ernähren. In Wahrheit waren nicht sie, sondern ich immer der Versager gewesen.

Kraftvoll drücke ich eine tiefe Delle in die Bierdose und lege sie rechts neben dem Eingang auf die schwarze Mülltonne. Immer unruhiger grabe ich in meinen Hosentaschen. Taschentücher, eine leere Zigarettenschachtel, aber kein Schlüssel. Wo, gottverdammte Scheiße, ist der Schlüssel?

Da ist er ja. In der Gesäßtasche. Warum um alles in der Welt habe ich den Schlüssel in die Gesäßtasche gesteckt?

Kopfschüttelnd werfe ich noch einen Blick auf den mit Unkraut überwucherten Vorgarten, beleuchtet vom diffusen Licht der mit Spinnenweben überzogenen Eingangsbeleuchtung.

»Welcome to the jungle«, brülle ich und betrete ein Treppenhaus mit abgenutzten Holzstufen.

Das Knarzen der Dielen unter meinen billigen Turnschuhen hört sich so an, wie ich mir das Geräusch berstender Knochen vorstelle.

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