3 - Steine im Weg

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Die Stunde verging viel zu schnell und es kam mir vor, als hätte ich ihn eben erst begrüßt, als wir uns wieder voneinander verabschieden mussten. Es tat mir fast körperlich weh, als ich seine Hand los und ihn zurücklassen musste. Nur noch ein Besuch stand uns bevor, bis ich ihn endlich mit nach Hause nehmen konnte. Nach Hause. Wo würde das sein? Mein Vater konnte unsere Beziehung sogar nach zwei Jahren noch nicht akzeptieren. Ich bog mit meinem bunten Polo in unsere Einfahrt und parkte ihn hinter dem Skoda meines Vaters und stieg aus. Als ich auf unser kleines Haus zuging, zog sich meine Brust schmerzhaft zusammen. Würde ich bald hier ausziehen und nur noch als Gast zurückkehren? Ich war alt genug, um auf eigenen Beinen zu stehen, doch das Band zu meinem Vater und meinem Bruder war stark. Ebenso wie mein Pflichtgefühl den beiden gegenüber. Würde Vater Liam doch nur akzeptieren, dann könnten wir gemeinsam hier leben. Und Liam könnte ihm in der Firma helfen. Er könnte endlich die Regenrinne reparieren, für die mein Vater keine Zeit und mein Bruder keine Lust hatte. Er könnte hier ein zu Hause haben.

Eine Familie.

Ich schloss die Tür auf und klopfte meine Sandalen an der Fußmatte ab, ehe ich eintrat. Obwohl es bereits Abend war, war es noch hell draußen und die spätsommerliche Luft sehr mild. Aus dem Wohnzimmer drang das Gedudel eines Fernsehers und ich vermutete, dass mein alter Herr schon drauf und dran war, auf dem Sofa einzuschlafen.

„Paps?", rief ich und schlüpfte aus meinen Schuhen. Ohne eine Antwort abzuwarten, ging ich ins Wohnzimmer.

„Hey Spätzchen", sagte er und öffnete seine Arme, um mich an sich zu ziehen, sowie ich mich zu ihm herablehnte. Er drückte mir einen kratzigen Kuss auf die Wange und sah mich für einen Moment aus seinen warmen, braunen Augen an, ehe er mich losließ. Ich setzte mich zu ihm aufs Sofa und zog die Beine in einen Schneidersitz.

„Es sind nur noch vier Wochen", sagte ich und die Mundwinkel meines Vaters zogen sich augenblicklich hinab. Es wirkte, als würde sich ein Schatten über sein sonst so freundliches Gesicht legen und eine tiefe Furche bildete sich zwischen seinen buschigen Brauen.

„Papa, kannst du nicht versuchen endlich damit klarzukommen?", fragte ich, als ich seine Reaktion sah, die die letzten Jahre immer gleich ausgefallen war.

„Er ist ein Verbrecher, Helena. Ein Mörder!", er betonte die Worte, als würde er sie einem kleinen Kind erklären, dass es partout nicht verstehen wollte, „auch wenn du bei der Polizei gelogen hast, weiß ich, dass er dich entführt hat. Ich kann das nicht mit meinem Gewissen vereinbaren. Er ist schlecht für dich. Du hättest bei der ganzen Geschichte damals sterben können. Er hat dich und viele andere in Gefahr gebracht und eine schwere Kindheit entschuldigt das auch nicht alles. Ich werde ihn nicht akzeptieren. Das Thema ist beendet, Helena." Ohne meine Antwort abzuwarten, nahm er die Fernbedienung zur Hand und schaltete den Ton lauter. Das Gespräch war für ihn bereits beendet.

„Meine Entscheidung steht fest. Ich werde mit ihm zusammenbleiben!", rief ich, um den Nachrichtensprecher zu übertönen, „dann werde ich eben ausziehen und mir eine eigene Wohnung mit ihm suchen!"

Er sah mich nicht mehr an, stierte verbittert auf den Fernseher.

„Du wirst schon sehen, was du davon hast. Dieser Kerl kann dich nicht glücklich machen. Er hatte Drogen und Waffen bei sich. Glaubst du ernsthaft, er würde sich ändern? Wach  endlich aus deinem Traum auf!"

„Warum musst du mir solche Steine in den Weg werfen? Du kannst es doch nicht verhindern!", ich versuchte, den Kloß in meinem Hals herunterzuschlucken und die Tränen niederzukämpfen. Immer wieder die gleiche Leier. Immer wieder der gleiche Streit. Ich ballte meine Hände zu Fäusten und wartete, dass mein Vater irgendetwas sagte. Dass er vielleicht endlich einlenkte und einsah, dass er seine Tochter damit verletzte.

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