2 - Nicht mehr wie früher

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„Der sitzt halt ein", sagte ich beiläufig und hoffte, dass er es dabei beruhen ließ. Doch das tat er nicht. Das tat er nie.

„Hast du dich über den Stand des Prozesses informiert, wie ich dich gebeten hatte? Wann sind die Gerichtstermine?", bohrte er nach. Liam löste seine Hände voneinander und griff an die Kante der Tischplatte. Seine Knöchel traten weiß hervor, als er fest um sie fasste. Dieses Thema wühlte ihn auf. Sein Kiefer spannte sich an.

„Liam, ich weiß nichts Genaueres. Ich komme da nicht einfach an Informationen heran", versuchte ich mich rauszureden und mein Puls beschleunigte sich. Konnte er es nicht einfach auf sich beruhen lassen? Konnte er nicht endlich Frieden schließen?

„Es muss doch irgendetwas geben!", er schnaubte fassungslos und sah wütend zur Seite weg, „wann soll ich meine Aussage machen? Wieso war niemand hier, um meine Sicht zu hören? Bin ich nicht ein Nebenkläger?"

Ich senkte meinen Kopf und schloss die Augen. Es tat mir weh, ihn anzulügen, doch Liam war einfach noch nicht bereit die Wahrheit zu erfahren.

„Ich kenne mich mit all den Sachen doch nicht aus. Bald bist du frei, dann kannst du das alles ausgiebig recherchieren. Aber das Wichtige ist doch, dass er einsitzt oder?", ich sah ihn verzweifelt an und versuchte, ihn mit meinem Blick dazu zu beschwören, jetzt nicht mehr weiter zu reden. Liam griff sich an seine Schulter und drückte sie mit verkrampften Fingern. Er kräuselte die Lippen und sofort breitete sich wieder Sorge in mir aus.

„Alles Okay?", fragte ich, „haben sie deine Schmerzmedikation immer noch nicht erhöht?" auch ich fasste an die Tischplatte, hielt mich gerade noch davon ab, energisch aufzustehen. Liam schüttelte langsam den Kopf und deutete mir mit dem Blick, ruhig zu bleiben.

„Ich bin nicht aus Zucker. Ein bisschen Schmerz hat noch keinen richtigen Mann umgebracht", zischte er unter zusammengepressten Zähnen hervor. Ich seufzte. Nach der Schussverletzung war seine Rehabilitation sparsamer ausgefallen, als notwendig gewesen wäre. Es dauerte lange sich von solch einer Wunde zu erholen und Liam hatte nicht viel Zeit gehabt, bis er den Rest seiner Haftstrafe antreten musste, weil er gegen seine Bewährungsauflagen verstoßen hatte. Dann war eine Verhandlung wegen der Körperverletzung an Markus dazu gekommen, sowie des unerlaubten Waffenbesitzes und der Drogen in seiner Tasche. Letztendlich hatte sich seine Strafe nur aufgrund des milden Urteils der Richter um ein weiteres Jahr verlängert. Doch das hatte zur Folge, dass seine Verletzung nicht ausreichend behandelt worden war. Nur die laut den Schulbüchern medizinisch notwendigen Therapien waren angewendet worden, doch in der Realität hätte er viel mehr Behandlung gebraucht, um wieder gänzlich zu genesen. Nun hatte er ständig Schmerzen und die geringen Medikamente, die sie ihm morgens und abends gaben, reichten kaum aus, um sie zu lindern.

„Wie geht es Fly?", lenkte er das Gespräch auf ein anderes Thema und ich war froh darum.

„Gut", sagte ich, „sie fühlt sich pudelwohl bei Anna und Daniel. Oder sollte ich eher pitbullwohl sagen?", grinste ich und Liam schüttelte über meinen miserablen Witz den Kopf.

„Schade, dass sie nicht bei dir bleiben konnte", sagte er und meine Mundwinkel fielen langsam nach unten. Ich nickte und knibbelte an meinen Fingern herum.

„Mit meiner Arbeit und Florians Ausbildung ging es einfach nicht anders", es tat mir leid, dass ich die Hündin letztendlich abgeben musste, aber bei Anna und Daniel hatte sie es wirklich gut und ich konnte sie besuchen, wann ich wollte. Es war die vernünftigere Entscheidung gewesen und weit besser, als sie zurück ins Tierheim zu bringen, wo sie traurig in einem Zwinger sitzen würde. So wie ihr Herrchen jetzt. Zurück in Gefangenschaft.

„Nicht, dass sie noch deine gutaussehenden, neuen Arbeitskollegen vertrieben hätte, wenn du sie mitgenommen hättest", sagte er dann und, obwohl ein leichtes Grinsen um seine Mundwinkel spielte, hörte ich eindeutig den schneidenden Ton seiner Stimme. Ich stöhnte gespielt. War er ernsthaft Eifersüchtig auf meine Kollegen?

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