1 - 27471 Stunden

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47 Stunden mit ihm. 17471 Stunden ohne ihn. Das waren zwei Tage mit ihm. Und 726 ohne ihn. Die letzten zwei Jahre waren eine harte Probe für unsere junge Liebe gewesen. Die wenige Zeit, die uns gegönnt war, war so knapp bemessen, dass sie dafür umso bedeutender war. Die zwei Stunden, die ich im Monat in sein Gesicht blicken konnte, in seine Augen, in seine wunderschönen, saphirblauen Augen.

Obgleich mein Leben sich sehr geändert hatte - die JVA hatte es nicht. Die hohen, moosigen Backsteinmauern, die vergitterten Fenster und der Stacheldrahtzaun waren noch immer gleich. Als stünde die Zeit hier still. Lediglich andere Autos standen auf dem Parkplatz und mein Gefühl, wenn ich hierher kam, hatte sich gewandelt. Die anfänglich beklemmende Angst hatte sich mit der Zeit in ein Glücksgefühl und Vorfreude verändert. Ich ging mit einem Lächeln auf den Lippen auf die kleine Eingangstür zu. Daniel wartete bereits auf mich und empfing mich mit einer freundschaftlichen Umarmung. Ich wurde fast zerquetscht und von den Füßen gehoben. Hustend klopfte ich ihm auf die Schulter und er ließ mich wieder herunter. Der Vollbart, den er sich neuerdings stehen ließ, stand ihm gut. Jetzt sah er wenigstens aus wie ein Mann und nicht mehr wie ein zu groß geratener Schuljunge.

„Wie geht es dir, Großer?", fragte ich mit einem Ellbogenstoß in seine Rippen. Ich grinste.

„Sehr gut und dir? Bald ist es soweit, freust du dich? ", gab er zurück, während er halbherzig meinen Ausweis kontrollierte und mich ein Stück zur Leibesvisite begleitete.

„Du siehst auch richtig gut aus", merkte ich an, „deine Augen strahlen irgendwie so. Liegt da etwa etwas in der Luft?", ich wippte verschwörerisch mit meinen Augenbrauen, doch der Beamte lachte nur und gab mir keine Antwort.

„Natürlich freue ich mich", sagte ich dann etwas sanfter und atmete tief durch, „bald beginnt endlich ein normales Leben für uns."

„Was sagt denn dein Vater inzwischen?", Daniel blieb an der Tür stehen. Ich kräuselte meine Lippen und schlug die Augen nieder.

„Ich arbeite noch daran", seufzte ich und lächelte ihn bitter an. Dann hob ich meine Hand zum Abschied und brachte die Durchsuchung hinter mich. Ich musste meine Jacke und meine Tasche einschließen, dann wurde ich von einem untersetzten, kahlköpfigen Beamten zum Besucherraum geführt. Kaum zu fassen, dass mir mein Herz nach all den Besuchen immer noch bis zum Hals schlug. Ich brauchte einen Moment, um mich zu sammeln. Mit feuchten Händen strich ich meine Bluse glatt. Dann meine Haare. Sah ich okay aus? Hatte ich zu viel Schminke drauf gemacht? Sah man mein Bäuchlein über dem Hosenbund? Ich zupfte alles zurecht, bis ich nichts mehr fand, womit ich mich aufhalten konnte.

Ich trat ein.

Es war ein großer Raum mit mehreren minimalistisch gehaltenen Tischen und Stühlen. Fast wie in einer Kantine. Grauer, schlichter Vinylboden und Leuchtstoffröhren, die ein ungemütliches Licht abgaben, das auch die hellgelb gestrichenen Wände nicht wettmachen konnten. Doch in all dieser Trostlosigkeit gab es für mich einen Lichtblick. Und dieser saß in seiner dunkelblauen Einheitskluft an einem der Tische. Seine Augen hielten mich sofort gefangen und mein Geist blendete den Rest des Saals einfach aus. Als gäbe es nur ihn. Seine dunklen Haare waren länger geworden, fielen ihm in wilden Locken in die Stirn und gaben ihm ein verwegenes aber auch irgendwie niedliches Erscheinen. Seit dem ich ihn kennengelernt hatte, waren die Schatten unter seinen Augen nie verschwunden sondern nur noch dunkler geworden. Seine Kleidung warf leichte Falten, spannte sich nicht mehr so um ihn und seine Wangenknochen traten deutlich hervor. Dennoch lag in seinen Augen ein freudiger Glanz als ich auf ihn zuging. Er schob den Stuhl zurück und richtete sich auf. Ich warf dem aufsichtsführenden Beamten einen kurzen Blick zu und bekam ein Nicken als Bestätigung.

Dann stand ich vor ihm und meine Welt drehte sich schneller, als sich seine großen, rauen Hände um meine schlossen und seine weichen Lippen meine berührten. Wie gerne würde ich mich einfach in seine Arme werfen, mein Gesicht an seiner Brust vergraben. Doch mehr als dieser flüchtige Kuss zur Begrüßung war uns nicht gestattet und das auch nur, weil die Wärter so freundlich waren, manchen Insassen solche Ausnahmen zu genehmigen. Ein sehnsüchtiges Brennen blieb auf meinen Lippen zurück, als wir uns voneinander lösten und ich zu ihm hochsah. Ein Lächeln deutete sich an seinen Mundwinkeln an, und nachdem er sich aufgerichtet hatte, streckte er seinen  Rücken und vor allem seine Schulter durch.

„Tut sie weh?", fragte ich besorgt.

Liam setzte sich wieder und machte eine wegwerfende Bewegung mit der Hand.

„Wie geht es dir, Helena?", fragte er stattdessen. Ich strahlte ihn an.

„Wenn ich dich sehe, geht es mir immer gut", grinste ich und er rollte die Augen, konnte aber nicht verhindern, dass seine Mundwinkel zuckten.

„So war die Frage nicht gemeint. Ist alles gut, auch mit deinem neuen Job?", erwiderte er.

„Ich weiß. Aber mir geht es wirklich gut. Klar, es ist noch etwas schwierig an der Arbeit. Ich bin ja erst seit zwei Monaten dort, aber meine Kollegen sind nett und so langsam finde ich mich ein."

„Und dein Vater?", fragte er nun vorsichtiger.

Ich presste meine Lippen zusammen und schüttelte langsam den Kopf. Liam schlug die Augen nieder.

„Es ist besser, wenn ich mir erst mal eine eigene Wohnung suche", sagte er, „wenn du mir von außerhalb hilfst, kann ich von hier aus nahtlos irgendwo einziehen. Es sind ja noch vier Wochen, bis ich hier rauskomme."

Ich schüttelte energisch den Kopf. Der Gedanke, dass wir getrennt leben sollten, gefiel mir überhaupt nicht.

„Mein Bruder ist jetzt alt genug, dass ich nicht mehr zu Hause wohnen muss. Lass uns gemeinsam eine Wohnung suchen, auch, wenn das bedeutet, erst Mal auf Kriegsfuß mit meinem Vater zu stehen", ich unterdrückte den Drang über den Tisch hinweg nach seinen Händen zu greifen, die gefaltet vor ihm lagen.

„Ich will nicht, dass du dich mit deiner Familie streitest. Vor allem nicht wegen mir", sagte er und seine stechenden Augen taxierten mich, „im Gegensatz zu mir hast du noch eine Familie", hauchte er dann, „du solltest sie in Ehren halten."

„Aber du bist auch meine Familie", protestierte ich. Als er scharf die Luft einzog, verstummte ich.

„Weißt du...", begann er dann und leckte sich über die Lippen. Er kräuselte die Brauen und sein Blick huschte unsicher über die Tischplatte, „ob meine Mutter nach mir gefragt hat?", fragte er dann. Diese Frage stellte er mir jedes Mal und jedes Mal konnte ich nur den Kopf schütteln. Bitterkeit erfüllte meine Brust.

„Tut mir leid", sagte ich gebrochen. Ich hasste es, wenn seine blauen Augen für einen kurzen Moment ihren hoffnungsvollen Glanz verloren. Seit dem Video hatten wir nichts von seiner Mutter gehört und Liam wartete jeden Tag darauf, dass sie sich bei ihm meldete. Doch vielleicht war ihre Botschaft gelogen gewesen. Vielleicht war da doch keine Liebe mehr für ihren Sohn übrig. Warum sonst, würde sie ihn nicht besuchen kommen? Sich wenigstens nach ihm erkundigen? Doch dann wurde sein Blick plötzlich hart und ein schatten zog über sein von feinen Narben gezeichnetes Gesicht. Seine eisblauen Augen fixierten mich.

„Und mein Vater?", sein Ton wurde schärfer.

Ich schluckte.
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WELCOME BACK!

Helena und Liam haben sehr viel Zeit getrennt verbringen müssen. Könntet ihr das? Euren Partner nur zwei mal im Monat für eine Stunde sehen, ohne ihn dann wirklich berühren zu dürfen? Die beiden haben diese Zeit fast überstanden. Jetzt kann sie wohl nichts mehr trennen, oder?

>>nächstes Kapitel: Nicht mehr wie früher

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