Der Chip

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Eine utopische Geschichte von Walter Melvin Pollak

1. Das Experiment

Längst waren die Gefängnisse und auch die Fußfessel abgeschafft worden, und da man erkannt hatte, dass es ohnehin keine Willensfreiheit gibt, war der nächste Schritt eine Art „Hirnfessel" gewesen, ein Chip, den man verurteilten Straftätern und für die Gesellschaft potenziell gefährlichen Zeitgenossen ins Gehirn implantierte und der mit allen aktuell gültigen Gesetzen und Vorschriften programmiert war. Schon lange zuvor hatte es implantierte Chips gegeben, sog. neuronale Interfaces, die zu erkennungsdienstlichen Zwecken genutzt wurden, also um nur bestimmte Personen in sicherheitsrelevante Bereiche einzulassen und eben als Ersatz der elektronischen Fußfessel mit GPS-Funktion zur Ortung der Zielpersonen, und natürlich den bewährten Gesundheitschip, wie auch bereits lange zuvor den RFID-Transponder-Chip, sowie den inzwischen sehr effizienten „Neurochip" für Blinde, eine Weiterentwicklung des Retina-Implantats, die ein Sehen sogar bei beschädigtem Sehnerv ermöglichte, und analog den Chip für Gehörlose. Vollständig Gelähmte können schon seit Jahrzehnten mittels eines implantierten Chips, der mit einem externen Rechner kommuniziert, sprechen, schreiben und Robotern Befehle erteilen, wobei man zwischenzeitlich zum Glück die meisten Wirbelsäulenverletzungen mittels Stammzelltherapie zu beheben vermag. Es verbleiben aber die Patienten mit Locked-in-Syndrom und gewissen Formen von fortschreitendem Muskelschwund, sowie Motoneuron-Erkrankungen, deren Ursache gentechnisch noch nicht behoben werden konnte. In ähnlicher Weise werden Bein- und Armprothesen gesteuert. Es wurden auch Stirnbänder entwickelt, mit denen man mittels ständiger Erfassung der Hirnströme emotionale Zustände gezielt verändern und etwa depressive Verstimmungen über eine Smartphone-App verringern konnte, was die Einnahme von Antidepressiva ersparte. 

Inzwischen war es dank der Fortschritte im Bereich der Quantenphysik und Quantenmechanik und der neuesten Rechnergeneration gelungen, bestimmte Hirnzentren gezielt und umfassend zu beeinflussen. Schon Anfang der Jahrtausendwende hatte Andreas Eschbach in seinem utopischen Roman „Black*out" die Vision eines Chips im Gehirn mit ungeahnten Möglichkeiten. Mittels künstlicher neuronaler Netze konnte man nun per Computer Hirnfunktionen simulieren, und zwar auf der mathematischen Basis der Neuroinformatik. Und Elon Musk, der damalige Chef der Firma Tesla, sagte voraus, dass neuronale Chips Menschen dazu befähigen könnten, durch Gedankenkontrolle Maschinen und Geräte zu steuern, was inzwischen längst Routine ist. Es war die Firma Neuralink, die Elektroden entwickelte, mittels derer man verschiedene Gehirnzentren mit Computern vernetzte. Mit Hilfe spezifischer Smartphone-Apps können die Träger diese Chips selbst einstellen und updaten. Schon damals hatten Evolutionskybernetiker vorhergesagt, dass durch die zunehmende Vernetzung eine Art neue Lebensform entstehen werde, eine Art Hybridwesen, in dem  die Verbindung zwischen menschlicher und künstlicher Intelligenz einen Quantensprung der Evolution herbeiführen könnte.

Bahnbrechend im Bereich der Kybernetik war der Mathematiker Norbert Wiener. In seinem Bestseller von 1948 postulierte er, dass Maschinen, Tiere und Menschen analog nach den gleichen Prinzipien hinsichtlich der Steuerung, Regelung und Informationsverarbeitung funktionierten. Mit Hilfe der Mathematik wollte man demnach diese Prozesse hinlänglich erklären können. Im Behaviorismus und der modernen Psychologie klammerte man die eigentliche Informationsverarbeitung zunächst aus und sprach von der Blackbox. Erforscht wurden die Zusammenhänge zwischen Input (Reize) und Output (Reaktionen), sowie Konditionierung und Lernvorgänge, Verhaltensmodifikation. Psychoanalytische Ansätze wurden als unwissenschaftlich verworfen. Skinner postulierte, dass mit Hilfe der richtigen Methoden, etwa der operanten Konditionierung, das Verhalten von Tieren und Menschen kontrollierbar und prognostizierbar sei. In „Walden Two" entwickelte er eine utopische Welt, in der durch Verhaltenskontrolle eine harmonische Ordnung garantiert werden sollte. Wegweisend war die Vorstellung, nicht Gewinnstreben als Maxime oben an zu stellen, sondern Werte. Dahinter stand aber mehr oder weniger unverhüllt eine Art von Kontrollwahn. Dass alles menschliche Verhalten ausschließlich von der Umwelt und äußeren Reizen abhänge, erwies sich indessen als Trugschluss. Der Mathematiker Marvin Minsky, Vater der künstlichen Intelligenz, entwickelte den ersten neuronalen Netzcomputer, der das Verhalten einer Ratte in einem Labyrinth simulierte, in Anlehnung an Skinners Tierversuche. Der Anspruch, grundlegende Prinzipien zu finden, die gleichermaßen für Lebewesen und Maschinen gelten, und damit auch eine höhere Ordnung und Struktur anzubieten, hatte etwas quasi Religiöses. Übersehen wurde allerdings dabei, dass auch dies zu hinterfragen ist. 

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