Der Schatz im Nifflerbau

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Ich nahm meinen Bleistift in die Hand und malte einen Kessel. Hier und da verbesserte ich noch einiges, dann legte ich den Stift weg und betrachtete mein Kunstwerk. Ich stand auf, stürmte ins Wohnzimmer und präsentierte das Bild stolz meinem Vater. „Wow, Luna Schatz, das sieht ja toll aus! Das wird auf alle Fälle das Cover für die Zeitung nächsten Monat", sagte er und wuschelte mir durch meine blonden Haare. Ich lächelte. Genau dafür hatte ich es gemalt. Mein Dad, Xenophilius Lovegood, war der Herausgeber der Zeitung „Der Klitterer". Ich, seine Tochter, liebte es, auch etwas zu der Zeitung beizutragen. Das war mein eines Hobby: Malen. Mein zweites war das Lernen und Lesen, welches mir zusammen mit meinem besten Freund Lucien Diggory von meiner Mutter Pandora beigebracht wurde. Ich war jetzt neun Jahre alt und eine Hexe. Deshalb würde ich auch in zwei Jahren in Hogwarts eingeschult werden. Luciens Bruder, Cedric, war schon in der Zauberschule. Dads Stimme riss mich aus meinen Gedanken. „Ach Luna, ich war gerade bei den Weasleys wegen des Artikels über Muggel und soll dich von Ginny fragen, ob du morgen Zeit hättest." Ich nickte lächelnd. Lucien, Ginny und ich kannten uns seit ich denken konnte und waren schon immer beste Freunde gewesen. Ich wüsste nicht, was ich ohne sie anfangen sollte. Die anderen Zauberer mochten mich nicht. Wann immer ich unter Leuten war, schauten mich diese doof an. Nur meine zwei Freunde hielten mich für loyal und clever.

Am nächsten Tag klingelte es an der Haustür. Ich öffnete Ginny. „Hey Luna." „Hey Ginny." Meine Mutter kam aus ihrem Arbeitszimmer, in dem sie immer experimentierte. Sie liebte das Zusammenmischen von unterschiedlichen Stoffen und tat es in ihrer Freizeit viel und gerne. Zurzeit versuchte sie einen Vielsafttrank herzustellen, den eine Person nicht in einen anderen Menschen verwandelt, sondern den Trinker unsichtbar machte. „Hallo Ginny", begrüßte Mum sie. „Geht ihr raus?" „Ja, denke schon, oder Ginny?" „Gerne." Ich trat hinter Ginny nach draußen in das wunderschöne Herbstwetter. „Bye", riefen wir im Chor. Mum winkte kurz und schloss die Tür. Ich wandte mich an meine Freundin. „Holen wir Lucien ab?" Sie nickte.

Wenig später waren wir mit Lucien zusammen auf dem Weg zu einer wunderschönen Wiese, die an einen Wald grenzte. Wir setzten uns in das feuchte Gras. Die Herbstsonne schien warm vom Himmel und ich schob meine Ärmel hoch. Mücken flogen durch die Luft. „Ihr kennt doch die Heiligtümer des Todes, oder?", fragte Lucien. Ginny und ich nickten. Dad interpretierte viel in das Märchen hinein. „Ihr glaubt gar nicht, was ich neulich gelesen habe. Da stand, dass das eine Heiligtum, der Stein, verloren gegangen sein soll. Er soll in einem Nifflerbau liegen. Und dreimal dürft ihr raten wo. Hier im Wald! Der Niffler hat ihn verschleppt, weil er so schön glänzte. Aber niemand weiß, wo der Bau ist", erzählte er aufgeregt. „Fred und George haben einen im Wald entdeckt. Sie haben ihn daran erkannt, dass überall glänzendes Zeug lag. Ich war mit den Zwillingen und Ron schon oft dort", erzählte Ginny. Luciens Augen leuchteten. „Wow, cool! Habt ihr Lust den Stein zu suchen?" „Klar", sagten Ginny und ich im Chor.

Wir machten uns auf den Weg. Bald hatten wir die Wiese verlassen und dann auch den Waldweg. Ginny lief voran. Schweigend folgten Lucien und ich ihr. Wir gingen immer tiefer und tiefer in den Wald. „Weißt du wirklich, wo es lang geht, Gin?", rief ich nach einiger Zeit. „Natürlich! Seht ihr diesen Baum hier? Ein klares Zeichen, dass wir auf dem richtigen Weg sind", sagte Ginny. Wahrhaftig lag rechts von uns eine große, umgestürzte, sehr stark bemooste Birke. Ob sie wohl Wesen als Zuhause diente? Vielleicht Nargel? Ach nein, die nisten ja nur in Mistelzweigen! Wir überquerten den rutschigen Stamm und gingen weiter. Es roch nach Regen und kaum hatte ich diesen Satz zu Ende gedacht, fielen auch schon die ersten dicken Tropfen vom Himmel. „Wollen wir nicht umdrehen?", fragte ich, „nachher wird es bestimmt noch mehr!" Doch Ginny und Lucien hatte das Abenteuerfieber gepackt. „Es ist nicht mehr weit. Und das sind bestimmt nur ein paar Tropfen", hörte ich Ginny sagen. Sie war zwar immer die Mutigste von uns, doch so übermutig war sie selten. Wahrscheinlich hatten sich ein Schlickschlupf in ihrem Kopf breitgemacht. Das war es bestimmt. Ich sah zum Himmel hoch. Eine graue Wolkendecke hatte sich über die Sonne geschoben. Lucien und Ginny gingen weiter und ich folgte. Plötzlich hielten sie an. „Hier ist er", sagte Ginny triumphierend. Tatsächlich ging neben ihren Füßen ein Loch in den Boden. Überall lagen Münzen. „Sucht nach etwas Hühnerei Großem", ordnete Lucien an. Ich ließ mich in den Vierfüßlerstand sinken. Meine Knie berührten das nasse, aber weiche Mos. Sofort war meine Jeans an den Knien feucht. Der Niederschlag wurde heftiger und mir wurde kalt. Trotzdem kroch ich über die Erde. Meine langen Haare fielen mir feucht ins Gesicht. „Hier ist nichts!", rief ich. „Hier auch nicht. Lucien, hast du schon was?", fragte Ginny von der anderen Seite des Baus. „Nein." „Können wir bitte zurück? Bitte!", bettelte ich. Ich richtete mich auf. Der Regen klatschte mir ins Gesicht. Meine Freunde sahen mich an. Ginnys harter Blick wurde weich. Auch ihr rotes Haar war klitschnass. „In fünf Minuten machen wir uns auf den Rückweg, okay?" Ich nickte. Lucien legte sich an den Rand des Baus und taste nach etwas dort drin. Sein Gesicht hellte sich auf. „Ich hab was!" Er tauchte mit einem schwarzen, glänzenden Stein wieder auf. „Zeig mal!", forderte ich. Er hielt ihn mir unter die Nase. „Da, das Zeichen der Heiligtümer!", schrie er aufgeregt und stopfte ihn eilig in seine Tasche. Mit viel Fantasie stimmte es. Aber nur mit viel Fantasie. „Naja, finde ich jetzt nicht so. Er sieht eher aus, als ob er mit einem anderen Stein zusammen geprallt wäre", sagte ich nüchtern. Lucien warf mir daraufhin einen mörderischen Blick zu. Was wäre eigentlich, wenn Blicke töten könnten? Dann würde es auf der Welt keine Lebewesen mehr geben, allerdings...

RUMS. Es donnerte und der Knall riss mich aus meinen Gedanken. Wir drei sahen uns an und rannten los. Der Himmel verdüsterte sich. Ein Blitz erhellte den Wald. „Achtung die Wurz..." Ich stolperte über eine Wurzel und mein Gesicht knallte auf den Waldboden. Ich rappelte mich hoch. Meine Nase schmerzte. „Egal. Weiter!" Ginny sah sich um. „Wo ist Lucien?", schrie sie. Ich blickte mich um. „Er war die ganze Zeit hinter mir!" „LUCIEN!", brüllte Ginny. Ihre Stimme ging im Donner unter. „WO BIST DU?", schrie ich. Keine Antwort. Ginny drehte sich um und rannte zurück. Der Himmel leuchtete weiß. „Wir müssen Lucien finden!" „Übermut tut selten gut", seufzte ich. Trotzdem lief ich ihr hinterher.

Es donnerte wieder. Er klang jetzt ganz nah. Vielleicht suchte er jetzt schon seine Opfer. Zuerst wollte er, dass sie sich zu Tode rannten, und dann wollte er sie...Luna, konzentrier dich!, ermahnte ich mich selbst. Lucien war nirgends zu finden. Plötzlich blitzte es und eine Säule aus weißer Energie traf einen Baum keine 50 Meter vor uns. Der Baum spaltete sich krachend in zwei Teile. Ich schrie, packte Ginnys Hand und rannte. Der Regen trübte meine Sicht. Als der nächste Blitz einschlug, schoss mir die Panik, dicht gefolgt von Adrenalin, durch die Adern. Ich hatte ungeheure Seitenstiche. Ginny zerquetschte meine Hand. Und dann sah ich es. Der Wald endete und die Wiese begann. Wir blieben abrupt stehen. Ich deutete auf die Wiese. „Was machen wir jetzt? Weiterlaufen wäre Selbstmord!" Ich atmete schnell und war nass bis auf die Haut. Wir hatten zwei Möglichkeiten: rennen oder stehen bleiben. Angesichts des starken Regens, den rollenden Donnern und den sekündlichen Blitzen beides keine gute Idee. Ich sah zu meiner Freundin. Sie stand leicht nach vorne gebeugt da und atmete schwer. Sie schien beide Möglichkeiten im Kopf durch zu gehen. Dann richtete sie sich auf und versteifte plötzlich. „Hast du das gehört?", fragte sie. „Da hat jemand unsere Namen gerufen...jetzt schon wieder!" Da hörte ich es auch. Die Stimme kam aus dem Wald. War das jetzt schon der Gesang des Todes? Hatten sich jetzt schon Geister in meinem Kopf breit gemacht? Trotzdem brüllte ich mit Ginny zusammen: „WIR SIND HIER!!!" Wieder schlug ein Blitz krachend in einen Baum ein. Auf einmal erschien Arthur Weasley wie aus dem Nichts vor uns, packte uns an den Armen und disapperrierte.

Es fühlte ich an, als ob ich durch einen engen Schlauch gepresst wurde. Dann sah ich unser Haus. Wir waren in Sicherheit. Unser Haus wurde von einem Zauber geschützt, so dass Gewitter im Radius von 800 Metern vollkommen ungefährlich waren. „Wie haben Sie uns gefunden?", fragte ich. „Xeno hat gesagt, ihr weret im Wald. Dann haben wir uns auf die Suche gemacht. Natürlich haben wir vorher einen Trank getrunken, der uns vor dem Gewitter schützte. Lucien ist schon im St. Mungo. Er ist nicht ganz bei Sinnen. Xeno und die anderen dürften gleich hier sein. Ich habe sie schon kontaktiert. Deine Mutter ist im Haus, Luna. Sie sagte, sie wäre nicht gerne draußen während eines Gewitters und brauche die Energie des Blitzes für irgendein Experiment." Wir drei gingen auf die Haustür zu. Ich war unglaublich erschöpft.

BANG. Ein lauter Knall, der nichts mit dem immer noch wütenden Gewitter zu tun hatte, drang aus unserem Haus. „Zurück!", schrie Mr. Weasley. Das Haus explodierte und die Einzelteile flogen in alle Richtungen. Trotz des Regens stand das ganze Haus in Flammen. Das Feuer nahm die Gestalt einer Schlange an. Plötzlich waren überall Leute. „Ein Dämonsfeuer!", rief jemand entsetzt. Ich sah zu Ginny. Sie starrte das Haus mit vor Panik geweiteten Augen an. Da kam mir ein schrecklicher Gedanke: Mum war im Haus gewesen! Tränen flossen mir aus den Augen und trübten meine Sicht. Ginny nahm mich in den Arm. Ich hatte nur noch ein Gedanke: Meine Mum war tot.

Elf Jahre später:

Ich saß neben Ginny auf dem Sofa im Fuchsbau. Wir blätterten durch ein altes Fotoalbum. Von einem Bild lächelten wir hinauf. Lucien, Ginny und ich. Lucien hatte ein paar Wochen nach dem Desaster im Wald Selbstmord begangen. Er war verrückt geworden. Der Stein, mit dem er damals verschwand, um ihn für sich alleine zu haben, war eine Fälschung. Die Information für die Lage des Steins hatte er aus einem schwarzmagischen Buch. Vor zwei Jahren war Dad gestorben. Mum. Dad. Beide fort. Ron und Harry betraten den Raum, als mir Tränen in die Augen stiegen. Ginny sah mich an und nahm mich in den Arm. „Schau mal Luna, was deine Eltern alles geschafft haben", sagte Harry, der ahnte, woran ich dachte. „Ja. Sie waren glücklich", sagte Ginny, die mich immer noch umarmte. Ja, sie waren glücklich. Also werde ich es auch sein. Und das erste Mal seit einer gefühlten Ewigkeit lächelte ich.

Der Schatz im NifflerbauWo Geschichten leben. Entdecke jetzt