*6. Wenn das passiert, was nicht passieren sollte*

6.7K 533 18

Ich fühlte mich, als hätte das Schicksal nur darauf gewartet, dass meine Probezeit vorbei ging.

Selbst wenn das Schicksal nicht gewartet hatte, Mrs Mourin hatte dies definitiv getan. Es war Montag, ziemlich sonnig, auch wenn mir eher nach Regen war. Ich war meine ganze erste Woche brav gewesen, hatte keine Faxen gemacht, die Aufgaben in meinem Heft gelöst und mit geschrieben, ich habe mich weder geprügelt, noch habe ich meine Hausaufgaben vergessen zu machen. Und das sollte der Dank dafür sein, dass ich eine wahre Musterschülerin war?

Vielleicht hätte ich aufrechter sitzen sollen, nicht so in dem Stuhl hängen.

Jedenfalls waren Mrs Mourins Worte folgende: »Miss Barrow, wissen Sie die Antwort?« Dieser eine Satz ließ meine kleine Schutzblase zerplatzen und beförderte mich gewalttätig ins Hier und Jetzt. Wie ein geblendetes Reh starrte ich die Tafel an, unfähig auch nur einen Muskel zu bewegen. Ich spürte die Blicke meiner Mitschüler in meinem Rücken, sie hatten sich allesamt zu mir gedreht, warteten darauf, wie ich Reagierte. Ich fühlte mich schrecklich, war es überhaupt möglich, dass ich einfach verschwand?

Doch ich lief nicht davon. Langsam atmete ich tief ein und aus, versuchte die Panik zu unterdrücken und richtete mich schließlich auf. Die Blicke folgten mir und Mrs Mourin grinste zufrieden als ich meine Finger um ein Stück Kreide schloss. Ich wollte ihr das Lächeln aus dem Gesicht schneiden oder wenigstens das schmutzige Tafelwasser über sie kippen. Die Kreide fühlte sich ungewohnt in meiner Hand an und als ich sie an die Tafel setzte, um die erste Zahl zu notieren, quietschte sie. Erschrocken zuckte ich zusammen und löste das Stück Kreide von der grünen Wand.

Es war eine einfache Wiederholung der „PQ-Formel". Eine so einfach Aufgabe und trotzdem fühlte ich mich, als hätte mich ein Lastwagen überfahren.

Wenn nicht sogar zwei.

Ich hatte solche Aufgaben schon tausendmal mit Mrs Mourin gelöst. Ich schluckte erneut schwer und setzte die Kreide erneut an. Ich wusste, dass ich mich zum Gespött machte, doch ich verweilte einige Sekunden mit erhobenen Hand vor der Tafel, ehe ich begann die Aufgabe zu lösen. Ich machte eine Substitution, setzte ein und zum Schluss ließ ich mir stumm die Lösung diktieren, die ich nicht im Kopf hatte rechnen können.

Zum Schluss drehte ich mich wieder zur Klasse und starrte ihnen regungslos entgegen. Kathrine war die erste, die sich fing. Sie gab den Leuten um sich herum einen Stoß und senkte den Blick. Ihre Bewegung brach auch in mir die Starre und ich atmete tief durch die Nase ein. Geschafft. Hastig ging ich zurück zu meinem Platz und ließ mich auf meinem Stuhl nieder. Während ich meinem Herz beim Schlagen zuhörte starrte ich auf das unbeschriebene Blatt aus meinem Block.

Ich wollte den Raum verlassen.

Ich musste ihn verlassen.

Mrs Mourin hatte den Unterricht bereits fortgesetzt und alle hörten ihr mehr oder weniger zu. Vermutlich eher weniger, als ich den Blick wieder hob sah ich, wie Jay desinteressiert mit schrieb, Kathrine zupfte an ihren Armbändern herum und die rothaarige Miranda unterhielt sich mit dem Mädchen neben sich, welches auf ihrem Handy herumtippte. Das es den Lehrern nicht auffiel, dass ihre Schüler alles andere taten, als mitzuarbeiten.

Ich überlegte, ob es sich lohnen würde abzuhauen. Nach Mathe hatte ich noch drei weitere Stunden Unterricht, keinen davon unterrichtete Miss Luzy oder Mrs Mourin.

Ich könnte weglaufen, weit fort.

Mir die Stadt ansehen und Brücken entlang laufen.

In die tiefe schauen und fliegen.

Vermutlich würde ich es niemals schaffen unentdeckt die Schule zu verlassen und mein Leben zu beenden. Meine Pläne liefen nicht so, wie sie es sollten. Diese Erfahrung habe ich in den drei Jahren voller schweigen gemacht.

Cynthia Barrow - Alle meine WünscheLies diese Geschichte KOSTENLOS!