Böcke und Irrlichter

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,,H-Helen!" presste ich hervor. Meine Stimme war nur ein sachtes hauchen im Vergleich zu dem erheiternden Gesängen der Wesen um mich herum. Plötzlich schob sich ein Paar Hufe in meine Sicht und ein grinsendes, bärtiges Gesicht neigte seinen Kopf zu mir. ,,O Brüder. Wir haben eine mit großem Widerstand inne gefangen," trällerte der Schafsmann los. Ich wusste nicht wie ich sie sonst nennen sollte, also waren es nun Schafsmänner für mich. Aber ich erinnerte mich nur vage daran, dass der alte Drache vor diesen Mischwesen gewarnt hatte. Doch ich konnte beim besten Willen die Erinnerungen seiner Worte nicht zurück holen. ,,Wahrhaftig! Das Weib ist aufgewacht," rief ein anderer und streckte mir einen Weinbeutel hin. ,,Trink, dass schmeckt unwiderstehlich. Das trinken wir nur." Ich bewegte meine zitternde Hand danach aus, doch nicht um meine trockenen Lippen damit zu benetzen, sondern um sie ignorant weg zu schlagen. ,,Was wollt ihr von uns?" keuchte ich und versuchte mich aufzurappeln. Doch irgendwie wurde mir schwindelig und fiel mit einem frustrierten Aufschrei zurück auf meinen Hintern. ,,Oho, diese hier ist wahrlich eine Kämpferin. Brüder, wir können von Glück sagen, dass sie unbewaffnet ist," gluckste ein weiterer, der ein rohrförmiges Instrument an den Lippen führte und hinein blies. Heraus kamen weitere lockenden Töne. Unbewaffnet? Mit kaltem Angstschweiß bemerkte ich, dass mein Schwert nicht länger an meinem Gürtel hing. ,,Wo ist es?!" Die Schafsmänner schauten nur verwirrt drein, andere lachten nur kehlig. ,,Sagt es mir, wo ist mein Schwert, Schafsmänner?!" Abrupt stellte sich das Gelächter ein, brach daraufhin nur noch lauter aus. ,,Schafs-Schafsmänner?" japste einer mit gezwirbeltem Oberlippenbart. ,,Das ist was Neues," prustete ein anderer. ,,Wir sind keine Schafe, törichtes Weib. Wir sind halb Mann, halb Ziegenbock. Siehst du nicht unsere starken Hufe? Unsere kräftigen Hörner? Unser seidiges Fell? Unsere gut gebauten Oberkörper?" brüskierte sich ein etwas jüngerer der Horde. ,,Mich schert es ein Dreck! Ihr Böcke solltet uns besser in Ruhe lassen!" Die Wesen kicherten wie Kleinkinder, nur mit tiefen, kehligen Stimmen. ,,Weib. Deine Witzeleien amüsieren uns! Ich bin es fast schon leid, dass du nicht ewig uns erheitern wirst." Der Bock, der dies aussprach, leckte sich mit finsterem Blick über die trockenen Lippen und goss sich den roten Wein in die Kehle. ,,Was meint ihr?" ,,Wir sind nicht nur für unsere rauschenden Feste und dem guten Wein bekannt, Weib," der Jüngling grinste breit mit einem verheißungsvollen Funkeln in den schwarzen Augen ",wir sind zudem noch für unsere Genießsucht bekannt." ,,Genießsucht? Was soll das bitteschön sein?" Verwirrt zog ich die Stirn kraus. ,,Brüder, lasst uns dem Weib zeigen, was wir damit meinen," grinste ein anderer. Plötzlich jauchzte die Horde auf, sprangen wild umher, tanzten noch ausgelassener, spielten die Musik noch lauter und einige traten zu mir. Sie begannen mich hoch zu heben, wie eine Puppe reichten sie mich zum nächsten, ein jeder fasste mich begierig an. Übelkeit machte sich in meiner Magengrube breit. ,,Lasst mich gefälligst los!" ,,Es wird dir gefallen. Jeder hat es gefallen," sangen sie zusammen. ,,Und deine Begleiterin wird nach dir der Genießsucht erliegen." ,,Nein! Lasst uns! Shruikan!" schrie ich. Sie lachten und reichten mich einfach weiter, packten mich grob unter den Armen, an den Beinen. Einer spielte dicht neben mir eine silberne Flöte, die kunstvolle, wunderschöne Töne von sich gab. Ich wurde dadurch irgendwie besänftigt. Dann begannen sie langsam, ganz langsam, sodass ich es nicht bemerkte, meine Kleidung von mir zu streifen. Erst als ein Funken des aufflammenden Lagerfeuers meinen nackten Fuß berührte, zuckte ich aus meiner widerstandslosen Starre. Wieder hatte mich der Gesang und die Musik von ihnen in eine verzauberte Trance gebracht. So hatten sie es wohl überhaupt geschafft mich und Helen zu verschleppen. Mit diesen hypnotisierenden Klängen und Tönen. ,,O Kämpferin gib doch nach. Vertrau uns," flöteten sie in meinem rauschenden Ohr. ,,Nein," flüsterte ich widerstrebend, doch kraftlos. Wie schafften sie es nur mich mit bloßen Tönen so zu schwächen? Da wäre mir das andere Mischwesen, diese Vogelfrau, bei meinem letzten Auftrag beinahe schon lieber als Gegner, als diese behaarten und musizierenden Gesellen. Plötzlich wurde an meinem letzten Wams gezogen. Panisch schlug ich die nach mir greifenden Hände weg. ,,Hört auf!" schrie ich, wand mich, schlug um mich bis man mich endlich frei gab. Doch sie grinsten mich nur weiterhin anmaßend an, berauscht vom Wein und ihrer eigenen verzauberten Musik kamen sie mir wieder näher. Ich wich zurück, stieß mit dem blanken Fuß gegen etwas. Es war ein spitzes Horn. Trügt mich meine Erinnerung oder könnte es das Horn gewesen sein, welches wir am Steintor gehört hatten? Ich schob den Gedanken wieder weg. Es war unwichtig, denn dieses Horn konnte mir nun behilflich sein die aufdringlichen Böcke von mir fern zu halten. Ich packte es und hielt das spitze Ende schützend wie ein Dolch vor mir. Sie musterten nur schelmisch grinsend das Horn, kamen dennoch näher. ,,Ich warne euch. Ich bin eine ausgebildete Drachenritterin und weiß sehr wohl mich selbst mit so simplen Gegenständen zu verteidigen!" knurrte ich und dies entsprach sogar der Wahrheit. Owen hatte mir damals nicht nur Unterricht im Schwertkampf gegeben, sondern mich auch gelehrt, dass man selbst mit einem gewöhnlichen Kochlöffel jemanden töten konnte. Nein, nicht zu Tode kochen, sondern in den Hals des Angreifers rammen, sodass er daran erstickt. Eklig, aber effektiv, meinte Owen damals. Als schließlich der Jüngling seine Hand bereits nach meinem nun wenig bedeckten Körper ausstreckte, stieß ich ihm das Horn mit voller Wucht in das Auge. Brüllend taumelte er erschrocken zurück, das Horn nahm er unglücklicherweise mit sich. Urplötzlich stoppte der Gesang, das ausgelassene Saufen, die Heiterkeit um mich herum. Zahlreiche Augenpaare beäugten mich nun mit einer Mischung aus Fassungslosigkeit und Wut. ,,Weib. Das hättest du nicht tun sollen," zischte der Jüngling, richtete seine scharfen Hörner auf mich, wie ein wild gewordener Bulle und preschte auf mich zu. Ich konnte noch rechtzeitig ausweichen, sonst wäre er mit gewaltiger Kraft in mich hinein gekracht. Nun kamen mir jedoch die anderen Böcke gefährlich Nahe. Einer wagte es, packte mich von hinten und bekam sogleich meinen Ellenbogen in das makabere Gesicht geschlagen. Vor Schmerz auf heulend wie ein wildes Tier wich er zurück, wurde jedoch sofort von zwei weiteren Händen ersetzt. Und weiteres und noch ein weiteres Händepaar packte mich grob an der blanken Haut. Mir wurde bewusst, was diese Böcke mit mir vor hätten, würde ich nun kampflos da stehen. Ich sammelte meine letzten Kräfte, riss mich von den rauen Händen los und stolperte um das Lagerfeuer herum. Irgendwas musste doch noch hier rum liegen, was ich als Waffe einsetzen konnte? Ein bleiernes Funkeln ließ mich plötzlich erstarren. Eine hölzerne, halb geschlossene Kiste stand am Rande des Lagers. Ich lief hin, knallte die Kiste auf und entdeckte mit unbändiger Freude mein Schwert unter zahlreichen Kelchen und mit Weinreben verzierten Gegenständen. Eilig zog ich die wundervolle Klinge und stellte mich den verdutzten Wesen. ,,O Kämpferin, welch Glück du doch hast. Aber wir wollen wirklich nichts böses, nur deinen Genuss ermöglichen," lockte wieder einer der Böcke. ,,Lasst uns endlich in Ruhe, oder es wird euch Leid tun. Das war meine letzte Warnung," grollte ich wutentbrannt und fühlte mich gerade einfach nur Unwohl, noch immer die vorherig groben Hände auf meiner blanken Haut spürend. Einige wichen zurück, verschwanden in den Schatten der umliegenden Bäumen. Andere, wie zum Beispiel der Jüngling blieben. ,,Brüder! Wir sind ein Volk, welches nur feiert, Genießsüchtig ist und den Wein liebt. Kommt und lasst die Weiber, wenn wir doch bei anderen mehr Erfolg haben ihren Genuss zu steigern!" riefen die Flüchtenden aus den Schatten zu ihren Brüdern, die hier geblieben waren. Doch diese bewegten sich nicht. Ich ließ meinen Blick rasch schweifen. Nur fünf waren von den Dutzend übrig. Ich könnte es schaffen sie zu vertreiben, aber nicht ohne einen von ihnen zu töten. Zu groß war ihre Sturheit und ihr Stolz, dass merkte ich sofort. Der Jüngling stürzte sich wieder auf mich. Mit einem geschickten Schlag trennte ich ihm sein rechtes Horn ab. ,,Wie kannst du es wagen! Ohne meine zwei Hörnern bin ich kein akzeptierter Mann!" kreischte er und verzog das Gesicht qualvoll. Wieder versuchte er mich mit seinem verbliebenen Horn zu rammen. Dieses Mal musste ich es tun, anders hätte er mich erwischt. So blitzte meine neue Klinge hervor, lechzte nach seinem ersten Opfer. Schließlich zog ich die Schneide aus dem Bauch des Jünglings. Dieser sackte zu Boden und rührte sich nicht mehr. Ich streckte meine Klinge vor meinem Gesicht aufrecht, musterte diese mit irritierter Faszination, da sich das Blut nicht auf der gesamten Klinge verteilt hatte, sondern langsam von dem roten, langgezogenen Strich aufgesogen wurde. Grenzte das schon an Magie? ,,Wir haben verstanden. Kommt Brüder. Unser kleiner Bruder musste sein Leben geben um uns zu verstehen geben, dass es sich nicht lohnt. Wenn wir sterben, werden wir kaum mehr in den Genuss vom herrlichen Wein und dem Weibsbild kommen," rief einer der verbliebenen und sie stoben daraufhin wie eine erschreckte Herde Rehe davon. Mein Puls beruhigte sich ein wenig. Kurz wusste ich nicht so Recht, was ich nun tun sollte. Dann kam ich wieder zu Besinnung. Bloß weg hier. Dieser Ort hatte etwas einschläferndes. So kleidete ich mich eilig wieder an, aber nicht ohne Tränen zu vergießen. Der Gedanke, dass diese Kreaturen mich fast beschmutzt hätten, ließ mich Galle spucken. Ich eilte schließlich zu Helen, die noch immer seelig zu schlummern schien. Doch dies war nicht der tiefer Schlaf, den die Böcke verursacht hatten, denn der verzaubernde Gesang hatte nun geendet und sie schläft sicher nur ganz normal. Langsam rüttelte ich sie wach. ,,Helen?! Helen wach auf!" Sie brummte etwas und schlug schließlich ihre Augen auf. ,,Aya? Was ist denn? Wollen wir schon weiter?" Eilig erklärte ich ihr alles, drängte sie zur Eile, da dieser Ort nur verflucht sein konnte. Zusammen suchten wir unsere Sachen zusammen auf, denn unsere beiden Fell Mäntel fehlten uns. Wir fanden sie in einem Haufen von anderen Fellen. Als wären es Trophäen hatten sie sie aufgestapelt. Wir nickten uns zu und begaben uns aus dem Lager. Helen führte eine Fackel mit sich, die sie aus dem Lagerfeuer geklaubt hatte. Die Dunkelheit wich uns nun, doch wir wussten nicht einmal wo wir uns befanden. ,,Shruikan hörst du mich?!" Das Band zwischen uns war noch da, doch irgendwie fühlte es sich so an, als wäre er in weiter Ferne. Unerreichbar für mich.

Aya -Tochter der DrachenLies diese Geschichte KOSTENLOS!