Unschuld Teil 2

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Die Wochen gingen ins Land, und der Winter hatte die Stadt fest im Griff. Manchmal zählte Tarn die Tage, nur um sich ausrechnen zu können, wann es wärmer werden musste, aber Trost spendete ihm das kaum. Der Januar ging in den Februar über ohne dass sich das Wetter besserte. Dion bekam erst einen Schnupfen, dann Fieber, und drei Tage lang wachte Tarn an seinem Bett, bis es ihm endlich wieder besser ging. Danach sehnten sie beide noch mehr als zuvor den Frühling herbei. Aber er wollte noch lange nicht kommen.

Tarn hielt sich mehr schlecht als recht mit Diebstählen über Wasser; die lange Kälte half ihm nicht gerade dabei. Die Einbrüche häuften sich, denn auf der Straße zu schlafen bedeutete den sicheren Tod, und daraufhin verstärkten die Wachen ihre Patroullien durch die Stadt.

Aber auch tagsüber hatte Tarn nicht mehr Glück. Er zog immer engere Kreise um das Anwesen, riskierte auch, von Karvashs Wachleuten gesehen zu werden. Irgendwann beschattete er selbst Gäste des Bordells, nur in der Hoffnung, Bruchstücke von dem zu erhaschen, was im Inneren vor sich ging. Und wenn er einen der Diener erwischte, verfolgte er ihn oft kilometerweit durch die Stadt, zu Wohnhäusern, anderen Anwesen, in Schenken. Heraus kam dabei nie etwas. Aber hatte er eine Wahl? Er konnte nicht aufgeben; er hätte nicht einmal vor Dion zugegeben können, dass er nicht weiter wusste.

Und endlich, nach einer Ewigkeit des Wartens, erhielt er eine Chance.

Es war ein stürmischer und klirrend kalter Nachmittag gewesen, der Himmel bedeckt von schiefergrauen Wolken, die keinen Lichtstrahl durch ließen. Tarn hatte das Anwesen mehrmals vergeblich umrundet, und irgendwann aufgegeben, sich durch den beißenden Wind zu kämpfen. Stattdessen hatte er beschlossen, im Schutz einer schmalen Gasse auszuharren, ganz in der Nähe der Ställe und der Wirtschaftsgebäude. Dort hatte er zwei weitere Stunden zugebracht, oder vielleicht auch nur anderthalb, er hatte sein Zeitgefühl verloren.

Sollte er einfach heim gehen? Das fragte er sich zum vielleicht hundertsten Mal, während er seine eiskalten Hände rieb; schon seit dem Anbruch der Abenddämmerung quälte ihn ein tiefer, pulsierender Schmerz in den Fingergelenken, den er inzwischen nur zu gut kannte. Seine Füße waren taub. Das Wetter wurde auch nicht besser: es schneite wieder, und der böige Wind tat sein Übriges, ihn von seinem Platz zu vertreiben.

Er hatte gerade den Kopf gesenkt, hauchte feuchtwarme Luft in seine Hände, als er plötzlich von fern ein vage bekanntes Gesicht erspähte: einen der Diener, die er manchmal im Gespräch mit Danilo und Jefrem gesehen hatte. Seinen Namen wusste Tarn nicht, er hatte ihn eigentlich nie so recht wahrgenommen. Der Mann war vielleicht um die sechzig, hatte sich warm eingepackt und stapfte zielstrebig, die Hand zum Gruß hebend, an den Wachen vorbei aus dem breiten Tor des Hofes, und war kurz darauf in eine Gasse eingebogen.

Fast wäre Tarn vor Unentschlossenheit und Überrumpelung einfach stehen geblieben, und er verdankte es wohl nur einem Reflex, dass er vorwärts stolperte. Dann begann sein Herz wie verrückt zu schlagen, und seine Beine nahmen ihm die Entscheidung ab; er rannte dem Mann nach, hastete um die Ecke des Hauses und hatte ihn gleich darauf wieder im Blick. Jetzt zwang er sich, ihm möglichst unauffällig zu folgen.

Einfach war das nicht, er hatte Mühe, Schritt mit dem Alten zu halten, so in Eile schien er zu sein. Er schlängelte sich gezielt zwischen entgegen kommenden Menschen hindurch, verschwand manchmal hinter vorbei fahrenden Karren, bog immer wieder unvermittelt ab, sodass Tarn ihn mehrmals aus den Augen verlor und rennen musste, um ihn nicht ganz zu verlieren. Mehrmals dachte er, ihn endlich, irgendwo in einer ruhigen Seitenstraße, anhalten und ansprechen zu können. Doch immer, wenn Tarn gerade zu einem Sprint ansetzen wollte, kamen ihm wieder Menschen entgegen, kreuzten sich die Gassen mit geschäftigen Straßen, und machten ihm jede Gelegenheit zunichte.

Nirgendwo (BoyxBoy)Lies diese Geschichte KOSTENLOS!