*5. Das Mädchen, das anders war*

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Auf unserer Schule behauptete jeder von sich, etwas Besonderes zu sein. Sie nannten sich „Hipster" und wehrten sich gegen den „Mainstream", nur um dann schließlich genauso auszusehen wie der Rest der Schule.

Ich bin ein Skater, genauso wie ungefähr dreiundfünfzig Prozent der Schüler. Vielleicht ist das Besondere an mir, das ich lese, etwa wie vierzehn Prozent meiner Mitschüler. Was ich allerdings noch nicht erlebt habe ist, dass sich jemand für die Psyche der Menschen so interessiert, wie ich es tue.

Jungs wie Davide versuchten es mit der Masche des Ober-Hipster-Machers, übersahen dabei allerdings den Punkt, dass man mehr brauchte, als nur Muskeln, um ein Mädchen zu verführen.

Vor allem, wenn man ein Mädchen wie Cynthia Barrow verführen wollte.

Es war nicht meine Idee gewesen, ich hatte damals weder Lust noch Zeit gehabt, um mich auf etwas „Ernstes" einzulassen. Doch Cynthi hatte etwas Magisches an sich. Sie war nun wirklich die Einzige, die sich als Hipster bezeichnen konnte. Sie war anders als der Rest. Vermutlich war das genau der Grund, wieso ich etwas von ihr wollte, ich wollte diese Herausforderung annehmen.

Als sie an jenem Tag die Tür zu der Kabine öffnete, hatte es mir die Sprache verschlagen. Niemals hätte ich geglaubt, sie je so zu sehen. Ihre Augen waren gerötet und obwohl ihre Hände zitterten, hatte sie sich um ihr alltägliches Pokerface bemüht. In diesem Moment hatte sie mich so sehr an Kathrine erinnert, dass ich das Geld vollkommen vergaß. Alles was gezählt hatte, war sie. Sie hatte Hilfe gebraucht und ich wollte sie ihr geben. Cynthia sah aus, als sei sie am Ende.

Ohne recht überlegt zu haben, was ich da eigentlich tat, schloss ich sie in die Arme. Ich hatte mich gefühlt, als sei ich der Hilflose, der Ertrinkende. Ihre Arme hingen bloß kraftlos an ihren Seiten herunter und grade, als ich mich von ihr hatte lösen wollen, hat sie ihr Gesicht in meiner Schulter vergraben und sich in meinen Pullover gekrallt. Cynthia hat daraufhin angefangen bitterlich zu weinen.

Und ich Idiot dachte wieder an das Geld ihrer Eltern. Wenn ich so Recht überlege, würde ich mein Früheres-Ich am liebsten erwürgen. Cynthia Barrow war der stärkste und wundervollste Mensch, der mir je über den Weg gelaufen war.

Während ich vor meinem Laptop sitze und ihre Geschichte abtippe, sie Korrektur lese und immer wieder an ihren Zeilen verzweifle, würde ich gerne in der Vergangenheit zurück reisen können. Ich würde vieles an meinen Taten ändern, vermutlich bin ich das größte Arschloch gewesen, dem sie hatte über den Weg laufen können.

Ich hasse mich für die Gründe, weswegen ich auf die Männertoilette ging.

Hasse die Gründe, wieso ich anfing Zeit mit ihr zu verbringen.

Ich hasse mich dafür, dass es viel zu lange gedauert hatte, um sich in sie zu verlieben.

Cynthia hatte ihre Selbstbeherrschung an diesem Tag das erste Mal vor jemandem verloren. Ich bin da gewesen, hatte nicht verstehen können, wieso sie weinte, aber Cynthia schluchzte gute zehn Minuten in mein T-Shirt, ihre Finger hatten sich die ganze Zeit über krampfhaft an meinen Rücken gekrallt. Ich hatte mich genauso still verhalten wie Cynthia. Kathrine hätte bestimmt die passenden Worte gefunden, Kath hätte für jede Situation die passenden Worte gefunden, ich hingehen schwieg genauso wie Cynthia. Vielleicht war es in dem Moment auch die bessere Entscheidung gewesen, denn nach diesen zehn Minuten hörte sie ganz plötzlich von einer Sekunde zur nächsten auf zu weinen und stieß mich von sich. Cynthia würdigte mich keines Blickes, während sie sich ihre Hände und das Gesicht wusch. Sie sie hochsah, schweifte ihr Blick im Spiegel über mich. Nicht einmal eine Sekunde später, hatte sie ihre Augen wieder auf ihre Hände gerichtet, welche sie noch immer unter dem Wasserstrahl hielt.

»Ich wäre dir echt dankbar, wenn du das mit meiner Mutter für dich behalten würdest.«, stammelte ich an diesem Tag dümmlich hervor und verließ die Männertoilette. Unsere Blicke trafen sich ein letztes Mal in dem Spiegel. Ich konnte ihren Blick nicht deuten, sie wirkte so verschlossen wie immer. Mrs Barrow stand an einer Wand gelehnt und unterhielt sich mit Dr. Houls. Sie bemerkten mich nicht einmal und eine gewaltige Wut kochte in mir hoch.

Es ist nun fast ein halbes Jahr her, dass ich Cynthi das erste Mal umarmt hatte, doch ich sehe diesen Tag vor mich, als wäre es erst gestern gewesen. Sie hatte mich gebeten, es zusammen mit ihr zu schreiben. Es sollte nicht ihr alleiniges Werk sein, sie bettelte so sehr darum.

»Ich wüsste nicht einmal, wo ich anfangen sollte.«, hatte ich widersprochen. Ihr Kopf ruhte an meiner Schulter und wir lagen auf meinem Bett. Es war ein warmer, sonniger Tag und ich kann sie noch immer lachen hören. Cynthias Lachen war bezaubernd.

»Als du mich kennen lerntest.«, hatte sie wie selbstverständlich geantwortet. Zuerst dachte ich, sie würde ihren ersten Schultag meinen, aber an dem Tag lernte ich Cynthi nicht kennen. Das erste Mal waren wir uns auf der Männertoilette Nahe gewesen, sie hatte etwas von sich preisgegeben, ich etwas von mir.

Ich frage mich oft, was passiert wäre, wenn ich nicht einfach abgehauen wäre, doch die Situation hatte mich an jenem Tag so dermaßen überfordert, dass ich es nicht länger ertragen konnte, in ihr verweintes Gesicht zu blicken. Ich frage mich, ob ich ihr dann hätte vielleicht mehr helfen können oder ob wir uns doch niemals außerhalb der Schule getroffen hätten. Vielleicht wäre sie dann gestorben, ohne dass jemand erfahren hätte, wieso sie sich erneut umgebracht hatte. Vielleicht würde ihre Liste mit den Wünschen nicht existieren und vielleicht, wobei dies ganz gewiss ist, wäre ich dann immer noch das komplette Arschloch, welches ich war, bevor ich Cynthi näher kennen lernen konnte. Aber vor allem, hätte ich mich niemals in sie verliebt. Denn sie ist der einzige Grund, weswegen ich besser sein will. Sie ist der einzige Grund weswegen ich mir Mühe gebe.

Cynthia Barrow - Alle meine WünscheLies diese Geschichte KOSTENLOS!