Morgengedanken der Imme M.

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Vorbemerkung: Diese Kurzgeschichte erscheint im Rahmen der fünften „Clue WritingChallenge". Vorgegeben ist hier ein Setting (hier Garten) und fünf Clues, also Worte, die im Text vorkommen müssen (hier Trompete, Mischsalat, Wissen, Stein, Schreibtisch). Weitere Infos, viele Kurzgeschichten und vielleicht auch die Möglichkeit der Teilnahme finden sich auf der Internetseite.(http://www.cluewriting.de/cwc5/)


Morgengedanken der Imme M.


Die Sonnenstrahlen des späten Sommers wärmten die Luft kaum noch, aber der Findling in der Ecke des Gartens, in dem die Vogeltränke stand, sog die Wärme an sich. Sie legte sich flach auf den Stein,um möglichst viel seiner Energie aufzunehmen.

Meist fühlte sie sich trotz der Anzahl ihrer Jahre noch recht rüstig, aber gerade am frühen Morgen, bei kühlem und feuchtem Wetter, konnte es schon einmal in den Gelenken zwicken. Es war ihr ein Ärgernis, denn bei sechs Beinen und zwei Flügeln konnte das schon zur Belastung werden.

Sie dachte immer öfter an ihre Zeit als Serienstar zurück, als sie mit ihren Freunden in der Wiese viele Abenteuer erleben durfte. Diese Zeiten waren leider vorbei, ihre Rolle im Fernsehen war von einem computergenerierten Wesen übernommen worden. Sie war für den Zeitgeist zu alt und auch ein wenig zu pummelig geworden. Das musste man wohl akzeptieren. Low-Carb war kein überzeugendes Konzept für eine Honigbiene. Verzweifelt hatte sie die Honig-Trennkost-Methode getestet, aber diese unterschied sich nur in Nuancen von ihrer üblichen Ernährungsweise. Die Zeit veränderte den Körper, ob man gesund lebte, oder nicht.

Doch in ihrem Geiste war sie noch jung.

In dem Wissen, wie sich das Schicksal ihrer Freunde entwickelt hatte, lag für sie Wehmut. Ihr gemeinsamer großer Erfolg mit einer kinderfreundlichen Serie hatte auch Schattenseiten gehabt. Ihre große Freundschaft hatte Risse bekommen, vielleicht waren Freundschaften im Showgeschäft niemals von Dauer.

Obwohl er mit seiner drahtigen Figur eher wie ein Mönch erschien, der sich täglich nur von Mischsalat ernährte, war Flip immer der Spaßvogel der Truppe gewesen. Dies schweißte die Schauspieler zusammen. Aber immer öfter kam er zu spät zum Dreh und an einem furchtbaren Tag musste eine Szene mit ihm Dutzende Male gedreht werden, so dass viele der Ameisen-Statisten wütend heimgingen.

Später, nachdem seine Insektizid-Abhängigkeit bekannt wurde, ging sein Niedergang schnell. Die Medien waren bei erfolgreichen Stars, die stürzten, schnell und erbarmungslos. Sie wollten die Sternschnuppen, die sie in die Höhe schossen, stets auch verglühen sehen. Anders sein Umfeld. Sie alle wollten ihm helfen, als Freund, als Familie. Der Schmerz war groß und leider vergeblich. Er starb arm und vergiftet in einer Ackerfurche.

Danach zerbrach ihr Schicksalsbund. Das Ende der Serie wurde nicht, wie üblich, am Schreibtisch entschieden, sondern keimte in diesem persönlichen Scheitern seiner Darsteller.

Für die verbleibenden Folgen der Staffel wurde Archivmaterial von Flip verwendet, aber in jedem Gespräch, in jedem Blick zwischen den Schauspielern lag zuviel Trauer, zuviel Schmerz.Sie drehten die Staffel ab und gingen auseinander.

Sie alle hatten gutes Geld verdient und konnten sich eine Existenz außerhalb der Schauspielerei aufbauen. Am erfolgreichsten wurden Puck die Stubenfliege und die Spinne Thekla. In der Weite der Toskana erbauten sie aus dem Nichts ein Modeimperium. Thekla, die von Natur aus gut mit Fäden umgehen konnte, wurde als erfahrene Schneiderin bald weltbekannt, Puck designte hochwertige Brillen und Sonnenbrillen. Ihr ungewöhnlicher Stil erweckte große Aufmerksamkeit bei den unterschiedlichen Modewochen weltweit und Filialen ihrer gemeinsamen Ladenkette schossen aus dem Boden.

Willi, ihren liebsten und treuesten Gefährten über all die Jahre, traf das Schicksal von Flip am härtesten. War Willi einst mit ihr über die Wiesen geflogen, um mal hier, mal da an einer Blüte zu naschen oder einem aufregenden Geheimnis- wenn auch zurückhaltend und ängstlich- auf den Grund zu gehen, so verlor er schnell sein kindlich unschuldiges Gemüt. Er warf sich vor, nicht auf Flip eingegangen zu sein. Durch seine Kindlichkeit keinen Blick für die Bedürfnisse und Sorgen seiner Mitwesen gehabt zu haben. Willi wurde ernst. Er wurde schnell erwachsen. Nach einem Dreh bestellte er den Regisseur und den Drehbuchautoren zu sich und verlangte, nur noch Wilhelm genannt zu werden. Zähneknirschend billigten die Verantwortlichen ihm dies zu. Auch sein darstellerisches Können änderte sich, büßte Spontanität ein. Wilhelm bevorzugte nun Method Acting. Einmal hatte sie ihn in der Garderobe überrascht, wo er weinend schrie „Ich spüre den immanenten Konflikt noch nicht!"

Viele Kinder waren in Probeausstrahlungen tief erschüttert, doch Wilhelm bestand auf dem Imagewechsel. Der Widerspruch zwischen dem Willen der Kinder und seiner persönlichen Entwicklung wurde schließlich über die Synchronisation gelöst, indem ganze Dialoge neu eingesprochen werden mussten. Bald darauf brach er jeden Kontakt zu seinen alten Freunden und Kollegen ab. Heute lebte Wilhelm, soweit sie wusste, in Aachen als Beamter im gehobenen nichttechnischen Dienst.

Nach und nach brach ihre eingeschworene Mannschaft also auseinander. Kurt der Mistkäfer ging in die chemische Industrie, Helene VIII. zog mit ihrem Hofstaat in eine bessere Wiesengegend. Es gab sogar Gerüchte, denen zufolge Oberst Paul Emsig mit seiner Ameisen-Soldatengruppe entscheidend an einem afrikanischen Staatsstreich mitgewirkt habe.

So war sie allein auf der Wiese geblieben. Hatte täglich nach Abenteuern gesucht, die sie gewohnt war. Vermisste das Gewusel von alten und neuen Freunden, die Gefahr, die ihrem Leben stets einen Kitzel verliehen hatte, aber nie eine wahre Bedrohung dargestellt hatte. Die Tage zogen in immer schnellerer Folge an ihr vorbei. Dann hatte die Zeit sie eingefangen und sie alt gemacht.


Der Stein hatte ihren Körper endlich aufgewärmt und ihr Energie für diesen Tag verliehen. Sie war voller Melancholie und so gönnte sie es sich, ein wenig zu weinen. Im Grunde hasste sie diesen Vorgang, denn sie war zum einen eine stets positiv denkende Biene, zum anderen war Weinen für ein Tier mit zehntausenden Facettenaugen und ohne Augenlider ein sehr störender Vorgang.

Sie hatte sich nie Gedanken über den Tod gemacht und wusste auch in diesem Moment nicht, wie viel Zeit ihr noch bleiben würde. Das Leben machte ihr immer noch Spaß, auch, wenn sie die Vergangenheit manchmal heimsuchen mochte. Sie nahm sich vor, ihre Einstellung niemals zu ändern, jeden Tag so zu nehmen, wie er kam. Sie hatte gute Zeiten und schlechtere gehabt. Beides war akzeptabel. Aufgewärmt erschien ihr der Flug schräg durch den Garten, in die Blüten des Busches der Engelstrompete, jetzt möglich. In einer Trompete mochte ein leckeres Frühstück warten. Wenn nicht, würde sie weiterfliegen. So war das Leben.

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