Unschuld - Teil 1

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Es war eisig kalt. Nicht genug, dass Tarns Atem in der Luft kondensierte, aber er zitterte trotzdem und rieb sich automatisch die klammen Hände. Langsam und vorsichtig tappte er über den Boden und versuchte, möglichst keine Geräusche zu machen.

Das eher kleine, aber gut ausgestattete Stadthaus, durch dessen Räume er schlich, war um diese Uhrzeit völlig still, vom gravitätischen Ticken einer großen Standuhr im Erdgeschoss einmal abgesehen. Und als er gerade durch das oberste Geschoss des Hauses geschlichen war, dort, wo nur noch ein winziges Dienstbotenzimmer und ein Gästezimmer lagen, war der schwere, nasse Schnee in einer kleinen Lawine und mit einem leisen Rumpeln vom Dach herunter gerutscht, und Tarn war vor Schreck fast das Herz stehen geblieben. Zum Glück hatten die Bewohner seelenruhig weiter geschlafen. Vielleicht wären sie etwas unruhiger gewesen, wenn sie gewusst hätten, dass jemand durch die Flure ihres Hauses spazierte und ihre Wertgegenstände mit nahm. Nichts zu teures, dem sie hinterher trauern würden, aber doch genug, um an etwas Geld zu kommen. Das war schließlich das einzige, das Tarn interessierte.

Inzwischen war er auf dem Rückweg, aus dem Haus hinaus. Das, was er gewagt hatte mitgehen zu lassen, hatte er schon zu einem Bündel verschnürt. Nicht viel, aber immerhin genug, um wieder ein bisschen über die Runden zu kommen.

Er schlich die Treppe ins Erdgeschoss hinunter, wobei er die erste Stufe übersprang, die beim Weg hinauf verräterisch geknarrt hatte, ging auf das Fenster zu, durch das er gekommen war, entriegelte es und war im nächsten Moment schon wieder auf der Straße. Seine Füße sanken bis zu den Knöcheln im frischen Schnee ein, und sein Atem bildete sofort eine dichte weiße Wolke um seinen Kopf. Ohne noch länger zu zögern machte Tarn sich auf den Heimweg.

Die Turmuhren schlugen gerade 1 Uhr, als er durch die schneebestäubten Gassen und über weite, weiße Plätze stapfte, während die Häuser, die an ihm vorbei zogen, immer kleiner und ärmlicher wurden. Die Straßen waren leer, die Luft schneidend und bitter vom Rauch unzähliger Öfen; niemand wollte um diese Zeit und bei diesem Wetter draußen sein. Nur dann und wann sah Tarn weiße Nebelwolken in der Kälte aufsteigen und hörte knirschende Schritte, die sich näherten. Dann verbarg er sich in einem Mauerbogen oder hinter einer Hausecke, und ließ die patroullierenden Stadtwachen vorbei ziehen. Nur keinen Verdacht erregen.

Die einzige willkommene Gesellschaft in dieser Nacht war eine räudige, humpelnde graue Katze. Sie mochte es genau so wenig wie der dürre zitternde Mensch, nasse Füße und eine kalte Nase zu haben, und strich, als sie ihn entdeckte, auf der Suche nach Wärme um seine Beine. Tarn beugte sich hinab und streichelte sie vorsichtig, auch, um sich selbst ein wenig zu wärmen. Die Katze ließ sich das gefallen, schmiegte sich eng an ihn und wollte gar nicht von ihm ablassen, selbst als er sich aufrichtete. „Tut mir Leid, ich muss wirklich heim", flüsterte er ihr zu, und als hätte sie verstanden, folgte sie ihm durch den Schnee. Manche hätten dem Tier wohl einen Tritt gegeben, aber Tarn ließ die Katze neben sich her tappen, und als er schließlich die krumme Holztür eines winzigen, halb verfallenen Häuschens öffnete und sie ihn erwartungsvoll dabei beobachtete, ließ er sie mit hinein schlüpfen.

Drinnen war es kaum wärmer als draußen, aber die Katze schüttelte sich trotzdem zufrieden und schnurrte. Vielleicht genügte ihr schon, dass sie keinen Schnee mehr an den Pfoten hatte. Neugierig, mit weit geöffneten Augen, schlich sie über den staubigen Boden, ihr Schwanz peitschte abenteuerlustig. Der Hauptraum des Erdgeschosses wurde von einer unordentlichen, verlassen wirkenden Schusterwerkstatt eingenommen, und vielleicht witterte sie die Mäuse, die sich hier herum treiben mussten. Tarn wiederum hielt sich nicht auf, sondern entzündete eine billige Kerze und erklomm die Stufen hinauf in den ersten Stock.

Er versuchte leise zu sein und niemand zu wecken, aber er hätte wissen müssen, dass Madame Rabourdin ihn hören würde. Er hörte durch die geschlossene Tür ihres Schlafzimmers das Rascheln ihrer Bettdecke und ein Schaben, als sie nach ihrem Stock griff. Dann tappte sie zur Tür und öffnete sie, linste argwöhnisch hinaus in das flackernde Licht, bevor sie sich schließlich zeigte.

Nirgendwo (BoyxBoy)Lies diese Geschichte KOSTENLOS!