suedies kleiner Schreibratgeber - starke, weibliche Figuren

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Wie schreibt man starke, weibliche Charaktere? Ihr werden zurückfragen: Wieso ausgerechnet weibliche Charaktere? Ist es nicht egal, ob ein starker Charakter weiblich oder männlich ist? Ist es nicht gleich schwer einen glaubwürdigen, starken Charakter zu erstellen – unabhängig vom Geschlecht?

Jein. Theoretisch habt ihr Recht. Ein starker Charakter sollte unabhängig von seinem Geschlecht funktionieren. Praktisch stelle ich immer wieder fest, dass viele Autoren gerade bei weiblichen Figuren Probleme haben.

Ich habe versucht, dieser Sache auf den Grund zu gehen und glaube, es liegt daran, dass wir nach wie vor in einer androzentristischen Gesellschaft leben. Androzentristisch bedeutet, dass der Mann die Norm darstellt und die Frau die Abweichung von derselben. Frauen werden immer im Vergleich zu Männern betrachtet. Was leisten sie – im Vergleich zu einem Mann? Wie treten sie auf – im Vergleich zu einem Mann? Wie artikulieren sie sich – im Vergleich zu einem Mann. Der Mann ist der Ausgangspunk. Mann-sein ist keine eigene Charaktereigenschaft. Frau-sein aber sehr wohl.

Das Wort „Frau" weckt schon sehr viel mehr Assoziationen als das Wort „Mann". Die Frau ist exotisch in der patriarchalen Gesellschaft. Weiblichkeit ist mit sehr viel mehr Klischees assoziiert als Männlichkeit, demzufolge besitzt die Frau klarer definierte Rollen und sowohl das radikale Ausbrechen als auch das Verbleiben in diesen wirkt dramaturgisch betrachtet eindimensional.

Ein Mann kann alles sein. Kein Mensch reduziert ihn auf sein Geschlecht. Frauen haben gelernt, sich mit Männern zu identifizieren, Männer aber nicht, sich in Frauenrollen einzufühlen. Ein Held, ein Schurke, ein normaler Durchschnittstyp, ein Loser, eine Lachnummer, ein Opfer. Ist die betreffende Figur männlich, geht man über das Geschlecht hinweg und widmet sich gleich den Tiefen des Charakters.

Eine Heldin, eine Schurkin, eine Durchschnittsfrau, eine Verliererin, ein lustige Frau oder ein weibliches Opfer... Da wird aus der Figur gleich eine Botschafterin für das ganze weibliche Geschlecht. Endlich eine weibliche Superheldin! Und dann zählt man uns eine ganze Reihe „starker Frauenrollen" auf, damit die Feministinnen endlich mal die Klappe halten, wenn mal ein Film mit einer weiblichen Heldin auf den Markt kommt. Das Problem ist nur: Auf eine Wonderwoman kommen zig Spiderman-Filme, die alle die gleiche Geschichte erzählen. Kein Mensch kommt da auf die Idee, mal zu sagen: Es reicht mal langsam! Ist mal genug mit den männlichen Helden.

Weibliche Opfer sind hingegen ein Plotdevice, um deutlich zu machen, wie ernst die Situation und wie böse der Antagonist ist. Frauen in komischen Rollen insb. beim Slapstick gibt es fast gar nicht. Männer können sich zum Affen machen, Frauen hingegen nicht.

Eine Frau in einem Medium steht immer für alle Frauen. Ein Mann steht immer nur für sich selbst. Das kommt daher, dass es insgesamt im Vergleich weniger Frauenrollen gibt und wenn dann mal eine Frau eingesetzt wird, dann ist ihre Funktion nicht „Charakter", sondern „Frau": Der Loveinterest, die Mutter, das Opfer, die Trophäe... Und die paar Rollen, die dann noch übrig bleiben, müssen dann natürlich so geschrieben werden, dass die Frauen dabei möglichst gut wegkommen: schön, sympathisch, klug, badass...

Nichts davon hat mit einem starken, überzeugenden Charakter zu tun.

Ein starker Charakter ist einer, der keine „Funktion" im Sinne des Plot besitzt, sondern den Plot durch Handlungen und Entscheidungen, aber auch durch Fehler bestimmt.

Ein starker Charakter ist mehr als ein Held oder ein moralisches Vorbild. Er ist jemand, dessen Handlungen und Gedanken man nachvollziehen kann, ohne immer mit ihm einer Meinung zu sein, eine Figur, die wirkt, als wäre sie lebendig, gewachsen und geprägt durch ihre Vergangenheit und Gegenwart.

Was häufig falsch gemacht wird, ist, dass man die Sympathie des Lesers durch Perfektion erreichen will. Junge Mädchen, die Fanfictions über ihren Lieblingsboy aus ihrer Lieblingsboygroup schreiben machen dabei den gleichen Fehler wie Autoren, die den Lovinterest ihres Protagonisten wie eine übernatürliche Erscheinung präsentieren.

Während allerdings der GaryStu in der Literatur und im Film kritiklos verankert zu sein scheint (Old Shatterhand, James Bond, Captain Kirk), so wirkt die MarySue immer ein wenig nervtötend.

Wir haben weniger Probleme damit, einen allmächtigen, männlichen Helden zu akzeptieren als eine wunderschöne, begehrensweite, kluge, witzige, heldenhafte, aber bescheidene Frau. Warum? Weil Frauen eher zu Selbstkritik neigen und Männer dazu, anzugeben und ihre Stellung zu behaupten. Frauen machen sich kleiner als sie sind, Männer machen sich größer. Wir alle sind so konditioniert und neigen eher dazu, Fehler bei Frauen zu suchen als bei Männern. Ist eine Frau selbstbewusst, wirkt sie gleich hart, behauptete sie sich, ist sie zickig, wird sie emotional, ist sie hysterisch. Wir nehmen sie weniger ernst, wir finden sie unsympathisch.

Männer hingegen können heldenhaft sein, dann bewundern wir sie, sind sie aber Verlierer, zeigen sie Gefühle oder andere Schwächen, finden wir das sympathisch und liebenswert.

Das führt dazu, dass Frauen meist nur als Reflexionsfläche eingesetzt werden. Die zeigt, wer der Held in Wirklichkeit ist. Schafft er es, die heiße Schnitte zu erobern, ist auch er heiß... und schnittig. Vertraut die Frau dem Helden, so ist er ein guter Kerl, misstraut sie ihm, so ist er auch dem Publikum suspekt. Fällt ein Mann einer Frau zum Opfer, so zeigt das, wie skrupellos, kalt und berechnend das weibliche Geschlecht ist (siehe Femme Fatale). Fällt die Frau einem Mann zum Opfer, so sind die Umstände und der individuelle Charakter des Täters interessanter als seine Zugehörigkeit zu einem Geschlecht.

Wie schreibt man denn aber nun einen starken, weiblichen Charakter?

1. Stellt sie nicht wie eine überirdische Schönheit dar, die keinerlei Gemeinsamkeit mit einem normalen Menschen mehr aufweist.

2. Gebt ihr eine Rolle abseits oder zumindest neben der Beziehung zu anderen Personen. Gebt ihr ein Leben, nicht bloß Sehnsüchte, Träume und eine Fixierung auf andere Figuren. Definiert sie aus sich selbst heraus und nicht über den Blick anderer.

3. Gebt ihr Schwächen. Richtige Schwächen. Nicht niedliche Schwächen, die eigentlich wieder liebenswert sind. Lasst die Leser sich an ihr reiben und mit ihr streiten. Gebt ihr Ideen, die vielleicht dumm sind, aber logisch innerhalb ihres Charakters sind.

4. Limitiert ihre Möglichkeiten. Freiheit und Selbstbewusstsein können nur dargestellt werden, wenn man ihre Grenzen aufzeigt. Wo muss eure Figur kämpfen, woran scheitert sie, was muss sie akzeptieren?

5. Lasst sie für sich selbst handeln – für ihren eigenen Vorteil und nicht bloß als Handlanger einer anderen Figur. Eine starke Person ist nicht nur Helferlein, sondern hat eigene Interessen und verfolgt eigene Ziele. Gebt ihr eine gesunde Portion Egoismus.

6. Lasst sie denken. Wirklich denken: Das heißt: Abwägen, zweifeln, mehrere Möglichkeiten betrachten und womöglich ausprobieren. Lasst sie unsicher bei ihren Entscheidungen sein, aber überzeugt genug, um etwas zu tun und nicht bloß passiv darauf zu warten, gerettet zu werden.

7. Gebt ihr Eigenständigkeit. Überlegt euch: Wie würde das Leben meiner Figur aussehen, wenn sie nicht in diese Situation geraten würde, wäre sie dann immer noch ein interessanter Charakter, dessen Freund man gerne wäre?

All diese Tipps funktionieren übrigens auch hervorragend bei männlichen Figuren – insbesondere denen, die als Plotdevice für irgendwelche weiblichen Fanfantasien missbraucht werden...

Denn: Eine Romanze ist umso romantischer, je lebendiger und individueller ein Loveinterest ausgestaltet ist. Kein Mensch will eine Geschichte darüber lesen, wie zwei gesichtslose Schablonen einander näher kommen, aber zwei Figuren, die man – jede für sich - ins Herz schließ, denen sieht man gerne beim Sich-Verlieben zu.

Gleiches gilt bei allen anderen Paarungen: Täter/Opfer, Kollegen, Freunde, Geschwister, Lehrer/Schülern, Eltern/Kind... Gestaltet die Figuren individuelle und nicht voneinander abhängig.

Mach ein Meinungsbuch, suedie, haben sie gesagt...Lies diese Geschichte KOSTENLOS!