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Pen Your Pride

Nach einem langem Tag bei Ikea, an dem wir nicht nur ein Bett sondern auch noch einen neuen Schrank und eine neue Kommode für das Schlafzimmer meiner Mutter besorgten, kamen wir zuhause an und fielen erst einmal völlig erschöpft auf die Couch. Shoppen war anstrengend, und dabei war es egal, ob man Kleider shoppte oder Möbel. Bei Möbeln ist es vielleicht sogar noch anstrengender. Stundenlang haben meine Mutter und ich über die einzelnen Möbelstücke diskutiert, bis sie sich dann endlich in ein paar weiße Möbel verliebte.  Doch trotzdem war es ein schöner Tag gewesen. Meine Mutter hatte zwar nicht viel geredet oder viel erzählt, doch ich hatte es genossen endlich mal wieder etwas mit ihr zusammen zu machen.

"Und was machen wir jetzt?", fragte meine Mutter mich nach einer gefühlten Ewigkeit.
"Ich weiß es nicht“, antworte ich ehrlich. " Am besten wohl erst einmal deine alten Möbel abbauen und wegschmeißen, damit wir die neuen, wenn sie kommen, direkt aufbauen können. Und danach können wir ja einfach eine DVD gucken oder reden." Meine Mutter schwieg schon wieder. Mittlerweile nervte es mich. Ich wollte nicht genervt sein, doch es war ein Gefühl, das ich nicht einfach abschalten konnte.
" Mum, sag etwas, bitte!" Doch sie schaute mich immer noch einfach nur an. Stumm und völlig verändert im Vergleich zu ihrem früheren Ich.
" Mum, sag doch etwas. Erzähl mir doch bitte, was dich immer so still werden lässt."
Immer noch regte sie sich nichts in ihrem Gesicht. Es war, als würde ich mich mit einer Wand unterhalten. Nichts, keine Regung und keinerlei Reaktion.
" Ich gehe dann jetzt erst einmal etwas zu trinken holen, und dann erzählst du mir alles.", fluchtartig verließ ich das Wohnzimmer. Ich musste mich erst einmal abregen, um nicht auszuflippen. Ich wusste überhaupt nicht, wie ich mit dieser Situation umgehen sollte. So etwas hatte ich noch nie erlebt.
Als der Tee fertig war nahm ich die zwei Tassen in die Hand und ging wieder ins Wohnzimmer. Meine Mutter saß immer noch in der gleichen Haltung auf ihrem Platz und ihr Gesichtsausdruck hatte sich auch nicht geändert. Der einzige Unterschied war, dass ihr eine einzelne Träne über die Wange lief. Schnell stellte ich den Tee ab und holte eine Packung Taschentücher aus dem Bad. Die legte ich vor meiner Mutter auf den Tisch und dann setzte ich mich still neben sie. Zögerlich griff sie nach der Packung Taschentücher und nahm sich eines hinaus. Dann wischte sie die Träne weg und fing an zu erzählen:


"Es begann alles in dem Jahr, als du im Ausland warst." Ich wusste, dass sie jetzt endlich die Wahrheit erzählen würde, was zwischen ihr und meinem Vater alles abgelaufen war" Immer wieder haben wir uns gestritten, wegen irgendwelchen Kleinigkeiten. Aber ich habe ihn immer noch geliebt und dachte, dass das alles irgendwann vorbei gehen würde. Doch kurz bevor du wiedergekommen bist reichte dein Vater die Scheidung ein. Als er mir das sagte, fiel ich aus allen Wolken. Mir wurde bewusst, dass er mich wirklich nicht mehr liebte, und das brach mir das Herz. Dann kamst du zurück und dein Vater und ich stritten um das Sorgerecht für dich und um tausend andere Sachen. Wir konnten einfach nicht damit aufhören, obwohl es völlig überflüssig war, doch das bemerkte ich damals noch nicht. Dann bist du gegangen und ich war  nur noch mit deinem Vater alleine, am streiten. Alle meine Freunde haben sich entfernt und ich stand dem ganzem  alleine gegenüber. Die Situation hat mich überfordert.  Tagsüber war dein Vater da, um irgendwelche Sachen aus dem Haus zu holen oder mich mit irgendwelchen Vorwürfen weiter zu belästigen.
Ein Jahr, nachdem dein Vater die Scheidung eingereicht hatte wurde sie rechtskräftig und unsere Ehe war endgültig vorbei. Während des Prozesses wurde entschieden, dass ich das Haus und die meisten Möbel darin behalten durfte, weil dein Vater einen gut bezahlten Job hat, und ich nicht. Außerdem muss er mir monatlichen Unterhalt bezahlen, von dem ich leben kann, ohne dass ich arbeiten muss. Seine Anwaltskanzlei läuft im Moment so gut, dass er sich das auch leisten kann.
Wenige Tage später klingelte eine junge Frau an meiner Tür. Ich machte ihr auf, und sie stellte sich als Scarlett vor. Sie erzählte mir, dass sie nun schon seit 2 Jahren mit deinem Vater Anton zusammen wäre. " Meine Mutter stoppte und ich rechnete kurz zurück.
" War das nicht die Zeit, in der ihr euch gestritten habt."
" Genau, endlich wusste ich den Grund, warum er sich immer wieder mit mir gestritten hatte. Er wollte diese Scheidung von Anfang an haben. Also fragte ich Scarlett, warum sie zu mir gekommen war und sie antwortete, dass sie schauen wollte, wo ihr Freund so oft hinfuhr. Er hatte wohl immer gesagt, zu einer alten Bekannten, die aber nicht weiter wichtig war. Als sie das gesagt hat, glaubte ich mein Herz würde in tausend Teile zerspringen. Ich schickte Scarlett weg und am nächsten Tag kam Anton wieder vorbei. Als er klingelte machte ich die Tür auf und stellte ihn zur Rede. Als ich fertig war antwortete er nur, dass er mich vielleicht am Anfang geliebt hat, aber mich niemals heiraten wollte. Seine Eltern hatten ihn wohl damals dazu gedrängt und er hatte dann eingewilligt, weil er mich in Ordnung fand. Mehr habe ich ihn nicht erklären lassen. Ich habe ihm die Tür vor der Nase zugeschlagen und seitdem nie wieder gesehen. Ich wollte nicht, dass er meine Träne sieht und dass ich ihn zu dem Zeitpunkt immer noch geliebt habe.
Weißt du, wie weh es tut, zu hören, dass der Mann, der für dich alles bedeutet hat, dich nie richtig geliebt hat?" Tränen standen in ihren Augen und ich nahm sie in den Arm. Ich konnte meine Mutter verstehen, doch ich fand, dass die Zeit zum Weinen und Nichts tun vorbei war  und sie ihr Leben endlich wieder selbst in die Hand nehmen musste.

Doch eines wunderte mich. Wenn mein Vater meine Mutter wirklich nicht geliebt hatte, warum waren sie dann jahrelang so glücklich gewesen? Das konnte er doch nicht alles nur vorgespielt haben!
" Mum, du musst ihn vergessen."
"Wenn das doch so einfach wäre."
" Du liebst in doch nicht mehr, oder?"
" Nein, schon eine ganze Weile nicht mehr."
" Dann fange doch von vorne an. Ein Leben ohne ihn. Vergiss ihn einfach und stempel ihn als deinen größten Fehler im Leben ab. Jeder Mensch macht Fehler.  Mum, du musst jetzt nach vorne sehen."
" Und du, was ist mit dir?"
" Was meinst du?"
" Warum bist du zu mir gekommen? Das hatte doch bestimmt einen Grund. Erzähl ihn mir! Ich habe dir erzählt, was mir auf dem Herzen lag und jetzt bist du dran.“, auffordernd schaute sie mich an und ich wusste, dass ich aus dieser Nummer nicht mehr so schnell rauskam.
" Wollen wir nicht lieber schlafen gehen?", ich versuchte es trotzdem.
" Nein Fräulein, du erzählst mir jetzt auch, was dir auf dem Herzen liegt."
" Na gut, ich erzähle es dir.", willigte ich ein, dann musste ich erst einmal überlegen. Wo sollte ich da anfangen? Am besten wohl ganz vorne. Einen Moment sortierte ich noch meine Gedanken, dann erzählte ich ihr alles und sie hörte einfach nur zu.


Ich erzählte ihr davon, wie ich Bell kennenlernte und von unserer Freundschaft und davon, wie sie endete. Dann erzählte ich ihr davon, wie ich Len kennenlernte und davon, dass ich mit zu ihm gegangen war. Meine Mutter schaute mich strafend an. Sie hatte immer gesagt, dass ich nie einfach so mit zu fremden Leuten gehen sollte, doch sie sagte es nicht wieder, sondern ließ mich weiter erzählen.
Ich erzählte ihr davon, dass ich Len wieder getroffen hatte und dass ich mich in ihn verliebt hatte. Davon, dass ich mich wieder mit Bell getroffen hatte und davon, wie ich Lili im Cafe getroffen hatte. Ich erzählte ihr auch von meinem Verdacht, dass Len und Lili mehr als nur Freunde waren.
Und zum Schluss kam ich zu dem Streit, und zu dessen Ausgang. Dann brach ich ab und schaute meine Mutter erwartungsvoll an. 
" Aber du weißt nicht sicher, dass Len etwas mit dieser Lili hat, oder?"
" Nein, aber ist das nicht immer so?"
" Na ja, nicht immer."
" Du hast doch gestern selber gesagt, dass Jungs für den Arsch sind."
" Aber doch nicht alle."
" Du magst Len oder? Obwohl er deiner Tochter das Herz gebrochen hat."
" Na ja, ich glaube nicht, dass er dir wehtun wollte. Vielleicht hat er ja sogar recht", sagte sie vorsichtig, doch ich wollte das gar nicht hören.
" Mum, du solltest auf meiner Seite sein und nicht auf seiner."
" Ich bin ja auf deiner Seite, aber ich versuche es trotzdem auch von seiner Seite aus zu sehen."
"Mum!" Beschwichtigend hob sie die Hände, doch ich war wütend. Ich stand auf und ging in mein Zimmer, wo ich mich aufs Bett warf. Wieder einmal stellte ich fest, wie viel sich verändert, wenn man groß wird.
Minuten später kam meine Mutter hinterher und klopfte vorsichtig an die Tür.
" Stell, darf ich reinkommen?" Ich antwortete nicht und so öffnete sie einfach die Tür und setzte sich auf mein Bett neben mich. Sie strich mir übers Haar.
" Was hättest du denn gerne von mir gehört? Wie hätte ich denn richtig reagieren sollen?"
" Ich weiß es nicht!", schluchzte ich. Ich setzte mich auf und nahm meine Mutter in den Arm. Ich ärgerte mich selbst über meine Reaktion, aber ich war einfach so verwirrt.
" Mum, ich weiß nur einfach nicht, wie ich mit dem allem hier umgehen soll. Ich weiß nicht, ob ich Len nicht vielleicht Unrecht getan habe, oder ob meine Reaktion richtig war. Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll, dass mein Vater ein Arsch  ist und das du viel mehr als ich gelitten hast. Und ich weiß nicht, wem ich noch so richtig vertrauen kann.
Früher, da habe ich immer gedacht, dass uns drei nie etwas auseinander bringen kann und das wir immer zusammenhalten werden. Und jetzt ist es nicht mehr so. Wir haben alle drei getrennte Leben und alles hat sich verändert und ich weiß einfach nicht, wie man mit so etwas umgeht.
Ich weiß, dass ich oft zickig bin, oder überreagiere und das ich viel zu oft weine, aber ich weiß nicht, wie ich mein Leben weiter leben soll, wenn alles schief geht und ich alle Leute, die mir wichtig sind verliere oder sie mein Vertrauen missbrauchen."
" Oh mein kleines Mädchen.", flüsterte meine Mutter und dann sagte niemand mehr etwas.

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