Tröstende Klänge

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Der Akku meines Mp-3 Players hat schon lange den Geist aufgegeben und doch behalte ich die Kopfhörer in den Ohren. Meine Sitznachbarin, eine ältere Dame, unterhält sich über den Mittelgang hinweg mit anderen Fahrgästen. Innerlich bin ich froh, dass sie mich eine Zeitlang in Ruhe lässt. Mein Ziel ist Dubrovnik, eine Stadt in Kroatien. Das Meer und die Familie, die dort auf mich wartet, wird meine Stimmung heben. Das jedenfalls rede ich mir ein.

Vor mir liegen noch mindestens sieben Stunden Fahrt und während ich weiterhin vorgebe Musik zu hören, schaue ich aus dem Fenster und beobachte die vorbeiziehende Landschaft. Weite Felder, die immer wieder von einzelnen, zum Teil nicht fertiggestellten, Häusern unterbrochen werden. Grün und Brautöne verschwimmen vor meinen Augen. Hier und dort weidet eine Kuh oder ein Haufen alter Männer sitzt vor einem Haus und trinkt Bier.

Marija, die Dame neben mir, versucht mich wieder in ein Gespräch zu verwickeln. Versucht herauszufinden, was ich in Dubrovnik möchte. Ob ich bloß Urlaub mache oder Verwandte besuche. Kurz wäge ich ab, ob und was ich antworten soll und als meine Gedanken, sich wieder schwärzen, entschließe ich mich zu antworten. Alles ist besser, als an den Schmerz zu denken, der mich seit einem halben Jahr heimsucht.

„Ich fahre zu meiner Tante“, kaum habe ich die Worte ausgesprochen, da wechselt sie die Sprache. Sie beginnt auf kroatisch auf mich einzureden. Wie ein Maschinengewehr rattern die Worte durch meinen Gehörgang, schnell und hart. Nicht einmal die Hälfte verstehe ich bei diesem Tempo und bereite mich mental auf meine Erklärung vor. Als ich ihr gestehe, der Sprache nicht wirklich mächtig zu sein, da meine Mutter keine Kroatin ist, ernte ich diesen gewissen Blick. Einen Blick der sich nicht entscheiden kann, ob er Empörung oder Bedauern ausstrahlen soll. Ich bin das gewohnt. In all den Jahren die gleiche Erklärung, der gleiche Blick. Manchmal, aber das passiert selten, mischt sich sogar Verständnis in diesen. Bei Marija finde ich kein Verständnis, ganz im Gegenteil, als weigerte sie sich mir zu glauben, spricht sie weiter in dieser vertrauten und doch unverständlichen Sprache. Innerlich seufze ich, doch mache keine Anstalten sie zu hindern. Vielleicht wenn sie langsamer sprechen würde, könnte ich besser verstehen, doch mir fehlt die Motivation und so lächle ich höflich und nicke hin und wieder, während sie ihre ganze Lebensgeschichte erzählt. Oder soll ich lieber sagen Krankengeschichte, denn ihrem wehleidigen Gesichtsausdruck zu entnehmen und das immer wiederkehrende „Doktor....Doktor“ lassen kaum einen anderen Schluss übrig.

Während die Dame erzählt, wende ich meinen Blick wieder aus dem Fenster. Die Felder werden weniger, die Landschaft karger und die Straße immer kurviger. Mein Herz meldet sich in freudiger Erwartung, angesichts der kurvigen Vorankündigung. Nicht mehr lange und meine Augen würden das geliebte Blau wiedersehen, von denen so viele Sänger und Poeten schwärmen. Der Takt meines Herzschlags erhöht sich minimal und als wir einen weiteren, der zahllosen, Tunnel hinter uns lassen, sehe ich es. Das Meer. Unwillkürlich seufze ich und merke wie sich meine Mundwinkeln zu einem zaghaften Lächeln verziehen. Ein bittersüßer Schmerz durchzuckt meine Brust, als mir bewusst wird, dass ich diese Freude nicht teilen kann. Dass ich, zwar in einem vollen Reisebus, jedoch alleine hier sitze. Wieder wird mir der Verlust bewusst, den ich noch immer betrauere oder habe ich eigentlich noch gar nicht wirklich getrauert? Ohne es beeinflussen zu können, wandern meine Gedanken und meine Kopfstimme meldet sich zu Wort. Sie erinnert mich daran, dass er fort ist und nicht wiederkommt. Erinnert mich daran, dass ich es mir noch gar nicht selbst eingestanden habe. Der leisen Stimme in meinem Kopf kann ich nichts entgegenbringen. Sie hat recht. Die letzten Monate habe ich voller Emsigkeit versucht, den Teil meiner Seele, den der Tod mir entrissen hat, mit allerlei Geschäftigkeit zu füllen. Meine Gedanken und Gefühle konnte ich übertönen, doch mit jedem Kilometer, den ich einsam zurücklege, wird die Stimme klarer, werden die Gefühle stärker. Linkisch wische ich mir über die Augen und hoffe, dass Marija nichts von dem Glitzern mitbekommt.

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