Da ich noch nicht nach Hause gehen wollte, sondern Ablenkung brauchte, machte ich mich auf zur Universitätsbibliothek, in der ich sicher meine Ruhe hatte und die anderen Leute beobachten konnte. Auf dem Weg dorthin verschlang ich meinen Brownie, ließ dabei die amüsierten Blicke der Leute über mich ergehen, die mich wegen meines Outfits belächelten. Ich hatte es verdient. 
Dort angekommen, atmete ich tief ein, sog den Duft der alten Möbel und Bücher in mich auf, beobachtete die Sonnenstrahlen, die durch das bunte Fensterglas fielen und die Bücherregale in ein warmes Licht hüllten. Ich suchte mir einen Platz in dem hinteren Bereich. Bedacht darauf keinen Lärm zu machen, warf ich meinen Rucksack auf den Tisch und legte müde meinen Kopf darauf. So verfolgte ich das Geschehen in der Bibliothek.
Ungefähr dreißig Studenten befanden sich im Raum, die entweder über ihr Handy gebeugt dasaßen oder in ein Buch vertieft waren. Niemand ließ sich stören, wenn Leute kamen und gingen, Bücher zurückbrachten oder große Stapeln nach draußen zerrten. Hin und wieder hörte ich das Kratzen einer Füllfeder auf Papier, oder das Scheppern, wenn diese Füllfeder auf den Boden fiel. Ich spürte, wie der Schlaf seine Finger nach mir ausstreckte, um mich in das Land der Träume zu entführen. Meine Augenlider wurden immer schwerer, bis ich nachgab und die Welt um mich schwarz wurde.

Als ich wieder aufwachte, war die Bibliothek fast leer, nur noch vereinzelt waren die Plätze besetzt. Anscheinend war einige Zeit vergangen. Ich wollte gerade aufstehen, als ich einen Zettel vor mir liegen sah, der vorhin noch nicht da lag. Misstrauisch griff ich danach.
„Das ist nur Werbung für das Projekt auf dieser Insel."
Die Stimme gehörte zu dem Mann, der mir gegenüber saß. Er war ungefähr in meinem Alter, hatte dunkelbraune, fast schwarzen Haare, die ihm leicht zerzaust vom Kopf abstanden und einen Dreitagebart, der seine markanten Züge noch extra betonte. Seine Augen leuchteten in einem Dunkelgrün, so wie ich es noch nie gesehen hatte, die Haut braun gebrannt. Sein Jeanshemd hatte er bis zu den Oberarmen aufgekrempelt, wodurch ich seine Tattoos gut erkennen konnte. Sie schlängelten sich von den Fingern weg, den rechten Arm hinauf, bis sie unter den Ärmel verschwanden.
„So ein Kerl hat das vorhin einigen hier in die Hand gedrückt", erklärte er, weil ich ihm verwirrt ansah, und schenkte mir dabei ein breites Lächeln, während er mit seinem eigenen Flyer wedelte.
„Weißt du, was es sich genau mit dieser Insel auf sich hat?", fragte ich ihn zaghaft.
Er nickte und zog den Sessel neben sich nach hinten, erzeugte dabei ein lautes und gedehntes Quietschen, das durch die ganze Bibliothek hallte. Einige Studenten sahen genervt in unsere Richtung. Er ignorierte sie und deutete mit einem Nicken, dass ich mich zu ihm setzen soll. Innerlich schmunzelnd ging ich um den Tisch herum und ließ mich neben ihn nieder. In diesem Moment fiel mir wieder ein, wie chaotisch ich herumlief und nutze die Gelegenheit, dass er kurz wegsah, indem ich mir schnell mit den Fingern durch die Haare fuhr, sie etwas auflockerte. Schnell noch den Riss des Rocks auf der Seite zusammenhalten. Was hatte ich mir nur dabei gedacht, so in die Bibliothek zu gehen? Ich fluchte leise.
„Schieß los, ich bin gespannt."
Er beugte sich verschwörerisch zu mir rüber, bis sein Atem meine Nase kitzelte und flüsterte mit tiefer Stimme: „Sie nennen sie die Sterneninsel."
„Warum Sterneninsel?", flüsterte ich zurück, kam ihm noch ein bisschen näher.
„Weil sie dort, auf der Suche nach Anomalien, die Sterne beobachten."
Ich wich irritiert von ihm ab.
„Du meinst, sie warten auf irgendein Zeichen von Außerirdischen?"
Schulterzuckend klappte er das Buch zu, in dem er vorhin gelesen hatte.
„Das weiß niemand so genau, was sie suchen, denn jeder der dort gearbeitet hat, kann sich an nichts mehr erinnern, wenn er von der Insel zurückkommt."
Ich lachte laut auf und erntete einige genervte Blicke von den anderen Studenten.
„Das glaubst du doch selbst nicht."
„So wurde es mir erzählt", erwiderte er.
Ich nahm meinen Flyer zur Hand und las die Informationen genau durch. Jedes Jahr wird anscheinend eine Handvoll neuer Studenten ausgewählt, die einen Praktikumsplatz bekommen.
„Überlegst du, ob du dich bewirbst?"
„Mal sehen." Den Zettel faltete ich zusammen und packte ihn in meinen Rucksack. Ich hatte noch ein paar Tage Zeit, bis die Bewerbungsfrist abgelaufen war.
„Denk besser zweimal darüber nach, bevor sie dir deine Erinnerungen löschen, weil du was gesehen hast, was du nicht sehen durftest", witzelte er, sah mir dabei tief in die Augen.
Er strahlte eine Wärme aus, die mich sofort einhüllte und mein Herz schneller schlagen ließ. Ich stellte mir vor ihn zu küssen, wie seine Lippen immer näher kamen, ich die Augen abwartend schloss, mich auf den bevorstehenden Kuss freute. Blinzelnd schüttelte ich schnell meinen Kopf, um den Nebel, der meine Gedanken einhüllte, zu vertreiben. Es dauerte einige Sekunden, bis ich wieder klar sehen konnte, und ich wieder im Hier und Jetzt angekommen war. In letzter Zeit kam es immer öfter vor, dass ich mich in meine Gedanken zurückzog und die Außenwelt komplett ausblendete. Manchmal konnte ich es verhindern, aber hin und wieder riss es mich einfach fort, so wie im Café vorhin.
Er musterte mich von oben bis unten, während ich an meinem Kaffee nippte.
"Ist es zu persönlich, wenn ich frage, warum du keine Schuhe trägst?"
Ich hätte mich fast an meinem Kaffee verschluckt. Verlegen wand ich mich ab.
"Ja, ist es."
Er grinste mich schief an, was meine Wangen zum Glühen brachte.
"Ausrutscher?"
„Könnte man so sagen", murmelte ich. „Ich habe mit meinem besten Freund geschlafen."
Es tat gut es laut auszusprechen. Scharf zog er die Luft ein.
„Das ist übel."
Wir schwiegen eine Zeit lang, bis er mir seine Hand entgegenhielt.
"Mein Name ist Nicolas und es freut mich dich kennenzulernen."
Ich ergriff sie, und erstarrte mitten in der Bewegung. Die Berührung wirkte vertraut, so als ob es nicht das erste Mal wäre. Kleine Blitze jagten meinen Arm hoch. Er schien es ebenfalls zu spüren, denn er riss erschrocken die Augen auf. Wir ließen einander los.
Schnell stand ich auf, der Sessel ratterte dabei quietschend über den Boden.
„Hat mich gefreut, Nicolas, aber ich muss jetzt unbedingt los."
Ich war bereits am Ausgang, als er mir nachrief: „Du hast mir deinen Namen noch nicht verraten."
„Ich heiße Mia", sagte ich und schenkte ihm ein breites Lächeln über meine Schultern hinweg.
Er erwiderte es, und ich machte mich auf den Weg nach draußen, ließ den süßen Nicolas hinter mir zurück. Das Gefühl, ihn bald wiederzusehen, ließ mich den ganzen Tag nicht mehr los.

Auf dem Nachhauseweg, kramte ich in meiner Tasche nach meinem Wohnungsschlüssel, musste mir jedoch nach einer Weile vergeblichen Suchens eingestehen, dass ich anscheinend auch diesen bei Alexander vergessen hatte. Hoffentlich war Jenny zu Hause um mir aufzumachen. Darüber brauchte ich mir jedoch kurz darauf keine Gedanken mehr machen, denn ich sah Alexander von weitem schon vor meiner Haustür warten. Er saß am Randstein und spielte mit meinem Schlüssel in seiner Hand herum. Innerlich fluchte ich, denn ich wollte das unangenehme Aufeinandertreffen so lange wie irgend mögli h hinauszögern, ihm einige Zeit aus dem Weg gehen. Er hatte mir diese Entscheidung abgenommen.
Direkt hinter ihm blieb ich stehen, er hatte mich nicht kommen sehen. Zögernd räusperte ich mich. Sofort wand er sich um und sprang auf. Er war noch nervöser als ich und rieb sich die verschwitzen Hände an den Jeans ab.
  „Das hast du bei mir vergessen."
„Ähm, danke", flüsterte ich und nahm den Schlüssel schnell an mich.
Dann schwiegen wir und starrten beide zu Boden. Von außen wirkten wir wie zwei Fremde, die sich gerade erst begegnet waren, doch eigentlich kannten wir uns schon eine Ewigkeit. Vor ungefähr fünfzehn Jahren war Alex in meine damalige Nachbarschaft gezogen. Wir hatten Monate lang kein einziges Wort gewechselt, bis er dann in meine Klasse versetzt wurde. Seitdem waren wir wie Pech und Schwefel, halfen uns durch den ersten Liebeskummer, trösteten uns, als unsere Großeltern krank wurden, lachten, wenn wir betrunken Mist bauten.
Die Stille die jetzt zwischen uns war, war wie damals, bevor wir uns kannten. Als wir nichts weiter waren als Nachbarn, die sich hin und wieder über den Weg liefen. Ich wollte einfach nur weg.
Schließlich durchbrach er das Schweigen: „Du hättest dich nicht davonschleichen müssen."
„Ich wollte dich nicht wecken."
"Lüg' mich nicht an, Mia. Ich weiß genau warum du gegangen bist."
Er stand einfach so da, die Hände in die Hosentaschen geschoben, traurig und verletzt. Ich versuchte seinem Blick auszuweichen, trat verlegen von einem Fuß auf den anderen. Innerlich begann ich mit mir zu ringen und versuchte herauszufinden, wie ich die Situation retten konnte. Doch da gab es nichts zu retten.
Ein letztes Mal atmete ich tief durch und beichtete ihm, wie ich zur gestrigen Nacht stand. Je mehr ich sagte, desto leerer wurden seine blauen Augen, und desto müder sah er aus.
„Was ich damit sagen will ist, dass ich das nicht kann, Alex."
Er seufzte.
„Können wir nach vorne sehen, und gestern einfach vergessen?"
Als ich geendet hatte, wand er sich, ohne ein Wort dazu zu sagen von mir ab und verschwand. Ich war ihm nicht böse, sondern konnte ihn verstehen. Er musste mir nicht gestehen, was er für mich empfand, denn ich wusste das schon eine Zeit lang. Ich erwiderte seine jedoch Gefühle nicht.
Gedankenversunken ging ich in die Wohnung und ließ mich in meinem Zimmer aufs Bett fallen. Zurzeit war alles kompliziert. Ich stand kurz vor meinem Abschluss, wusste nicht, in welche Richtung mein Leben nach der Universität gehen sollte, noch dazu hatte ich Streit mit meinem Vater, der mir Druck machte, und jetzt auch noch mit Alexander. Am besten war, wenn ich von dem ganzen Stress Abstand nahm, um meine Gedanken zu ordnen.
Ich kramte meinen Laptop hervor und machte mich an die Bewerbung für die Insel.

Sterneninsel - Die BeobachterWo Geschichten leben. Entdecke jetzt