Kapitel 1

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Leise schob ich die Decke von mir, schnappte mir mein Shirt und streifte es über. Barfuß schlich ich durchs Zimmer, während ich ungeschickt alles zusammensammelte. Socken, Rock, meinen BH. Schnell drehte ich mich noch einmal Richtung Bett, um sicher zu gehen, dass ich unbemerkt blieb und stahl mich dann ins Badezimmer. Um munter zu werden wusch ich mir über dem Waschbecken das Gesicht mit kaltem Wasser. Die Haare band ich davor noch zu einem wilden Knoten nach hinten. Fertig angezogen ging ich auf Zehenspitzen durch die Wohnung, schnappte mir meinen Rucksack, und machte mich auf den Weg nach draußen. Diese Nacht wird einiges verändern, das wusste ich, und ich wünschte, es wäre nie passiert. Leicht wackelig auf den Beinen trat ich auf die Straße. Sofort musste ich blinzeln und hielt mir die Hand schützend über die Augen. Es musste bereits nach Mittag sein, denn die Sonne stand hoch am Himmel. Die Blätter der Bäume, die sich entlang der Straße eng aneinanderdrängten, raschelten im Wind. Ich atmete tief ein, verdrängte meine Sorgen und beschloss, den schönen Frühlingstag zu genießen.
Ich war nicht weit von der Universität entfernt, deswegen entschied ich mich zu Fuß zu gehen. Heute war Sonntag und dementsprechend wenig los. Nur vereinzelt eilten Mütter an mir vorbei, die ihre quengelten Kinder hinter sich herzerrten. Manch andere Leute gingen mit ihrem Hund spazieren, während ein Pärchen sich verliebt an den Händen hielt. Bevor ich um die nächste Häuserecke bog, wand ich mich noch einmal um, was ich im Nachhinein besser nicht hätte tun sollen, denn Alexander riss gerade die Eingangstür auf und stürzte auf die Straße. Ich werde nie vergessen wie er dort stand, nur in seinen Boxershorts, die Hände schlaff an den Seiten. Er begann sich hektisch umzusehen, suchte nach mir, wirkte dabei verzweifelt. Bevor er mich entdeckte, huschte ich schnell in das Café an dem ich gerade vorbeikam, um seinen Blick zu entkommen.
„Ist alles in Ordnung mit dir?"
Der Typ, der hinter dem Tresen arbeitete, musterte mich von oben bis unten.
„Wilde Nacht gehabt?"
Verwundert über seine Aussage sah ich an mir hinunter und musste laut auflachen. Der Rock war auf der Seite aufgerissen, das Shirt war zerknittert, aber am schlimmsten war, dass ich meine Schuhe bei Alexander liegen gelassen hatte. Barfuß im Café entschied ich mich es mit Humor zu nehmen, und richtete mich kerzengerade auf. Brust raus, Bauch rein. So ging ich selbstbewusst zum Tresen, wo der Typ grinsend auf mich wartete. Auf seinem Namenschild stand Eddy.
„Eddy, ich hätte gerne einen Cappuccino und einen Brownie zum Mitnehmen, bitte", bestellte ich und zwinkerte ihm zu.
Lachend drehte er mir den Rücken zu.
„So schlimm, dass du vor ihm flüchten musstest?"
„Schlimmer."
Ich legte ihm das Geld hin und setzte mich ans Fenster, während ich auf meine Bestellung wartete. Auch hier war wenig los, nur eine Gruppe junger Mädchen hatte sich auf einen kleinen Tisch zusammengedrängt. Sie flüsterten aufgeregt über Eddy der gerade meinen Kaffee machte. Hin und wieder warfen sie auch mir belustigte Blicke zu, steckten die Köpfe zusammen und lachten. Ich sah aus dem Fenster.
Draußen wurde es plötzlich dunkel. Ein Windstoß, der so stark war, dass sich die Bäume bogen, wirbelte Dreck vom Boden auf. Ein Zeitungsblatt, das vorher noch vergessen auf dem Asphalt lag, wurde hoch gerissen und schlängelte sich kreisend in die Höhe. Es schwebte von links nach rechts, folgte einer unsichtbaren Spur über den Baumkronen. Dann segelte es elegant wieder nach unten, als der Wind erneut aufbrauste und es in meine Richtung lenkte. Es flog gegen die Fensterscheibe hinter der ich saß, direkt auf meiner Augenhöhe. Erschrocken wich ich zurück, stieß dabei gegen einen Sessel, der scheppernd umfiel.  Alle Augen im Café wanden sich mir zu, doch ich ignorierte es, denn meine Aufmerksamkeit galt ganz dem Artikel auf der Titelseite der Zeitung. Groß prangte ein Foto von mir und Alexander darauf, das uns tanzend auf der gestrigen Party zwischen allen anderen Pärchen zeigte. Ich hielt ihn eng an mich gedrückt, die Arme um ihn geschlungen. Mir wurde übel. Ich spürte die stechenden, verurteilenden Blicke in meinem Rücken. Sie wussten, dass ich heute früh einfach abgehauen bin, ohne ein Wort zu sagen, ihn verletzt hatte.
„Nein, ich wollte ihm doch nicht wehtun", versuchte ich mich zu verteidigen. "Ich bin kein schlechter Mensch." Beschämt vergrub ich das Gesicht in meine Hände.
„Lass es dir schmecken."
Ich schrak aus meinem Tagtraum auf, und sah mich verdattert um. Eddy stand vor mir und stellte eine Tüte mit dem Brownie und dem Becher Kaffee vor mir auf den Tisch, dabei zwinkerte er mir zu. Ich bedankte mich leise. Zögernd sah ich zum Fenster. Die Zeitung war verschwunden, die Schuldgefühle blieben.

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