Prolog

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Sie holte ein letztes Mal keuchend Luft, bevor ihr Herz aufhörte zu schlagen. Den angsterfüllten Blick starr an die Decke gerichtet, als hätte sie dort etwas Aufregendes entdeckt, den Mund zu einem lautlosen Schrei aufgerissen. Ihre ansonsten strahlend blauen Augen waren von einem trüben Schleier überzogen, als ob ihnen jemand die Farbe gestohlen und nichts als absolute Leere zurückgelassen hätte. Aus ihrem rechten Augenwinkel befreite sich eine einzelne Träne, die auf ihrem Weg die rosige Wange entlang eine nasse Spur hinterließ, bis sie in den blonden Haaren versickerte.
Ich stand reglos direkt neben ihr, schritt nicht ins Geschehen ein, sondern sah nur fasziniert zu, wie das flackernde Kerzenlicht über ihren Körper tanzte, der durch den Kampf ums Überleben blutig und dreckig war. Ihr Kleid, auf der Seite komplett aufgerissen, klebte durch das viele Blut und den Schweiß, wie eine zweite Haut an ihr, und ließ freien Blick auf ihre nackten Beine, die von Kratzspuren überzogen waren. Als sie verzweifelt versucht hatte ihre Arme weit von sich streckte, und sich mit den Fingern in den Boden krallte, lief mir ein kalter Schauer den Rücken hinunter, denn das Geräusch das entstand, als ihre perfekt lackierten Nägel splitterten, fuhr mir bis unter die Haut. Mir wurde übel, als auch noch Blut darunter hervorquoll, doch ich wand mich nicht ab, sondern zwang mich weiter hinzusehen. Komplett mit den Gedanken beschäftigt meinen Magen zu beruhigen, bemerkte ich nicht, wie sie versuchte, nach meinem Schuh zu greifen und erschrak, als ihre Hand sich um meinen Knöchel schloss. Nach Luft schnappend wich ich angeekelt und stolpernd nach hinten aus, wäre dabei fast hingefallen. Mit dem Rest ihrer Kraft versuchte sie nochmals nach mir zu langen, doch dafür blieb ihr nicht mehr genügend Zeit, denn das Leben wich rasend schnell aus ihrem Körper. Ein letztes Mal keuchend nach Luft japsend, ein letztes Zittern, ein letztes schmerzerfülltes Aufbäumen, dann sackte sie in sich zusammen, und blieb reglos am Boden liegen. Das alles geschah fast lautlos, ohne schmerzerfüllte Schreie, ohne ein Betteln und Flehen. Ich konnte mich nicht mehr daran erinnern, wie lange ich nach ihrem Tod noch dort stehen blieb, denn Zeit spielte in diesem Moment für mich keine Rolle. Wie hypnotisiert sah ich lange zu, wie die Blutlache unter ihr immer größer, ihr Gesicht immer bleicher wurde. Irgendwann schloss ich ihre leeren, toten Augen.

Hin und wieder denke ich noch an Kylie und unsere kurze, gemeinsame Zeit vor ihrem Tod zurück. So wie heute, als ich gerade meine schwarze Jacke vom Hacken neben der Kellertür nahm. Ich hatte sie an unserem ersten Treffen getragen, als wir in dem kleinen Lokal am Strand essen waren. Der Abend damals war kühl, und ich hatte sie ihr auf dem Nachhauseweg um die Schultern gelegt, sodass sie nicht fror. Sie hat mir verlegen zugelächelt, nach meiner Hand gegriffen, ihre Finger mit meinen verschränkt.
In der Erinnerung versunken fischte ich den Schlüssel für die Kellertür aus meiner Hosentasche und sperrte auf. Einmal drehen. Zweimal drehen. Klick. Sogleich strömte mir kalte Luft entgegen. Schnell zog ich mir die Jacke über. Vor mir führte eine schmale Treppe in die Tiefe, dessen Ende ich von meinem Standpunkt aus, wegen des schwach flackernden Lichtscheins der vom angrenzenden Kellerraum kam, gerade noch erkennen konnte.

Kylie stand damals, kurz vor dem tragischen Unglück, genau hier neben mir und hat einen zögernden Blick nach unten geworfen. In ihren Augen spiegelten sich viele unbeantwortete Fragen, als sie mich mit zusammengepressten Lippen von der Seite ansah. Doch ich zog sie nur schulterzuckend an mich, küsste ihre Nasenspitze und flüsterte, dass sie nach unten gehen soll. Sie schien mir zu vertrauen, denn daraufhin stolperte sie zaghaft, trotz des jammernden Geheules das von unten zu uns heraufschallte, die Stufen hinab, und strich währenddessen mit den Fingerspitzen an der Wand entlang. Der Gedanke, sie in dem Keller zu sehen, ließ mir die Hitze in den Kopf steigen. Sie würde mir nicht mehr von der Seite weichen, wenn sie erkannte, was sich dort unten befand, und wie wichtig meine Aufgabe hier war, wie viel Macht ich besaß. Sie würde mir die Füße küssen, mich auf Händen tragen, um meine Aufmerksamkeit betteln. Zitternd atmete ich langsam aus, bedacht darauf meinen Puls zu senken. Doch ich scheiterte kläglich an dem Versuch die Bilder von Kylie zu verdrängen, sah sie stattdessen immer deutlicher vor mir, wie sie in ihrem bunten Kleid, das voll bedruckt mit den unterschiedlichsten Blüten war, in dem Kerzenlicht tanzte. Im Hintergrund das Wesen, das sie genauso erregt beobachtete wie ich, sie berühren wollte, sie spüren wollte. Sie war so unfassbar schön. Begierig ließ ich meinen Blick über ihren Körper schweifen, von ihrem Rücken über ihre Hüften, die sanft hin und her schaukelnden, bis über ihre nackten Beine. Ich fuhr mir mit der Zunge über die trockenen Lippen um sie zu befeuchten. Sie würde ganz mir gehören.
Kylie war auf ihrem Weg nach unten an der letzten Stufe angekommen, zögerte kurz und verschwand dann in den angrenzenden Raum, ohne sich noch einmal nach mir umzudrehen. Plötzlich verwandelte sich meine anfängliche Begeisterung in reine Panik. Kylie war nicht dafür bestimmt, das zu sehen, was sich dort unten befand. Doch es war zu spät meine Entscheidung rückgängig zu machen, denn sie hatte mit Sicherheit schon gesehen, was ich eigentlich niemanden zeigen durfte.

Sterneninsel - Die BeobachterWo Geschichten leben. Entdecke jetzt