*3. Kann ein Gebäude böse sein?*

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Das Klingeln des Weckers war mir so fremd geworden, dass mein Herz vor Panik raste, als ich hochschreckte. Es klopfte so wild gegen meinen Brustkorb, dass ich das Gefühl hatte, ersticken zu müssen.

Als mein Körper sich langsam wieder entspannte und ich nach dem Wecker langte, begann ich zu realisieren, wieso mein Wecker überhaupt geklingelt hatte. Ich schluckte schwer, der Gedanke an die Schule versetzte mich erneut in eine Schreckstarre und ich wollte auf der Stelle in Tränen ausbrechen.

Ich zwang meinen Körper zur Bewegung und rappelte mich auf. Kaum hatten meine Füße den kühlen Laminatboden berührt, tigerte ich auch schon durch den Raum und versuchte krampfhaft wieder zur Ruhe zu kommen. Es war bloß ein dummes Gebäude. Ein dummes Gebäude voller pubertierenden, wahnsinnigen, tyrannisierenden Schülern. Ich schluckte erneut.

Kurz vor sieben klopfte meine Mutter an meine Tür. Sie öffnete sie nicht sondern wartete stumm davor, während ich mir ein paar Klamotten schnappte und für wenige Sekunden die Augen schloss.

Als ich sie wieder öffnete, holte ich tief Luft, zog meine Zimmertür auf und ging an meiner Mutter vorbei, Richtung Badezimmer. »Miss Luzy holt dich hier um viertel vor acht ab!«, rief sie mir hinterher.

Hastig zog ich die Badezimmertür hinter mir wieder zu und lehnte mich dagegen. Mum seufzte hinter der Tür, dann ertönten Schritte, die sich langsam von dem Badezimmer entfernten.

Duschen. Anziehen. Zähne putzen.

Klang so ziemlich nach einem ganz normalen Morgen. Für die meisten Angehörigen der menschlichen Spezies.

An diesem Morgen wollte mir mein Gehirn allerdings keine Ruhe geben. Die Haarbürste entglitt etwa vier Mal meinen zitternden Fingern und als meine Mutter erneut an der Tür klopfte, um Miss Luzys Treffen anzukündigen, waren meine Haare noch immer nass.

Und so kam es, dass ich zehn vor acht das Haus verließ, einen schweren Rucksack auf dem Rücken trug und unter Mums Aufsicht in Miss Luzys Wagen stieg. Die Lehrerin schien ebenfalls nervös zu sein, doch sie begrüßte mich mit einem herzlichen Lächeln.

Anders als bei meinen Eltern oder Dr. Egoschwein sah ich ihr dabei in die Augen. Miss Luzy erinnerte mich an meine Großmutter, auch wenn sie grade mal fünfundzwanzig zu sein schien. Doch weder Miss Luzy noch meine Großmutter erwarteten eine Antwort von mir, sie erzählten einfach was zu erzählen hatten und ich hörte ihnen wortlos zu. Vermutlich war mir Miss Luzys unkomplizierte Anwesenheit deswegen lieber als die anderer, sie hatte sich damit abgefunden, dass ich eh nicht antworten würde.

»Ich muss zugeben, dass ich mir Sorgen mache.«, seufzte Miss Luzy, als sie den Wagen auf dem Lehrerparkplatz geparkt hatte. Ich starrte aus dem Fenster zu dem Gebäude.

Nur eine Schule mit ganz normalen Leuten.

»Meine Schüler wissen wer du bist und es gibt viele verschiedene Meinungen was dich betrifft. Ihnen ist klar, dass sie von der Schule fliegen, wenn ich sie dabei erwische, wie sie auf dir rumhacken. Aber vielleicht wirst du es mir auch in irgendeiner Situation sagen müssen.« Ich schluckte kaum merklich. Das klang gar nicht gut. Ganz und gar nicht.

Mein Fall hatte vor einiger Zeit einen Rundgang durch die Medien gemacht, vor allem das verlockende Angebot meiner Eltern, demjenigen Geld zu zahlen, der mich zum Sprechen bekam.

»Halt dich am besten von Miranda und ihren Freundinnen fern. Die Mädchen könnten dein Untergang sein.«, sie seufzte und schaltete endlich den Motor ab. Ich sah von dem Gebäude weg und versuchte ihren Blick einzufangen, ich brauchte Halt, doch die junge Frau wich meinem Blick aus. »Und Jay, er ist ein wirklich guter Junge, aber für Mädchen definitiv nichts Festes. Fall auf seine Masche unter keinen Umständen herein.«

Cynthia Barrow - Alle meine WünscheLies diese Geschichte KOSTENLOS!