Der neunte Tag

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Tag Nummer 9 oder wie man spricht zu sprechen

Am Donnerstag wachte ich auf und er lag nicht mehr neben mir. Mein Herz fing sofort panisch an zu klopfen und ich fragte mich ob er beschlossen hatte, dass wir beide genauso sinnlos und vergänglich waren wie der Rest der Welt.

Mir wurde kalt und ich zog die Decke enger um mich herum. Mein Atem ging sofort schneller und die Panik richtete sich gemütlich in meinem Bauch ein und verursachte ein ungutes Gefühl.

War er wirklich einfach gegangen ohne Bescheid zu sagen oder sich zu verabschieden? Irgendwie könnte ich mir das bei ihm nicht vorstellen, trotzdem gingen in meinem Kopf alle Alarmglocke.

Ich war wirklich ein bisschen paranoid.

Es wollte nicht in meinen Kopf rein warum er das tun sollte. Es würde keinen Sinn ergeben, mich erst aufzubauen und dann wieder die Klippe runter zu schubsen, so dass ich in hundert Teile zersprang und die schwarzen Kratzer sich auf meine Persönlichkeit ausdehnten und sie verschlangen bis ich nur noch ein schwarzer Abgrund war, den man nicht mal in seinen Träumen noch sehen konnte, weil solches Grauen unvorstellbar war.

Meine Lungen fühlten sich wie zusammen gepresst an oder wie undicht, sodass all die Luft die ich einatmete mich nicht mehr richtig erreichte, weil sie gleich wieder entwich. Es erschreckte mich, dass ich bereits so abhängig von ihm war, dass ich nicht mal eine Sekunde noch ohne ihn wollte und anscheinend ja auch nicht konnte. Das war doch nicht gesund!

Es erschreckte mich auch, dass er offensichtlich in der Lage war, die schwarzen Kratzer in mir verschwinden zu lassen, er aber auch die Macht hatte mir viel schlimmeres als nur Kratzer und Risse zuzufügen.

Es erschreckte mich, dass ich nicht wusste was in ihm vorging, ich es mir aber mehr als alles auf der Welt wünschte.

Es erschreckte mich, dass er sich unbemerkt an mich herangeschlichen hatte und ich ihn so nah hatte kommen lassen ohne über die Folgen nach zu denken.

Dumme, dumme April!

Ich kletterte aus dem Bett und schlurfte mit der einen Socke von gestern am Fuß und der Decke um die Schultern gelegt die Treppe runter ins Badezimmer.

Ich putzte meine Zähne und unterdrückte die hysterischen Tränen die in mir aufsteigen wollten. Sie drückten gegen die Mauer, die ich errichtet hatte und bettelten mit weinerlichen, jammernden Stimmen um Einlass. Aber soweit würde ich es nicht kommen lassen!

Was war bloß los mit mir?

Ich ließ warmes Wasser über meine erstarrten Hände laufen und blickte dabei in meine traurigen braunen Augen im Spiegel.

Dann tapste ich weiter in die Küche, die Decke im Schlepptau, wie ein trauriges Häuflein Elend, um mich in Ruhe selbst zu bemitleiden und das Basilikum um seine neue Frische zu beneiden.

Ich setzte mich wie gestern auf den weißen, abgenutzten Stuhl und betrachtete die Rosentapete. Das wurde langsam, aber sicher zu einem morgendlichen Ritual.

Es beruhigte mich. Es nahm ein wenig von der Last von meiner Lunge.

Es klingelte an der Tür.

Was genau Eddie an einem Donnerstag hier wollte wusste ich wirklich nicht. Donnerstag war nicht sein Tag.

Was genau überhaupt irgendwer hier wollen sollte wusste ich nicht. Meine Familie war nicht zu Hause und mich kam außer Junia nie jemand besuchen.

Vielleicht, weil ich außer Junia niemanden hatte.

Vielleicht, weil ich mich nicht bemühte irgendwen zu haben.

12 Tage AprilWhere stories live. Discover now