10. Kapitel

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Elena

Blutspuren führten von der Haustür ins Wohnzimmer.
Ich hielt mir die Hand vor Mund und Nase und folgte den Spuren.
Der Anblick im Wohnzimmer übertraf jeden Horrorfilm.
Liam lag auf dem Boden in einer Blutlache.
Die Couch war mit blutigen Handabdrücken befleckt, überall klebten Blutstropfen.
Der Anblick brannte sich in mein Gehirn ein.

Ich versuchte die immer stärker werdende Übelkeit zu zu ignorieren und kniete mich neben Liam auf den Boden. Er lag auf dem Bauch und schien bewusstlos.
Sein Oberkörper war nackt und schrecklich zugerichtet.
Tiefe Schnitte und Blutergüsse bedeckten seine Haut.

Ich wurde panisch als ich sah wie viel Blut er bereits verloren hatte.
In unserer Welt gab es kaum Krankheiten, geschweige denn körperliche Gewalt.
Das nächste Krankenhaus war weit entfernt und ich konnte ihn nicht fahren.

Ich stand auf und rannte zur Kontrollstation. All unser Wissen war dort jederzeit abrufbar. Ich suchte nach einem entsprechenden Eintrag und folgte der Anleitung, mit Hilfe des kleinen erste Hilfe Kastens in der Küche.
Ich desinfizierte die Wunden und verband sie so gut es ging.
Schweren Herzens verabschiedet ich mich von Liam und trat aus dem Haus.

Ich musste unbedingt Medizin für ihn besorgend. Seit einigen Jahren gab es Mittel, welche Wunden innerhalb weniger Minuten heilen konnten.
Mir blieb wenig Zeit.
Ich stieg in die nächste Bahn und hoffte dass meine Hilfe nicht zu spät kommen würde.
Ich brauchte eine Weile zum nächsten Krankenhaus, obwohl die neue Schnellbahn über 150km/h fahren konnte.

Als ich aus der Bahn ausstieg war ich in einer ziemlich abgelegenen Gegend angekommen. Hohe Berge mit steilen Klippen ragten in den Himmel. Kaum ein Mensch außer mir war auf der Straße.

Das Krankenhaus ragte einige Metee entfernt in den Himmel empor.
Aber in meinem Zustand konnte ich nicht das Krankenhaus betreten.

Ich folgte ein paar hundert Meter einem ausgeschilderten Wanderweg. Dann sah ich mich um, als kein Mensch in der Nähe war, folgte ich nicht länger dem sicheren Weg sondern kletterte über einen kleinen steinigen Abhang.

Ich hockte mich hin, atmete einmal tief durch und ließ mich fallen.
Ich rollte den Abhang runter und versuchte einen aufsteigenden Schrei zu unterdrücken.
Wenige Sekunden später wurde ich auf eine Wiese geschleudert und blieb kurz reglos liegen.

Ich rappelte mich langsam auf und verzog schmerzhaft das Gesicht.
Meine Sachen waren total verdreckt und meine Haut war bedeckt von kleinen Schnitten, Schürfwunden und blauen Flecken.
Aber das würde nicht ausreichen.

Ich lief zurück zum Ende des Abhangs und suchte den Boden mit meinen Augen ab. Da fiel mein Blick auf einen langen spitzen Stein.
Das sollte funktionieren.
Ich nahm den Stein in die Hand, hielt ihn an meinen Arm und atmete noch einmal tief durch.
Dann rammte ich die Spitze in mein Handgelenk und zog sie hoch bis zum Ende meines Unterarms.
Der Schmerz breitete sich binnen Sekunden aus.
Die Wunde klaffte auf und dickes Blut tropfte auf den Boden.
Mir wurde übel und ich wandte meinen Blick von meinem Arm ab.
Ich presste meine Hand auf die Blutung und lief zum Krankenhaus.

Schnell stieß ich die Tür zur Notaufnahme auf und trat ein.
Eine junge Krankenschwester sah auf als ich eintrat und schlug sich die Hand vor den Mund. Sie betätigte einen roten Knopf an der Wand und wenige Sekunden später wurde ich von einem Arzt ins Behandlungszimmer geführt und auf die Liege gesetzt.

Die Krankenschwester kam gleich nach uns ins Zimmer und sah mich besorgt an.
"Wie konnte denn das passieren?", fragte sie erschüttert.
Solche Verletzungen waren in unserem 'perfekten' System eine absolute Ausnahme.
Es gab keine Gewalt, jeder war zufrieden mit seinem Leben.
So behauptete es zumindest die Regierung.

"Ich war in den Bergen wandern und bin ausgerutscht und einen Abhang hinunter gefallen, ich bin so ein Tollpatsch mir passiert sowas ständig", erklärte ich und lachte beim letzten Satz.
Die Schwester strich mir mitfühlend übers Haar und lächelte:
"Na wir bekommen dich in Null Komma nichts wieder hin, keine Sorge"

Währenddessen hatte der Arzt bereits meine Blutung gestoppt und die Wunde gereinigt.
"Ich werde dir jetzt ein Mittel spritzen, welches die Wunde in wenigen Minuten heilen wird", erklärte der Arzt und ging zu einem der riesigen weißen Schränke.
Er öffnete eine Schublade und entnahm diesem zwei dünne Spritzen.
"Es wird nur ganz kurz weh tun", meinte er und spritze mir das Mittel in den Unterarm.

Kurze Zeit später begann mein Arm zu brennen, es fühlte sich an als würde er in Flammen aufgehen.
"Bitte leg dich hin, dann hört auch das Brennen auf und das Mittel wirkt schneller", erklärte die Schwester und verließ gemeinsam mit dem Arzt den Raum.

Ich wartete einen Moment ab, dann stand ich vorsichtig auf und ging leise zu dem Schrank. Ich öffnete dieselbe Schublade, welcher vorhin der Arzt die Spritzen entnommen hatte.
Das Fach war voller verschiedener Mittel, ich durchsuchte es nach den Spritzen und wurde fündig.

Ich überlegte kurz wie viele Spritzen ich benötigen würde, wenn der Arzt für meine Wunde bereits zwei Spritzen brauchte. Liam's gesamter Rücken wär geschändet.
Ich nahm 10 Spritzen, nur um sicherzugehen.
Sollten am Ende noch Spritzen übrig bleiben um so besser.
Da hörte ich Schritte vor der Tür.

Schnell ließ ich die Spritzen in meinem Rucksack verschwinden und legte mich zurück auf die Liege.
Erneut ertönten Schritte vor der Tür aber niemand kam in den Raum.

Da hörte ich leise Stimmen vor der Tür.
Schnell erkannte ich die Stimme der Schwester, doch die zweite Stimme war mir unbekannt.
"Es wurde soeben ein weiteres Ärzteteam in den Randbezirk angefordert. Die Aufstände in der Grauzone werden immer schlimmer und nun wurden wieder einige unserer Bürger verletzt", erklärte die Schwester.
Vom restlichen Gespräch bekam ich nichts mehr mit.

In der Grauzone gab es Aufstände?
Das war definitiv eine Information die ich nicht haben durfte. Die Gesellschaft spielte uns doch vor alles unter Kontrolle zu haben.
Ich musste an meinen Vater denken.
Lebte er seit seinem angeblichen Tod in der Grauzone?
War er an den Aufständen beteiligt?
Weshalb gab es überhaupt Aufstände?
Mein Kopf war voller Fragen, doch ich konnte nicht weiter darüber nachdenken, weil jetzt die Schwester wieder das Zimmer betrat.

Sie kam zu mir und betrachtete meinen Arm.
"Siehst du ich hab doch gesagt deine Wunde wird sofort wieder verheilt sein", sagte sie lächelnd.
Ich sah auf mein Handgelenk und konnte meinen Augen nicht glauben.

Da wo vor wenigen Minuten noch eine tiefe Schnittwunde war, befand sich nun lediglich noch ein dünner rosaner Streifen auf meiner Haut. Ungläubig strich ich über meinen Unterarm. Jeglicher Schmerz war weg und meine Haut fühlte sich glatt an.

"Du hast nicht viel Blut verloren und so können wir dich sofort wieder entlassen", erklärte sie und holte ein Gerät um meinen Zeigefinger zu scannen.

Ich hielt mir eine Hand vor den Mund und verzog das Gesicht, meine andere Hand presste ich auf meinen Bauch.
"Ist dir schlecht?", fragte die Krankenschwester besorgt und legte eine Hand auf meinen Rücken.
Ich nickte schnell und griff unbemerkt nach meinem Rucksack.

Schnell führte sie mich zu den Toiletten.
"Ich warte dann im Behandlungszimmer auf sie", sagte sie und verließ das Bad.

Ich nutzte meine Chance und rannte aus dem Krankenhaus.
Meine Beine trugen mich so schnell sie konnten zur nächsten Bahnstation. Da hörte ich aufgebrachte Rufe hinter mir.
"Hey was soll das?! Bleib stehen!", rief die Krankenschwester verärgert und rannte hinter mir her.

Da sah ich die Bahn an der Station. Noch einmal beschleunigte ich meine Schritte und schaffte es in letzter Sekunde in die Bahn bevor sich die Türen schlossen und die verärgerte Krankenschwester zurückblieb.
Das war verdammt knapp.

Mit meinem Fingerabdruck hätten sie mich sofort wieder gefunden wenn sie bemerkt hätten dass ich die Spritzen geklaut hatte.
Dieses Risiko konnte ich nicht eingehen.
Erleichtert ließ ich mich auf einen Sitz fallen, doch da hörte ich eine mir sehr bekannte Stimme meinen Namen rufen.

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