Der Eid der Drachenritter

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Meine Augenlider flatterten kurz, ehe ich sie aufmachte. Ein verschwommenes Gesicht befand sich direkt vor mir. Nach einigen verstrichenen Sekunden klarte sich meine Sicht auf und ich konnte das Gesicht erkennen. ,,Helen?" krächzte ich und stand vorsichtig auf. Wieder einmal wachte ich mit einem grellen Schmerz in meinem Körper auf. ,,Wie oft muss ich dich eigentlich noch zusammenflicken? Du hast mir echt Sorgen gemacht" tadelte Sie mich. Ich sah mich um und bemerkte, dass ich mich in meinem Haus im Orden befand. ,,Was...wie bin ich hier her gekommen? Ich war doch mit den anderen in Largos. Wir haben dieses Mischwesen vertrieben..." ,,Genau, das ist echt eine große Leistung von dir gewesen. Chrome hat mir bereits alles erklärt. Keine Sorge. Der Auftrag ist bestanden. Die Stadt Largos hat sich bereits an den Orden erkenntlich gezeigt, da dieses ... Wesen aus ihrem Ort sich nicht mehr blicken lässt" erzählte Sie, während Sie damit beschäftigt ist, meinen Verband zu wechseln. Da bemerkte ich erst, das ich nur mit einer Leinenhose und dem Verband, den sie mir gerade wechselte, bekleidet bin. ,,...du musst dir das mal Vorstellen! Was meinst du wie blass ich geworden bin, als man mich zu dir hierher schickte und du verschwitzt und mit einer notdürftig versorgten Wunde hier lagst. Diese Strolche wissen nicht mal wie man eine Wunde richtig versorgt. Was lernt ihr denn überhaupt sinnvolles?" Sie fuhr unbeirrt fort und ich spürte wie die Anspannungen der letzten Wochen von mir wich. Es tat gut ihr beim Reden zu zuhören. Auch wenn das meiste aus wilden Beleidigungen bestand. ,,Was gibt es da zu schmunzeln? Ach, ich habe total vergessen dir mitzuteilen, dass man dich heute Abend noch im großen Festsaal sehen will. Sicher haben die werten Ratsmitglieder sich irgendeine Feier ausgedacht, nur um dich aus den Haus zu bekommen. Diese Greise. Kaum habe ich dich wieder auf die Beine gebracht, da fordert man schon, dass du wild um dich feierst." Sie hatte schließlich den alten Verband weggeschmissen, gab mir noch eine Schüssel mit ihrer dampfenden Gemüsesuppe und ließ mir noch Anziehsachen auf dem Stuhl zurück, auf dem sie bis eben noch gesessen hatte. Zur Verabschiedung hatte sie nur gemeint ,,Ich bin nur froh das du fast heil mir wieder zurückgebracht worden bist." Ich löffelte die Schüssel gierig leer, streifte mir die Kleidung über, welche ziemlich elegant verarbeitet worden waren. Sicherlich sollte ich sie für heute Abend tragen. Zu dieser Feier. Ich ging mit noch wackeligen Beinen zu einer Schüssel Wasser, spritzte die kühle Flüssigkeit in mein Gesicht um wacher zu werden. Ich kämmte mir anschließend mein langes Haar nach hinten und ließ es mir mit einem lockeren Zopf auf den Rücken fallen. Zufrieden mit mir selbst trat ich hinaus. Es war ein kühler Tag, der Frühling brach langsam herein. Ich ging eilig zum Drachenhort, denn die dortigen Wesen brachten das ganze Gebäude zum erwärmen. Ebenso mein Drang Shruikan zu sehen, wuchs stätig in mir. Es fühlte sich an wie eine Ewigkeit, dass ich ihn das letzte Mal gesehen hatte. Verständlich, schließlich war es seit der Ankunft in Largos nicht einfach für uns gewesen uns zu sehen. Mit raschen Schritten durchquerte ich die Gänge im Drachenhort. Sehnsucht breitete sich in meinem Brustkorb aus. So war es also, wenn man mit einem Drachen stark verbunden war. Ich blendete meine Umgebung völlig aus, das Scharren oder die lauten, wirren Stimmen in meinem Kopf. Als ich mich Shruikan immer mehr näherte, konnte ich deutlich das nervöse grummeln aus seinem Stall hören. Ich stürzte hinein und blickte in erfreute kobaltblaue Augen. Ich umfasste seinen riesigen Kopf. ,,Ich hab dich vermisst" presste ich nur zwischen meinen Lippen hervor. Er brummte zufrieden vor sich hin. Shruikan züngelte leicht mit seiner Zunge über meine Wange. ,,Lass das, das kitzelt" lachte ich. Seine Augen funkelten wie ein ganzer Sternenhimmel auf ,,Ich habe dein Lachen vermisst" flüsterte er in meinen Gedanken. Ich trat von ihm zurück. ,,Lust den Tag auf der Hochebene verklingen zu lassen?" Er schnaubte zustimmend. Rasch kletterte ich über seine breiten Schulterblätter hoch in die bekannte Mulde zwischen dem Halsansatz und Rücken von ihm. Ein Sattel ist für die kleine Flugdauer nicht von Nöten, also packte ich mit beiden Händen fest an den mir vorderen Zacken und gab ihm das Signal zum losfliegen. Er sprang durch das riesige Lufttor, fiel kurz in die Leere um daraufhin geschwind seine Flügel auszubreiten und hoch in den Himmel zu steigen. Schon nach kürzester Zeit landete er auf der gewaltigen Lichtung, wo sich bereits andere Drachen tummelten. Zum Glück, weil ich es keine Sekunde hätte länger aushalten können, da ohne Sattel Shruikan's Schuppen mir unangenehm gegen die Beine rieben. Er war gerade erst eine Bruchteil einer Sekunde auf dem Boden, da sprang ich auch schon ab. Ich ging an seinem langen Hals entlang zu seinem Kopf und legte eine Hand auf ihn. Er blickte sich kurz um und wir konnten beide die Blicke der anderen Drachen auf uns ruhen spüren. Ich hatte eigentlich gehofft, das sich die anderen Drachen schnell an Shruikan's Anwesenheit gewöhnen würden, doch genau wie das letzte Mal, als wir gemeinsam hier waren, konnte ich merklich fühlen wie unerwünscht er bei den anderen war. Ich sah wie sich seine Augen zu Schlitzen formten. ,,Alles gut" brachte ich nur hervor,. ,,Sie brauchen nur etwas Zeit." Er schnaubte zur Antwort, erhob seinen Kopf in die Luft und sah sich um. Ich ließ ihn nur machen und setzte mich unter einer großen Weide zur Ruhe. Noch immer erschöpft von den Strapazen der letzten Wochen schlossen sich meine Augen wie von selbst. Stille umgab mich, als ich in den Schlaf glitt. Ein erdrückendes Gefühl schnürte mir plötzlich die Luft zum Atmen zu. Keuchend riss ich meine Augen auf und erblickte auf mir einen großen Körper. Ein Frischling hatte sich auf mir niedergelassen. Ich konnte deutlich durch die langen Flügel und den milchig-grauen Schuppen erkennen, dass es sich um einen Winddrachen handelte. Dieser döste Seelenruhig mit seinem zierlichen, jedoch verflucht schweren Kopf auf meinem Bauch. Ich biss mir auf die Unterlippe um mir ein aufhusten zu unterdrücken, was den Kleinen nur geweckt hätte. Ich versuchte mein Atem wieder zu regulieren und sah mich nach Shruikan um., konnte ihn jedoch nicht entdecken. Er wird sich schon irgendwo hier herumtreiben. Die Hochebene ist groß und man verliert hier schnell schon mal die Übersicht. Plötzlich verstummte das Brummen, Grummeln und Zischeln um mich herum. Es wurde totenstill, doch dann zerschnitt ein wutentbranntes Aufbrüllen die Luft. Der kleine Winddrache auf mir schreckte hoch und auch mir fuhr ein Schauer über den Rücken. Was ist da hinten los? Hinter dem Plateau der Altdrachen schien plötzlich ein reges treiben aus Wachen, Drachen und Knappen zu entstehen. Während die Knappen ängstlich davon rannten, versuchten Wachen etwas unter ihre Kontrolle zu bringen. Eine dunkle Vorahnung packte mich, ließ mich auf den Aufruhr zu rennen. Als sich das Plateau aus meine Sicht schob, konnte ich zwei Drachen erkennen, die sich verbissen hatten. Sie fauchten ihren Gegenüber an, umkreisten sich und krachten wieder in einander, was ein kleines Erdbeben unter den Füßen entfachte. Meine Erleichterung, dass es sich nicht um Shruikan dabei handelte, wich jedoch der Sorge, als ich ihn neben dem Kampf sah. Er beobachtete die kämpfenden Drachen ganz genau und folgte jeden ihrer Bewegungen. Was hatte er vor? Ich bemerkte wie die Wachen um mich herum schließlich aufgaben. Sie konnten gegen die gewaltige Kraft von zwei männlichen Feuerdrachen nichts ausrichten. Ich blickte leicht entrüstet dabei zu, wie sie sich immer weiter entfernten. Das darf doch wohl nicht wahr sein, dass sie die beiden einfach weiter kämpfen ließen. Aber vielleicht war es auch nur gesunder Menschenverstand, was die Wachen zu dieser Entscheidung verholfen hatte. Ein Blitz aus schwarzen Schuppen ließ mich zusammenzucken. Shruikan hatte sich plötzlich in die Auseinandersetzung der beiden Hitzköpfe geworfen. Ein Windstoß ließ mich hinter meine Schultern blicken. Alle Drachen der Hochebene hatten sich um die Hitzköpfe und Shruikan versammelt, doch anstatt einzugreifen, wie Shruikan, beobachteten sie es bloß. Selbst die weisen Altdrachen sahen trotzig zu ihnen herab, vom Plateau aus. Shruikan hatte währenddessen den beiden viel größeren Drachen seine Zähne gezeigt, sich auf seine Hinterbeine geschwungen und ihnen beiden eine über gezogen. Verwundert blickten sie ihn an. Ich konnte deutlich Spott in ihren giftigen Blicken sehen. Shruikan beirrte es jedoch nicht. Er zischte sie nur an. Schweigen. Er schien ihnen irgendetwas mitteilen zu wollen. Die Drachen hatten sich wohl durch seine Worte beruhigt und beide verzogen sich brummend in die Schatten der umstehenden Bäume. Ich lief zu Shruikan rüber und bemerkte dabei, dass sich die Schaulustigen Drachen sich wieder auf ihren eigenen Kram konzentrierten. ,,Worum ging es im Streit?" ,,Um ihr Ego. Sie konnten sich nicht einigen, wer zuerst sein Glück bei ihrer Herzensdame versucht." Ich blickte ihn irritiert an und er schnaubte amüsiert. ,,Es ist Paarungszeit, Aya." Kurz überrumpelt mit dieser Information starrte ich ihn an. Konnte ein Drache rot werden? Wenn ja, dann war Shruikan es gerade definitiv. Ohne noch ein Wort dazu zu sagen, wandte er sich um und trottete, mit dem stacheligen Schwanz hinter sich her schleifend, zum See und trank einige gierige Schlucke daraus. Da realisierte ich erst wie schmerzhaft das Thema für Shruikan sicher ist und er deshalb in den Streit eingeschritten ist. Er hatte keine weibliche Artgenossin, ja nicht mal einen Artgenossen als Spielkamerad. Bleierne Trauer überkam mich. Er sah so einsam in diesem Moment aus, dass es mir das Herz zerbrach. Mit Wehmut kam mir plötzlich Lucian in den Sinn. Was er wohl gerade durchmachte?

Aya -Tochter der DrachenLies diese Geschichte KOSTENLOS!