Ich laufe die Treppe hinunter. Meine zitternden Finger gleiten am Treppengeländer entlang. Ich habe Hunger, mir knurrt der Magen. Ich fühle mich nicht gut; mein Schädel brummt, mein Herz pocht, mir ist schwummrig zumute.
Es ist ein seltsamer Tag gewesen. Ein seltsamer Tag mit seltsamen Dingen, die passiert sind. Dinge, die ich mir nicht erklären kann. Ich habe mit Keinem darüber gesprochen. Ich wüsste auch nicht, mit wem.
Freunde habe ich nicht wirklich, nur Menschen, mit denen ich mal mehr, mal weniger zurechtkomme. Ich war irgendwie immer anders. Mich hat das aber nie gestört. Ich bin ein Einzelgänger. Vielleicht bin ich auch nur einer, weil ich noch nie ein Gefühl von Freundschaft hatte. Ich weiß es nicht. Aber ich brauche keine Freunde. Ich mag es so, wie es ist.
Trotzdem bereitet mir die Erinnerung an den Vorfall heute Angst. Ich habe Angst, weil ich ihn mir nicht erklären kann.
Ich lief den überfüllten Korridor entlang. Überall waren Mitschüler von mir und sie drängten sich in Richtung Ausgang. Ich fühlte mich nicht wohl in dieser Masse an Menschen. Plötzlich stauten sich alle, die Tür musste veschlossen sein, aber von hinten strömten weitere Schüler nach... das Gedränge wurde dichter und mir wurde immer unwohler, während die Menge weiter anschwoll.
Wie ich so etwas hasse. Wie mich so etwas abstößt. Wie uneträglich dieses Gewühle war. Wie sehr ich wegwollte. Mein Puls stieg. Mein Atem ging schneller, als müsste ich jedes bisschen Luft schnappen, was ich bekommen konnte.
Ich gehe schwankend in die Küche. Ich schmeiße zwei Scheiben Toast in den Toaster und schneide mir eine Avocado auf.
Plötzlich spürte ich meinen Körper nicht mehr. Da war einfach nichts. Nichts, was ich hätte spüren können. Ich wollte an mir heruntersehen, aber da waren nicht meine Beine. Stattdessen stand jemand Anderes hier. Ich existierte praktisch nicht mehr. Was passierte hier? Ich konnte mich ja schlecht in Luft aufgelöst haben. Aber das wirkt leider sehr echt. Es fühlte sich an, als wäre das hier nur eine Virtual-Reality-Welt, in der ich nur von oben auf das geschehen herabblickte, jedoch mit dem kleinen Unterschied, dass ich in diesem Fall meinen Körper behalten hätte. Fuck, was war das? Ich probierte, ob ich mich, so dämlich es auch klingt, durch reine Willenskraft fortbewegen konnte. Es funktonierte. Ohne jeden Luftwiderstand, ohne jedes Gefühl schwebe ich dahin. Dann fiel mir auf, wie grotesk diese Situation war. Ich flog körperlos und scheinbar als reines Bewusstsein in meiner Schule herum und hatte keine Ahnung, wie ich mich aus diesem Zustand befreien konnte. Vielleicht durch Vorstellungskraft? Ich meine, es ist ja nicht so, als hätte es nicht vorher schon geklappt. Aber hier, über den Köpfen der Schüler meine Gestalt wieder zu erlangen, erscheint mir nicht gerade als die beste Idee. Ich bewege mich auf die Wand zu. Wenn ich keine Masse besitze, fiel für mich wohl das Gesetz, dass sich Materie sich nich mir anderer Materie überschneiden kann, wohl weg. Als wäre ich ein Nichts (was ich wahrscheinlich auch war), glitt ich durch die Wand.
Als das Toast aus dem Toaster springt und mich aus meinen Gedanken reißt, habe ich mir die Avocado schon längst einverleibt. Zu meinem Missfallen sind beide Scheiben schon verkohlt. Gleichzeitig bemerke ich, dass mein Appetit gänzlich verschwunden. Dafür wünsche ich mich mehr denn je auf meine Couch.
Nachdem ich den Schock, gerade buchstäblich durch die Wand gegangen zu sein, überwunden hatte, realisierte ich, dass ich mich im Chemiesaal befand. Glücklicherweise war niemand hier, nur die Tür zur Chemiesammlung stand offen, aber ich konnte keinen Lehrer entdecken. Ich positionierte mich also hinter einem Tisch. Ich versuchte also, mich zu konzentrieren, mir fast krampfhaft vorzustellen, wie es sich anfühlen würde, hier auf dem Boden zu sitzen, doch meine Gedanken werden immer wieder von zweifelnden Gedanken durchbrochen. Was, wenn es nicht klappen würde? Wäre ich für immer verschollen, müsste ich auf ewig der Welt beim Abkratzen zusehen, unfähig, irgendetwas zu tun? Für einen Moment erschien es mir, als würde ich im Zweifel ertrinken, doch ein gläsernes Klirren holte mich aus meinen düsteren Vorstellungen. Ich hörte meinen ehemaligen Chemielehrer in der Sammlung fluchen. Er hatte wohl ein Reagenzglas fallen lassen. Ich konnte zwar nicht tief durchatmen, aber ich verbot mir jegliche negative Gedanken. Meine ganze Konzentration war darauf gerichtet, meinen Körper und damit die Kontrolle wieder zu erlangen. Und endlich, nach qualvoll langen Sekunden, spürte ich, wie mein Herz wieder wild klopfend zurückkehrte, wie sich meine Lungen wieder mit Luft füllten und ich war sogar glücklich, meine schweren Glieder zu spüren.
Ich habe mich gerade auf das Sofa fallen lassen und bin fast eingeschlafen, als es an der Tür klingelt, aber zugegeben ist es mir gerade herzlich egal, wer da steht und etwas von mir will. Soweit ich weiß, warte ich weder auf eine Pizza noch hat meine Mutter mich nicht gebeten, ein Paket anzunehmen- überhaupt haben wir in letzter Zeit kaum geredet.
Ich stand auf. Ich fühle mich ziemlich zermatscht, ich würde nach Hause gehen, sobald ich hier raus war. Ich möchte mich gerade zur Tür wenden, aber mein Chemielehrer muss ja hereinkommen. "Oh, hallo, Lux. Ist nicht schon längst Pause?" Ich erstarre. "Tut mir Leid, ich habe ein wenig länger gebraucht..." "Hattest du überhaut gerade hier Unterricht?" Verkackt. "Nein, ich.. ich habe gerade noch etwas gesucht... Ich hab nämlich was liegen lassen. Mein.... meinen Regenschirm." "Deinen Regenschirm?" Er zog eine Augenbraue hoch. Die Region litt schon seit mehreren Wochen unter der schwersten Dürre seit dem letzten Jahrhundert. "Genau. Und jetzt muss ich leider gehen, damit ich noch etwas zu Essen bekomme." Mit hochrotem Kopf drehte ich mich zur Tür. "Warte mal", sagte er plötzlich. "Ich wusste gar nicht, dass du dieses Jahr Chemie genommen hast.." "Habe ich auch nicht", antwortete ich ihm schnell, damit ich nicht in unangenehme Situationen kam. "Ist für einen Freund." Er machte den Mund auf, als wollte er einwenden, dass ich doch gar keine Freunde hatte, doch er schloss den Mund, ohne etwas zu sagen.
Es klingelt ein zweites Mal. Immer noch mache ich keine Anstalten, mich zu bewegen, aber plötzlich höre ich Stimmen.
"Wetten, er ist doch nicht zuhause?"
"Er ist unter Garantie zuhause, er ist krank."
"Jedendalls glaubt er das."
"Ja... das glauben sie alle."
"Vielleicht ist er beim Arzt?"
"Das glaube ich nicht."
"Soll ich noch einmal klingeln?"
Es klingelt ein drittes Mal. Ich bin verwirrt, ich habe Keinem erzählt, dass ich krank bin, und warum hat der Eine gesagt, dass ich nur glaube, dass ich krank bin? Mir ist das suspekt. Ich beschließe, nicht aufzumachen, egal was passiert.
"Ich verlier langsam die Geduld... kannst du aufmachen?"
"Klar doch."
Nach einem Monent der Stille höre ich, wie sich innen die Türklinke herunterdrückt. Diese Leute wollen sich zugang zu meinem Haus verschaffen... ich springe auf, nehme den Avocadokern, um wenigstens das Gefühl zu haben, bewaffnet zu sein, bereue es aber sofort wieder, mir wird wieder schwindelig. Zwei junge Männer betreten mein Wohnzimmer.
"Hi.", sagt der kleinere von ihnen.
"Was zum- Wer seid ihr? Was ist das hier?"
"Deine Zukunft."
Der Avocadokern fällt mir aus der Hand. Sein Aufprall auf dem Boden hört sich an wie ein Donnerschlag in der Stille.
Ich versinke in der Dunkelheit.
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Vertere
ParanormalAchtung, ich habe 'Shapeshifter' in 'vertere' umbenannt, da mir dieser Name besser gefällt! "Ich würde es auch nicht glauben, würde ich es nicht sehen, jedes Mal, wenn ich dich ansehe. Ich habe so etwas noch nie gesehen. Du bist etwas Besonderes, L...
