„Kann man sich nur sehr schwer vorstellen, aber du hast nicht ganz unrecht mit dem, was du sagst. Vielleicht sollten wir wirklich genauer hinschauen, was hinter einem Streit steckt, aber außer Herrn Becker, dem verstorbenen Pfarrer Bach und vielleicht noch drei weiteren Lehrern tut dies leider kaum jemand! 

Darum ist Herr Becker wahrscheinlich auch zum Vertrauenslehrer gewählt worden!“, sagte Frau Hellenberg nachdenklich.

„Bei ihm habe ich den Eindruck, er interessiert sich wirklich für seine Schüler und ich habe ihn schon häufiger mit einigen Streithähnen zusammen sitzen und über die Schwierigkeiten sprechen sehen. Manchmal macht er deshalb sogar Überstunden.

In den Klassen, in denen er unterrichtet gibt es auch wesentlich weniger Konflikte als bei den anderen.“

Doch dann hellte sich ihr Gesicht auf. „Vielleicht weht ja bald ein neuer Wind, wenn der neue Direktor hier anfängt. Vielleicht ist er ja auch sehr motiviert und räumt ein wenig auf, und er bring die anderen Lehrer dazu, dass sie sich so verhalten wir Herr Becker!“

„Das glaube ich kaum,“ murmelte Julia. „Ich habe eher das Gefühl, als würde der alles nur noch schlimmer machen!“

Nachdenklich verließ Julia an diesem Nachmittag ihren Arbeitsplatz und lief fast in einer Frau, die einen Eimer mit Wasser trug, in die Arme.

„Entschuldigen Sie bitten,“ entschuldigte Julia sich.

„Ist ja nichts passiert,“ sagte die Frau lächelnd. „Lassen Sie Ihr Büro ruhig offen stehen, ich muss da gleich noch durch saugen!“

Ganz offenbar handelte es sich bei der Frau um eine der Reinigungskräfte, die am Nachmittag in der Schule beschäftigt waren.

„In Ordnung, aber Sie haben einen Schlüssel und können hinterher abschließen?“, erkundigte sich Julia. 

Ganz wohl war es ihr nicht bei dem Gedanken, den Raum offen zu lassen.

„Natürlich habe ich einen Schlüssel,“ antwortete die Frau lächelnd und hielt einen Schlüsselbund hoch. „Sonst könnten meine Kolleginnen und ich ja auch gar nicht in den einzelnen Räumen sauber machen!“

„Mama, bist du fertig? Können wir bald gehen?“, hörte Julia auf einmal eine Stimme hinter sich und drehte sich um.

„Lucas? Was machst du denn noch hier?“, erkundigte sich Julia.

„Das ist mein Sohn!“ Er holt mich manchmal von der Arbeit ab, aber meistens bleibt er nach Schulschluss auch auf dem Schulhof und wartet auch mich!“,antwortete die Frau.

Julia nickte und verließ das Schulgebäude. Es wurde bereits dunkel und in der Ferne hörte sie die Glocke der St. Andreas Kirche schlagen. Sie zuckte unwillkürlich zusammen. 

„Keine Angst, Julia!“, sagte sie zu sich selber. „Den Dämon gibt es nicht mehr! Dir kann nichts Schlimmes geschehen!“

Sie dachte noch häufiger als ihr lieb war an die vergangenen Ereignisse und erst vor zwei Tagen hatte sie ein Alptraum geplagt, in dem der Dämon der St. Andreas Kirche sie verfolgt hatte.

Unterdessen betrat Anita Frinken, Lucas Mutter, die an der Schule als Reinigungskraft arbeitete, einen Klassenraum. Es war der letzte Raum, den sie an diesem Tage reinigen musste. Sie mochte ihren Job nicht besonders, aber es war für sie die einzige Möglichkeit, um nicht von Hartz IV leben zu müssen.

Trotz einer guten Ausbildung zur Bürokauffrau vor der Geburt ihres Sohnes und jahrelanger Berufserfahrung, sie hatte ihren Sohn schweren Herzens zu ihrer mittlerweile verstorbenen Mutter gegeben, da sie, als er ein Jahr alt gewesen war, wieder ganztags zu arbeiten begonnen hatte, fand sie nach ihrer betriebsbedingten Kündigung vor vier Jahren keine andere Stelle mehr.

Sie hielt sich ihren Rücken, der ihr vom Schleppen der schweren Wassereimer weh tat.

„Manchmal habe ich wirklich keine Lust mehr, aber was will ich machen? Ich möchte meinem Sohn auch einmal den ein- oder anderen Wunsch erfüllen können, leider zahlt sein Vater ja nur den gesetzlichen Mindestunterhalt und ansonsten ist von ihm gar nichts zu erwarten, weder zum Geburtstag noch zu Weihnachten hat er sich jemals blicken lassen, von einem Geschenk oder finanzieller Unterstützung rede ich mal gar nicht! In 15 Jahren hat er sich nicht einmal bei Lucas blicken lassen!“

Sie war noch immer sehr wütend auf ihren damaligen Freund, der zwar für seinen Sohn zahlte, ihr aber zu verstehen gegeben hatte, dass er sonst nichts mit ihr und ihm zu tun haben wolle, da er Familie habe.

„Aber ich bin es ja auch selber schuld, was musste ich mich auch mit einem verheirateten Familienvater einlassen?“, dachte sie und machte sich selbst Vorwürfe.

Und nun hatte ihr Sohn wieder einmal mit Blutspuren an seinem billigen T-Shirt vor ihr gestanden. „Er kann sich nun einmal nicht so teure Klamotten leisten wie seine zum Teil reicheren Klassenkameraden, aber ist das ein Grund, sich dauernd über ihn lustig zu machen? Aber ich wünschte, ich könnte ihm diese Lederjacke schenken, die er neulich im Laden anprobiert hat! Leider gibt das nichts, auch nicht zu Weihnachten!“

Doch dann sah Anita Frinken eine Jacke an einem Stuhl hängen. Es handelte sich um eine schicke weiße Jeansjacke mit hübschen Stickereien.

„Die gehört bestimmt einem dieser reichen oberflächlichen Mädchen, die nichts besseres zu tun haben als sich über die lustig zu machen, die sich so was nicht leisten können,“ dachte sie mit einem Anflug von Wut und nahm die Jacke hoch, um den Stuhl ab zu wischen.

Mit ihrer Arbeit war sie immer sehr gründlich. In diesem Augenblick fiel mit einem Knall ein Portemonnaie zu Boden, es musste aus der Jackentasche gerutscht sein.

Anita hob es hoch und wolle es in die Jacke zurückstecken, jedoch dann sah sie sich nach allen Seiten um und öffnete es.

„Das gibt es doch gar nicht! Wie sehr kann man sein Kind eigentlich noch verwöhnen? Davon könnten wir einen Monat lang unsere Einkäufe bezahlen!“

In der Tasche befanden sich insgesamt 320 Euro.

Anita schloss das Portemonnaie wieder, jedoch dann kam ihr ein Gedanke. „Die Jacke, die meinem Sohn so gut gefallen hat kostet 200 Euro. Wenn ich mir die nun da raus nehme? Bestimmt merkt dieses verwöhnte Kind nicht einmal, dass ihm sein Geld fehlt und denkt, sie hätte es schon für irgend etwas ausgegeben!“

Anita zögerte noch einen Augenblick, jedoch dann gewann der Wunsch, sich auch einmal etwas leisten zu können, die Oberhand und mit einem sehr schlechten Gewissen steckte sie das Geld ein. Sie hatte noch niemals etwas gestohlen und sie hätte niemals gedacht, dass es eines Tages so weit kommen würde.

Schuldbewusst traf sie auf dem Schulflur auf ihren Sohn. 

„Weißt du was, Mama, ich habe beschlossen, ich suche mir nach der Schule einen Job. Dann kann ich dich zwar nicht mehr so oft abholen, aber dafür können wir uns vielleicht mal einen kleinen Urlaub nächstes Jahr leisten, wenn ich es zurück lege und spare! Eigentlich wollte ich mir ja diese Lederjacke kaufen, aber ich glaube, von einer Woche Urlaub haben wir mehr!“

„Du bist lieb,“ antwortete Anita und ihr schlechtes Gewissen stieg noch mehr, doch dann dachte sie daran, dass ihr Sohn, der sein verdientes Geld nicht für sich ausgeben wollte, sich zu Weihnachten über ein besonderes Geschenk würde freuen können.

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