,,Schon gut. Sie kam heute zu mir und hat sich für ihr Verhalten entschuldigt. Ich war ihr nie wirklich böse", gebe ich zu und sehe Luke lächeln. ,,Das stimmt, ich war mit dabei. Aber jetzt ernsthaft; warum lässt sie so eine Bombe platzen, wenn ich an mein Bett gefesselt bin? Sie ist lesbisch und verheimlicht es seit Jahren", Ella scheint es immer noch nicht wirklich fassen zu können. Ich spüre wie Luke nach meiner Hand greift und seine Finger mit meinen verschränkt.

,,Hast du Lust zu tanzen?", flüstert er in mein Ohr und ich nicke nur wortlos. ,,Wir sehen uns später", verabschiede ich mich von Tyren und Ella und werde von Luke auf die Tanzfläche zu den vielen anderen Studenten gezogen, die sich im langsamen Takt zur Musik bewegen. Meine Finger wandern hinter seinen Nacken, wo ich sie ineinander verschränke und ihn verliebt anschaue. ,,Die beiden sind echt süß zusammen", stelle ich fest und nicke in Richtung Ella und Tyren, die sich verträumt in die Augen blicken.

Zwar ist seit dem plötzlichen Kuss von Ella nichts mehr zwischen ihnen passiert, aber Tyren hat sich bei ihr für sein Verhalten entschuldigt und ich denke, dass sie sich dabei ein wenig näher gekommen sind. Zumindest sagt mir deren Körpersprache alles. ,,Allerdings", grinst Luke und küsst mich. In den Tagen nach Scotts' Tod hat sich mein komplettes Leben um 180 Grad gedreht. Sara bekam von dem schrecklichen Vorfall mit, wonach sie mich sofort in der Uni aufgesucht hat und wir uns aussprachen. Sie wusste erst durch Scott, dass sie mich doch kennt.

Früher hatte sie unglaublich für ihn geschwärmt und als sie beobachtet hatte, wie ich zu ihm ins Auto gestiegen bin, bestätigte sich ihr anfänglicher Verdacht. Allerdings hat uns diese Lüge nur noch mehr zusammengeschweißt. Wir treffen uns fast täglich und reden über alle möglichen Sachen. Es ist fast wie früher.

,,Woran denkst du gerade?", reißt mich Luke aus meinen Gedanken, doch ich schließe nur die Augen. ,,Daran, dass du etwas bestimmtes noch nicht von mir gehört hast", entgegne ich und fahre mit meinen Fingern sanfte Kreise an seinem Nacken. Er zieht seine Augenbrauen fragend nach oben. Ich lehne mich ein Stück zu ihm vor und stoppe neben seinem Ohr:

,,Ich liebe dich auch."

Mit diesen Worten lege ich mein Kinn auf seiner Schulter ab und atme seinen vertrauten Duft ein. Diese Antwort hat über zwei Wochen auf sich warten lassen, aber es ist auch viel passiert. Ich wollte einfach den richtigen Moment abwarten und der ist jetzt gekommen.

,,Mae", äußert Luke plötzlich, was mich aufhorchen lässt. Dieser Name ist seit ich ein Baby bin ein Teil von mir und trotzdem fühlt es sich komisch an, wenn man mich so nennt.
,,Ja?", irritiert schaue ich ihn an.
,,Was ist eigentlich mit dem Brief passiert?".
Mein Herz bleibt kurzzeitig stehen.

,,Er ist an einem sicheren Ort", entgegne ich seelenruhig und tanze im Takt weiter.
,,Du kennst also den Grund, warum dein Vater ihn dir geschrieben hat?".

,,Ja."

Ein wehmütiges Lächeln schleicht sich auf meine Lippen. Über die Jahre hinweg blieb es ein großes Rätsel, warum jemand meine Eltern hätte umbringen wollen. Ich glaubte schon beinahe, mein Vater hätte etwas schlimmes getan, aber der Brief beweist das Gegenteil.

,,Er war einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. Mehr schreibt er auch nicht darin. Glaub mir, ich hätte es dir erzählt, wenn es etwas wichtiges gewesen wäre, aber scheinbar wollte er mich vor dieser Sache beschützen." Luke verzieht seine Mundwinkel nachdenklich.
,,Und du willst gar nicht wissen, warum er und deine Mutter.. du weißt schon."

,,Nein. Mir reicht der Beweis dafür, dass er nichts schlimmes getan hat. So kann ich ihn und meine Mom immer in guter Erinnerung behalten. Der Psycho nimmt sein Geheimnis mit ins Grab ebenso wie meine Eltern. Vielleicht ist genau das am besten."

,,Du hast Recht", erwidert Luke darauf und lässt mich los. Perplex sehe ich ihn an, während er eine kleine Schachtel aus seiner Anzugtasche holt. ,,Es gibt da etwas, dass ich dich fragen wollte", fängt er an. Ich reiße meine Augen auf. Meine Beine fühlen sich gleich ganz weich an. Er reicht mir die Schatulle und sieht von ihr zu mir: ,,Mach sie auf", raunt er mit einem leichten Grinsen.

Mit zittrigen Fingern klappe ich den Deckel ab und halte zu meiner Erleichterung einen Schlüssel in der Hand. ,,Der wäre für unsere gemeinsame Wohnung, wenn du bereit dazu bist, bei mir einzuziehen. Ich habe endlich eine gefunden."
Überrascht schaue ich von dem Schlüssel auf zu Luke und fange an zu lachen. Er scheint meine Reaktion nicht ganz deuten zu können, als ich mich einigermaßen wieder beruhigt habe und ihm grinsend antworte:

,,Ich dachte schon, du machst mir einen Heiratsantrag". Luke lächelt breit und schüttelt den Kopf. ,,Wer weiß, vielleicht kommt der bald auch noch", erwidert er scherzhaft, wobei ich mir nicht zu hundert Prozent sicher bin, ob er es nicht eventuell doch ernst meint. ,,Also, was meinst du?", er deutet auf den Schlüssel.

,,Wie kann ich da denn schon nein sagen", antworte ich überglücklich und küsse ihn überschwänglich. Vermutlich muss es einem erst richtig schlecht gegangen sein, um dann doch noch das Glück in seinem Leben zu finden. Meines steht jedenfalls gerade vor mir und egal wo mich mein Weg noch hinführen wird, er wird an meiner Seite sein. Ebenso wie meine Eltern und Scott, die, auch wenn sie nicht mehr unter den Lebenden weilen, tief in meinem Herzen jeden Schritt mit mir gemeinsam gehen, den ich machen werde.

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