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Ich blinzelte angestrengt. Einzelne, goldene Sonnenstrahlen stahlen sich durch das Fenster und klecksten ihre Sprenkeln auf das dreckige Segel, auf dem ich mich zusammengerollt hatte. Aber es war nicht die Sonne, die mich aus meinem unruhigen Schlaf geweckt hatte. Das Knacken eines gedrehten Schlüssels ließ mich aufhorchen.

Plötzlich war ich hellwach. „Hallo?"

„Guten Morgen", ertönte es. Die Tür wurde aufgeschoben und ein junger Pirat füllte den Türrahmen aus. Er schien in meinem Alter zu sein, vielleicht auch ein bisschen älter. Seine Wangen waren unrasiert und unter dem gestreiften Shirt wölbte sich ein kleiner Bierbauch hervor. „Hunger?"

„Nein", brummte ich einsilbig. Mein Magen allerdings schien einer anderen Auffassung zu sein, denn der grummelte lautstark, als ich das Tablett in seinen Händen sah.

Schmunzelnd stellte er es vor meinen Füßen ab. Eine Tasse Milch, ein Apfel, ein Stück Brot und Käse ... ich wusste gar nicht, wo ich anfangen sollte. Jedoch hätte ich mir lieber den kleinen Finger abgehackt, als vor seinen Augen darüber herzufallen. Diese Blöße wollte ich mir nicht geben. Schließlich war meine Würde alles, was mir noch geblieben war.

„Ach, ehe ich es vergesse", meinte der Pirat und wühlte in den Hosentaschen seiner weiten Leinenhose. Dann warf er mir ein Bündel zu, das ich unbeholfen auffing. „Hier hast du noch Verbandszeug und ein paar Schmerztabletten. Wer hat dich denn eigentlich so zugerichtet?"

In ein Stück Mull war ein Blister mit Tabletten eingerollt. Ich besah meinen Unterarm genauer. Als mir wieder einfiel, dass er mir eine Frage gestellt hatte, setzte ich zu einer Antwort an.

„Eigentlich geht's dich nichts an", antwortete ich und strich über das getrocknete Blut. Diese kleine Berührung reichte aus und schon schoss erneut ein schmales, rotes Rinnsal daraus hervor. „Eine Meerjungfrau hat mich erwischt."

Er nickte verständnisvoll und strich sich durch sein blondes Haar, das nun zu allen Seiten abstand. „Oh, von denen solltest du dich fernhalten. Mit diesen Biestern ist echt nicht gut Kirschen essen."

„Hatte nicht vor nochmals auf einen Besuch vorbeizuschauen", murmelte ich, während ich mir den Mull um den Unterarm band. Der weiße Stoff sog sich umgehend voll und verfärbte sich rot. Ich hätte die Wunde auswaschen und desinfizieren müssen. Ehe ich den Pirat darauf hinweisen konnte, antwortete er mir.

„Das ist auch besser so. Du bist nicht die Erste, die Bekanntschaft mit ihnen gemacht hat und nur die wenigstens sind heil davon gekommen." Der Typ schüttelte sich bei dem Gedanken und griff nach dem Türknopf.

Er war bereits in Begriff zu gehen, als ich sagte: „Übrigens, hat sich der Wicht von heute Nacht nicht getraut selbst zu kommen?"

Mit Pupillen, die so groß wie Teiche waren, starrte er mich an. „Wicht?"

„Ja, die Witzfigur, die mich hier eingesperrt hat!" Und der mit voller Absicht meinen Unterarm umklammert und dem ich daher diese Höllenschmerzen zu verdanken hatte, fügte ich in Gedanken hinzu.

„Du hast eine wirklich große Klappe, Kindchen", antwortete er und ich widerstand dem Drang, ihn darauf hinzuweisen, dass er selbst nur ein oder zwei Jahre älter war als ich. „Das war der Kapitän, von dem du sprichst. Ich rate die also deine Zunge zu zügeln, sonst wanderst du schneller über die Planke, als du um dein Leben betteln kannst."

Mit diesen Worten ließ er mich allein zurück.

Satt und mit verbundenem Arm saß ich auf dem Segel und versuchte mich auf die Kerben in der Wand zu konzentrieren. Zweiundvierzig Kerben in der rechten Wand, fünfundsechzig Kerben in der mir gegenüber ...

Ein Himmel aus Asche und ScherbenLies diese Geschichte KOSTENLOS!