Lied: Walking On Cars - Speeding Cars

Teil 3

Zögerlich stapfe ich auf das Mädchen zu.
,,Hi", begrüße ich sie und strecke ihr freundlicherweise meine Hand entgegen.
Eine Reaktion ihrerseits bleibt allerdings aus.
,,Stell dir einfach vor ich würde deine Hand schütteln", sagt sie mit einem schwachen Lächeln und sieht Luke wieder an.

Erst jetzt fällt mir auf, dass zwei Gurte um ihren Oberkörper befestigt wurden. Anscheinend muss sie mindestens bis zu den Armen gelähmt sein. Ein dicker Klos bildet sich in meinem Hals. ,,Tut mir leid, ich wusste nicht-".

,,Schon gut", unterbricht sie mich und betätigt mit ihrem Kinn einen Schaltknüppel, der unter ihrem Kopf am Rollstuhl angebracht wurde. Mit dem dreht sie sich um und steuert auf den Esstisch zu. Derweil taucht -vermutlich die Mutter- hinter mir auf und tippt mich vorsichtig an der Schulter an: ,,Ich hoffe es ist in Ordnung, wenn ich dich Dutze Hannah? Möchtest du etwas trinken?".

,,Äh, nein danke", entgegne ich aufgeregt und schenke ihr ein nettes Lächeln. Mit einem Kopfnicken verschwindet sie in der Küche.
,,Setzt euch doch", reißt mich die engelsgleiche Stimme von Liane aus meinen Gedanken und macht mir nur noch einmal mehr klar, dass ich hier definitiv nicht sein möchte. Allmählich stelle ich Mutmaßungen an. Was ist, wenn Luke dafür verantwortlich ist, dass dieses Mädchen im Rollstuhl sitzt? Daran darf ich erst gar nicht denken.

,,Danke, aber wir bleiben nicht all zu lange", höre ich Luke sagen und kann nicht verhindern, dass ein kleiner Teil von mir darüber mehr als erleichtert ist. ,,Vorher habe jedoch noch etwas für dich", fährt er fort und holt aus seiner Lederjacke ein pinkfarbenes Geschenk raus, was ungefähr die Größe eines Buches hat. Komisch, mir ist gar nicht aufgefallen, dass er etwas eingepackt hat.

,,Ist es das, was ich denke, das es ist?", quiekt sie aufgeregt und strahlt ihn breit an. Dieses Mädchen wird ihr Leben lang an einen Rollstuhl gefesselt sein und ist trotz allem glücklich. Davon könnte ich mir ruhig eine Scheibe abschneiden.

,,Ich weiß es nicht, wollen wir es mal aufmachen?", fragt Luke unwissend und hebt abwartend eine Augenbraue. Unbewusst schleicht sich ein Grinsen auf meine Lippen. Man hätte es nicht für möglich halten können, aber er kann tatsächlich gut mit Menschen umgehen. ,,Spann mich nicht auf die Folter, mach es auf!". Liane funkelt Luke ungeduldig an.

,,Ok, ok, wie Sie wünschen". Er macht sich an dem Geschenkpapier zu schaffen und nur wenig später hält er ihr eine DVD vor die Nase. ,,Ich glaube die Staffel hat dir noch gefehlt."
Begeistert strahlt sie erst Luke, dann mich und anschließend ihre Mutter an. ,,Oh mein Gott, danke!! Mom, Luke hat mir die 6. Staffel von Gossip Girl gekauft!".

,,Das ist toll mein Schatz!", die Frau schenkt Luke ein zaghaftes Lächeln. ,,Kann ich dich kurz sprechen?", fragt sie an ihn gewandt, während er zögerlich nickt.
,,Ihr beiden könnt euch ja so lange unterhalten."

Schneller als ich gucken kann, sind Annabel und Luke in einen anderen Raum verschwunden. Entweder kommt es mir nur so vor, oder hier läuft etwas ganz und gar nicht richtig. ,,Du kannst dich ruhig setzen. Vom stehen tun mir immer die Beine weh", scherzt Liane. Leider weiß ich nicht unbedingt, ob ich darüber lachen soll, oder einfach nur schweigen.

,,Das war ein Witz. Du müsstest jetzt eigentlich in schallendes Gelächter ausbrechen", fährt sie fort und verdreht die Augen. Ich räuspre mich und setze mich gezwungenermaßen auf einen Stuhl gegenüber von ihr hin. ,,Tu mir einen Gefallen und behandle mich bitte nicht wie einen körperlich behinderten Menschen. Luke musste ich das auch jedes mal aufs Neue sagen, bis er es verstanden hat. Manchmal glaube ich, das es dennoch nie wirklich bei ihm angekommen ist..".

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