27. Nicht Aaron

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Eine Stunde zuvor

Die so sehnlichst herbeigesehnte WhatsApp-Nachricht ließ noch viele Sekunden, nein, Minuten auf sich warten.

Doch dann war es endlich soweit. Reta hatte ihr Aarons Nummer geschickt.

Der Regenbogenmensch hatte sich tatsächlich die Mühe gemacht, die Nummer Zahl für Zahl abzutippen, anstatt ihr einfach nur den Kontakt zu schicken. Hanni konnte über diese altmodische Vorgehensweise nur den Kopf schütteln, denn es hatte Reta mehr Zeit gekostet, als sie hätte investieren müssen. Umgekehrt hatte es aber auch Hanni mehr Zeit gekostet, bis sie endlich die Gelegenheit bekam, Aaron anzurufen.

Reta gab ihr Sekunden, die Hanni unsicher machten. War es wirklich eine gute Idee, Aaron noch ein letztes Mal anzurufen? Was erhoffte sie sich eigentlich davon? Hatte Reta recht und sie sollte die ganze Sache einfach bleiben lassen?

Doch nun war die Nummer da und der Wunsch in ihr wurde wieder stärker, die toten Schmetterlinge in ihrem Bauch endlich zu beerdigen.

Sie speicherte Aarons Nummer schnell ein, dann rief sie ihn an.

„Hallo?", meldete sich eine Stimme am anderen Ende. Wäre Hanni nicht so aufgeregt gewesen, hätte sie vielleicht bemerkt, dass es nicht die von Aaron war. Dieses kleine und doch so wichtige Detail entging ihr aber leider.

Hanni legte los. Und zwar so richtig.

Hanni: „Weißt du, diese Worte will ich schon eine ganze Weile loswerden. Ich hab mich nicht getraut, ich hab mich einfach nicht getraut. Aber jetzt müssen sie raus. Hast du eigentlich eine Ahnung, was ich für dich empfunden habe? Ich war in dich verliebt, Aaron. Seit der sechsten Klasse. Du hast es gewusst, ich wette, dass du es gewusst und trotzdem einfach ignoriert hast. Stattdessen hast du mich verletzt. Du hast dir gedacht: ‚Ist nur Hanni, mit der kann man machen, was man will.' So ist es doch, oder?"

(Nicht) Aaron: „Al-"

„Sag jetzt nichts, ich bin noch nicht fertig", schnitt sie dem Jungen, von dem sie glaubte, dass es Aaron war, das Wort ab. „Und leg auch nicht auf, denn was ich dir jetzt sage, muss einfach mal gesagt werden. Du bist ein Arschloch, ein hinterhältiges kleines Arschloch, das mit den Gefühlen anderer nur spielt. Du hast es gnadenlos ausgenutzt, dass ich in dich verliebt war. Wie oft habe ich dich die Hausaufgaben bei mir abschreiben lassen, nur weil du gerade keine Lust auf sie hattest? Wie oft haben wir uns getroffen, nur weil dir langweilig und ich die einzige verfügbare Person war? Viel zu oft. Ich hab immer alles für dich getan und trotzdem war ich dir nie gut genug. Und dann kommt ein neues Mädchen in deinen Religionskurs, das du gar nicht kennst, und sofort bin ich gänzlich abgeschrieben worden. Du hast dich überhaupt nicht mehr für mich interessiert. Wann haben wir das letzte Mal miteinander geredet? Ich weiß es nicht mehr. Aber es ist gut so. Ich bin froh, dass du nicht mehr Teil meines Lebens bist und du nach diesem Anruf für mich gestorben sein wirst. Ein für alle Mal. Du bist einfach das letzte, Aaron."

(Nicht) Aaron: „Ich-"

„Was?", fuhr Hanni ihn etwas gereizt an.

(Nicht) Aaron: „Ich glaube, du hast dich verwählt."

Jetzt erkannte sie es endlich. Das hier war nicht Aarons Stimme, sie ähnelte ihr ganz und gar nicht. Als sie begriff, dass sie einem fremden Jungen Wörter an den Kopf geworfen hatte, die vielleicht nicht einmal Aaron verdient hatte, wurde ihr schrecklich heiß.

Sie sagte überhaupt nichts mehr, sondern legte vor lauter Schreck bloß auf und starrte lange Zeit den Boden an, in der Hoffnung, es würde sich ein Loch auftun und sie einfach verschlucken.

Dann blockierte sie Reta.

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