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Zu Mittag gab es Kartoffelsuppe. Pappsatt lehnte ich mich in meinem Stuhl zurück und überlegte, ob ich mir noch einen Apfel nehmen sollte.

Sam und seine Jungs waren eine lustige Truppe. Gerade jonglierte einer von ihnen gleichzeitig mit einem Apfel, zwei Orangen und einer Kartoffel, während Sam neben ihm schwebte und immer wieder Sachen hinzuwarf. Erst einen weiteren Apfel, dann folgten ein Löffel und schlussendlich eine Holzschlüssel bis das ganze Gebilde über dem armen Kerl einstürzte. Lachend und mit der Holzschüssel auf dem Kopf richtete er sich auf und sammelte die restlichen Sachen ein.

Bence schien total erschöpft. Er hatte das runde Gesicht auf den Armen aufgestützt und blinzelte müde durch die Gegend. Mein Große-Schwester-Radar schlug an. „Komm, Großer. Wie wär's mit einem Mittagsschlaf?"

„Hm-hm", brummte er. „Will nicht."

„Dir fallen doch gleich die Augen zu. Komm, ich lege mich zu dir." Ich stand auf und ergriff seine Hand.

Ohne ein weiteres Widerwort trottete er hinter mir her. Vor dem großen Sofa im Wohnzimmer blieb ich stehen. Es sah aus, als hätte man es dem Sonnenkönig just aus Versailles geklaut. Die Polster waren mit rotem Samt bezogen und in einen altmodischen Holzrahmen eingefasst. Aber es schien gemütlich zu sein und das war die Hauptsache.

„Singst du mir noch was vor?" Bence war bereits darauf geklettert und hatte es sich zwischen dem Berg aus Kissen bequem gemacht.

„Na schön, aber nur ..."

Ein dumpfer Knall ließ mich hochfahren. Hinter uns stand Milán, zu seinen Füßen lag Bences Lieblingskuscheltier Dobby. „Darf ich mithören?"

Wer konnte zu solch großen, braunen Augen, wie Milán sie hatte, schon nein sagen? Ich jedenfalls nicht. „Natürlich darfst du das. Komm her."

Ich griff ihn unter den Achseln und ließ ihn auf dem Sofa wieder runter. Dafür schenkte er mir ein schüchternes Zahnlückenlächeln und kuschelte sich an Bence. „Was willst du hören, Benci?", fragte ich dann.

„Das vom Mond", brabbelte er träge.

Ich setzte mich zu den beiden und schloss die Augen. Platz genug hatten wir allemal zu dritt. Dann begann ich zu singen:

„Der Mond ist aufgegangen,

die goldnen Sternlein prangen

am Himmel hell und klar.

Der Wald steht schwarz und schweiget

und aus den Wiesen steiget

der weiße Nebel wunderbar ..."

Das Lied hatte sein Ende noch nicht gefunden, da schnarchten die Jungs längst. Ich griff nach einer Decke, die über der Lehne baumelte und deckte die beiden zu. Dann rette ich Dobby vom Boden und steckte ihn dorthin, wo er hingehörte – in Bences Arm.

„Ich finde du machst deinen Job als offizielle Schlafliedsängerin der Villa Pan recht gut." Sam lehnte im Türrahmen und hatte die Arme vor der Brust verschränkt. So wirkte er viel breiter, als er mir zuvor erschienen war.

„Danke, ich gebe mir Mühe."

Ich schritt an ihm vorbei, zurück ins Esszimmer. Die anderen Jungs waren nach draußen verschwunden – zumindest verriet mir das ihr Gejohle, das zu uns ins Innere schwappte.

„Beobachtest du öfter heimlich Mädchen, die sich um ihre Brüder kümmern?", scherzte ich und sammelte das Geschirr ein.

„Wenn sie so gut singen können wie du – dann ja."

Ein Himmel aus Asche und ScherbenLies diese Geschichte KOSTENLOS!