Hier war es schon fast zu warm für Jeans und Pullover. Mit frischer Unterwäsche und einem T-Shirt in der Hand wand ich mich ihm abermals zu. „Ich weiß selbst nicht genau, wo dieses Land ist. Aber in England bestimmt nicht. Ich mache dir einen Vorschlag: Wir schauen, ob es uns hier gefällt und wenn nicht, dann machen wir uns wieder aus dem Staub."

„Und wenn es uns hier gefällt?"

Grinsend zog ich ihn an und drückte ihm einen Kuss auf die Stirn. „Ganz einfach – dann bleiben wir."

Er strahlte über das ganze Gesicht. „Das ist ein toller Plan."

Bence hatte es keine weitere Minute mehr in diesem Zimmer ausgehalten. Darf ich runter gehen? Darf ich? Och Adri, bitte ... Schlussendlich hatte ich mich geschlagen gegeben, ihm aber ausdrücklich gesagt, dass er im Haus bleiben sollte. Außerdem war ich ganz froh einen Augenblick für mich zu haben. Zu viel war in den letzten Stunden geschehen. Mein Kopf brummte und meine Blase drückte, als wäre eine ganze Pandafamilie darauf herumgesprungen.

Ich schnappte mir saubere Kleidung und wollte gerade aus der Tür schlüpfen, als mir einfiel, dass ich noch gar nicht aus dem Fenster geschaut hatte. Gespannt strich ich die festen Brockatvorhänge zur Seite und lugte hinaus. Unter mir erstreckten sich große Felder, auf denen die verlorenen Jungs wie emsige kleine Ameisen arbeiteten. Gewaltige Obstbäume säumten die Felder und im Hintergrund glitzerte der See, den ich heute Nacht lediglich in seiner dunklen Schönheit bestaunen konnte.

Du musst aufpassen, dass Ben dort nicht reinplumpst, war mein erster Gedanke. Der zweite hingegen bestand aus einem Wort: Wow! Träumte ich? Oder war das hier tatsächlich real? Hatten wir nach so viel Unglück das große Los gezogen? Das wollte einfach nicht in meinen Kopf hinein. Wir waren verloren gewesen – Bence und ich. Und Sam hatte uns gefunden. War das zufällig geschehen?

Ehe ich mir den Kopf weiter darüber zerbrechen konnte, spähte ich in den Flur. Hier musste doch irgendwo eine Toilette sein. Nachdem ich vergeblich in verschiedene Zimmer geblickt hatte, wurde ich drei Türen weiter fündig.

Hier war alles ein bisschen altbacken und verstaubt. In dem riesigen Badezumber in der Ecke wurde anscheinend nicht nur gebadet, sondern auch Wäsche sauber gemacht. Dreckverkrustete Hosen und ein Berg benutzter Shirts thronte darin und wartete darauf gewaschen zu werden. Und die Toilette - okay, sprachen wir lieber nicht davon. In diesem Haus fehlte eindeutig eine Frau.

„Aber nicht heute", brummte ich gedankenverloren.

Frisch gewaschen und umgezogen stapfte ich die Treppen hinunter. Ich hatte mir einen leichten schwarzen Pulli übergezogen und die Jeans hochgekrempelt. Auf meine Schnürstiefel hatte ich gänzlich verzichtet. Dafür war es mir zu warm gewesen. Nun tappte ich barfuß durch das Haus, das in völliger Stille dalag.

Durch das Wohnzimmer, zumindest ging ich aufgrund des riesigen Sofas, dem Kamin und den Bücherbergen davon aus, dass es das war, kam ich in ein Esszimmer. Das führte durch zwei geöffnete Glastüren in den Garten, oder viel mehr zu den Feldern.

Es war bereits früher Vormittag und die Sonne stand hoch am Himmel. Bence, der natürlich nicht wie abgemacht im Haus geblieben, sondern in den Garten gegangen war, saß ihm Gras und beobachtete den kleinen Milán, der auf einer Schaukel saß. Hinter ihm stand Sam, wobei ... stehen war nicht die richtige Umschreibung. Eher schwebte er in der Luft und schubste den verzückt kreischenden Milán in halsbrecherischem Tempo an.

„Einen wunderschönen Morgen, die Dame", grüßte er mich und deutete eine Verbeugung an, die natürlich alles andere als ernst gemeint war.

„Morgen."

„Adri, Adri, guck mal!", rief Bence begeistert und drückte mir Dobby in die Hand. „Ich will auch schaukeln!"

„Das ist viel zu gefährlich, Großer."

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