*1. Die beste schlimmste Idee*

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Ich holte tief Luft. Ruhe, alles was ich brauchte war Ruhe. Meine Nerven drohten zu zerreißen und mein Herz klopfte so wild, dass mir der Brustkorb schmerzte.

Schule, es war nur ein Ort, ein Gebäude wie dieses auch. Niemand hat Angst vor Gebäuden.

Eine Stimme, tief in meinem Inneren, flüsterte leise: Schule, Schule, Schule. Du hast Angst vor der Schule.

Mein Herz schien mir fast die Kehle hinauf wandern zu wollen. Ein schneller Tod käme mir jetzt sehr gelegen.

Welcher Idiot schlug vor mich wieder zur Schule zu schicken? Mich? Ich, die zwei Mal die Schule wechseln musste, ehe sie Privatunterricht bekommen hatte. Ich, die von ihren Mitschülern seelisch so massakriert wurde, dass ich mich umbringen wollte? Die Schule war verdammt noch mal für den Arsch und es lag nicht einmal an dem Unterricht, nein, die Menschen in diesem Gebäude versuchten immer jeden zu zerreißen. Sie waren grauenvolle Monster.

Ich löste mich von der Wand an der ich gelehnt hatte und ging zum Spiegel herüber. Die Fliesen waren von einem dunklen Blau, das mich an den Abendhimmeln erinnerte. In unserem alten Haus hatte ich Vorhänge in dieser Farbe gehabt. Es war die Stadt gewesen, in der alles angefangen hatte, in der ich zwei Freunde verloren hatte, in der die ersten beiden Therapeuten mich sitzen gelassen hatten, weil beide der Meinung waren, ich würde in die Anstalt gehören und nicht zu meinen Eltern ins Haus.

Meine braunen Augen blickten mir entgegen als ich in den Spiegel sah. Blonde Haare mit leichten Locken, die ich von meiner Mutter geerbt hatte. Als ich mir eine Strähne hinters Ohr strich, tat es die Person im Spiegel direkt nach. Ich bedachte mein Spiegelbild mit einem Lächeln. Es wirkte kühl und traurig. Das Spiegelbild senkte den Blick, wir sahen beide zum Waschbecken hinab.

Ich weiß nicht mehr, woran ich vor drei Jahren so verzweifelt war. Ob es die Einsamkeit war oder die Tatsache, dass mich alle hassten. Vielleicht war es ja wirklich meine Schuld, immerhin wäre nie je was von den Dingen passiert, wenn ich nicht so stur und naiv gewesen wäre. Selbst die Blicke meiner Eltern verrieten mir, dass es ein idiotischer Fehler gewesen war.

Heute waren es auf den Tag drei Jahre. Ich sah mir wieder im Spiegel entgegen, ich sah gar nicht älter aus. Etwas zugenommen hatte ich in diesen Jahren, immerhin etwas, dass ich in der Zeit der Therapien geregelt bekommen hatte. Ich sah mir mit halb geschlossenen Augen entgegen, der Spiegel war fürchterlich schmutzig und jemand hatte auf die glatte Oberfläche einen Penis gemalt.

Wie lange würde mein Leben noch in diesem Zustand verlaufen? Wie lange würden meine Eltern mich noch quälen? Wie lange würden sie es noch aushalten, ihre einzige Tochter in diesem Zustand zu sehen? Ich würde es wieder tun. Ich würde es eiskalt wieder tun. Alles was ich brauchte war Bleichmittel, Tabletten und Alkohol. Nach all der Zeit hätte ich sogar eine Pistole herunter gedrückt, jedenfalls nachdem ich den egoistischen Psychiater erlegt hatte. Ich würde Springen oder mich vor eine Bahn werfen. Ich war zu allem bereit. Meine Eltern müssten mich nur für einen Moment alleine lassen, die Kindersicherung für eine Sekunde vergessen.

Mum, Dad, ich liebte euch wirklich, aber es ging zu weit. All die Zeit ging zu weit. Ich quälte mich durch mein Leben, quälte mich durch die Worte, die mir vorgeworfen wurden und das Internet, von dem ich nicht hatte loskommen können. Selbst nach diesen drei Jahren verfolgten sie mich. Ich hatte keine Möglichkeit mehr ins Internet zu gelangen, doch die Worte, die Kommentare, die Nachrichten und das Foto, hatten sich tief in mein Gedächtnis gebrannt.

Manche Dinge vergisst man nie.

Das Gesicht im Spiegel wurde immer grimmiger. Schule? Das würde meinen Tod bedeuten. Nicht den Tod, den ich mir wünschte, die Schule würde mich seelisch noch mehr ruinieren, als ich es sowieso schon war.

Cynthia Barrow - Alle meine WünscheLies diese Geschichte KOSTENLOS!