*1. Die beste schlimmste Idee*

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Dir ist doch wohl klar, dass es so nicht weitergehen kann, oder?«, fragte der Arzt mich. Ich rührte mich nicht, tat ich nie, wollte ich nie, würde ich auch nie. Es waren nun vier Monate seit unserem Umzug vergangen, vier Monate lang besuchte ich diesen Penner nun jeden Montag und Donnerstag. Wobei er es in all diesen vier Monaten zu nichts gebracht hatte. Ich lag noch immer bloß rum und schwieg. »Dir ist klar, dass jeder Mensch sich irgendwann öffnet? Einige Psychologen behaupten zwar, es gebe nicht therapierbare Patienten, doch ich finde, dass diese Art von Patient bloß eine härtere Schale zum Knacken besitzt.«

Diesen elenden Mistkerl würde ich schon irgendwann kriegen, er konnte nicht immer den Scheinheiligen spielen. Er war ein Monster.

Ich schloss meine Augen und entspannte mich. Seit guten drei Jahren führte ich ein sehr einfaches Leben: Die Küche ist für mich tabu, alles das auch nur im entferntesten scharf sein könnte, war ebenfalls verboten und ich durfte nie allein sein. Außer vielleicht in meinem Zimmer und im Bad, auch wenn es weder für das eine, noch für das andere Zimmer einen Schlüssel gab. Die Chancen, etwas Dummes anzustellen, waren also relativ gering.

»Cynthia, wie läuft der Unterricht bei Mrs Mourin und der jungen Miss Luzy?«, fragte mich der Therapeut. Mrs Mourin war eine außerordentlich grausame Mathematik-Lehrerin, eine Hexe, wie aus dem Bilderbuch, die mich dazu noch mit Physik belästigte. Miss Luzy war im Großen und Ganzen sehr freundlich und unterrichtete mich in Englisch, Geschichte und Politik. Außerdem sprach sie so viel von ihrer Reise nach Australien, dass von mir gar keine Reaktion erwartet wurde. Beide unterrichteten mich fast täglich, mein Vater bestand darauf, dass ich trotz meiner Freistellung von der Schule so viel Wissen wie nur möglich hatte. Privatunterricht war da wirklich ideal, da ich weder unter Prüfungsstress stand, noch wurde von mir erwartet, mich mit anderen Jugendlichen anzufreunden oder mit ihnen zu kommunizieren. Und ich konnte schweigen, musste zu hören und die Aufgaben lösen, doch ich durfte schweigen und das tun, das ich am besten konnte: Tot spielen. Tief im inneren war ich es sowieso bereits.

Dr. Houls seufzte theatralisch auf, drückte seinen Kugelschreiber mehrmals auf und wieder zu und sagte dann mit nüchterner Stimme: »Ich finde, wir sollten versuchen dich wieder sozial einzubinden.« Ich zuckte zusammen und sah ihn aus den Augenwinkeln grinsen. »In der Schule findest du sicherlich neue Freunde und Freundschaften sind wirklich wichtig im Leben. Der Mensch ist ein Rudeltier.«

Ich unterdrückte den Impuls aufzuspringen und ihm die Augen auszukratzen. Wie konnte er so etwas vorschlagen? Wieso? Ich konnte an jenem Tag nicht wissen, wie wichtig diese Entscheidung für mein zukünftiges Leben war. Als mein Therapeut, sollte er mich nicht in diese verzwickte Lage bringen. Immerhin war ich seit drei Jahren vom Unterricht befreit, hatte der Idiot nach vier Monaten beschlossen meine Akte zu verändern? Oder vielleicht hatte meine Mutter ja verplant, ihm zu sagen, dass ich gemobbt wurde und meine Mitschüler ziemlich schlecht auf mich zu sprechen waren. Vielleicht hat er ja sogar „aus versehen" vergessen, dass ich mich ja eigentlich selbst töten wollte.

Ich unterdrückte die Tränen. Nur die Ruhe bewahren, ich brauchte Ruhe. Mit ihr ließen sich fast alle Probleme lösen. Mit zusammen gebissenen Zähnen rappelte ich mich auf, zwang mich so langsam und gefasst wie nur möglich die wenigen Meter bis zur Tür zurück zu legen und den Raum ohne einem Wort zu verlassen. Ruhe. Ich lief davon, erneut, ich lief mein ganzes Leben lang bloß davon. Ich schloss die Tür leise hinter mir und begab mich auf den Weg zur Herrentoilette. Als meine Mutter mich bemerkte sprang sie von ihrem Stuhl im Warteraum auf und lief in meine Richtung, in der Hoffnung sie würde mich noch vor der besagten Herrentoilette abfangen. Hastig schlüpfte ich hinein. Mum kam nie herein, sie besaß zu gute Manieren um dies zu tun. Ich war ganz froh darüber, denn so konnte ich diesen Stillen Ort zu meinem persönlichen Zufluchtsort machen.

Cynthia Barrow - Alle meine WünscheLies diese Geschichte KOSTENLOS!