,,Er hat was?", frage ich perplex und reiße die Augen auf. Dann war es doch nicht nur aus reiner Höflichkeit, oder weil er sich Sorgen um mich gemacht hat. Nein, er hat es Scott versprochen!

,,Komm erstmal rein", erwidert er leicht angespannt und macht mir Platz. Mit klopfendem Herzen drängle ich mich an ihm vorbei und setze mich an den Esstisch in der Küche. Scott pflanzt sich schweigend gegenüber von mir auf den Stuhl und sieht mich eindringlich an.

,,Wie war der Geburtstag?". Er konnte schon immer gut das Thema wechseln, aber ohne mich. Erstmal soll er mir erzählen, wie genau er das gemeint hat, auch wenn ich es mir eigentlich schon denken kann. Scott seufz kurz.

,,Ich dachte eigentlich er hätte es dir gesagt." Abwartend hebe ich eine Augenbraue.
,,Nach dem Footballspiel habe ich Luke auf dem Parkplatz getroffen. Du weißt, dass ich nicht begeistert bin, wenn du alleine irgendwohin gehst. Es kann immer etwas passieren. Deshalb habe ich ihn gefragt, ob er etwas auf dich aufpassen kann."

Unschlüssig öffne ich den Mund, will etwas darauf erwidern, aber ich weiß nicht was. Scott ist mein Aufpasser und muss sich darum kümmern, dass mir nichts passiert, aber warum beauftragt er gerade Luke dafür?

Ich schlucke einmal und fahre mir mit der Hand durchs Gesicht: ,,Warum Luke?", spreche ich meine Gedanken laut aus, während Scott seine Arme auf dem Esstisch abstützt. ,,Ihm konnte ich vertrauen. Du weißt, dass ich jeden überprüfen lasse, mit dem du dich einlässt. Bei Lukes' Vorgeschichte wusste ich, dass er den Abend über einen klaren Kopf bewahren würde."

,,Was für eine Vorgeschichte?", frage ich bereits leicht gereizt. Niemand redet darüber und so langsam habe ich das Gefühl, dass ich die einzige bin, die absolut keine Ahnung hat. ,,Scott!", sage ich noch einmal nachdrücklich, als er nichts darauf erwidert.

,,Hannah. Versteh' mich bitte nicht falsch, ich würde es dir sagen, wenn ich könnte, aber du weißt genauso gut wie ich, dass ich das allein aus rein rechtlichen Gründen schon nicht darf." Das schlechte Gewissen steht ihm nur so ins Gesicht geschrieben. ,,Ich hasse diese blöden Gesetze", stöhne ich und kneife die Augen zusammen. Diese Kopfschmerzen bringen mich noch um.

,,Du könntest es wenigstens mir zu liebe erzählen." Langsam richte ich mich auf und humple an ihm vorbei, als er von dem Stuhl aufsteht und mich am Arm festhält: ,,Das sage ich nicht oft, aber er ist kein schlechter Kerl."

,,Ich weiß", sage ich schweren Herzens und meine es auch so. Egal, was damals passiert ist, es hat Luke von Grund auf geprägt. Scheinbar sind wir beide doch nicht so verschieden, wie ich Anfangs noch gedacht habe. ,,Gute Nacht", raune ich Scott zu und hieve mich irgendwie unter die Dusche, um dieses ecklige Gefühl an meinem Körper los zu werden.

Dabei fällt mir auf, dass ich Luke seine Strickjacke gar nicht wieder gegeben habe. Ich hänge sie sorgfältig über meinem Schreibtischstuhl und wandere zu einem der Kartons in meinem Zimmer. Es ist bereits der dritte, den ich nach über einem Monat hier auspacke. Auch wenn ich es nicht gerne zu lasse, so langsam fange ich an, mich trotz allem hier wohl zu fühlen. Ich hoffe nur, dass das auch so bleibt.

***

,,Nie wieder trinke ich unter der Woche was", stöhnt Amber am nächsten Tag und schmeißt ihren Kopf auf den Tisch. Blake neben ihr lacht und klopft ihr auf die Schulter. ,,Da musst du jetzt durch." Mit halb geöffneten Augen mustre ich das rege Treiben in der Mensa.

Ich fühle mich wie ein Zombie. Keine Ahnung, wie ich es geschafft habe, heute früh, nach nur drei Stunden Schlaf wieder aus dem Bett aufzustehen, aber nun sitze ich hier. Bleich wie eine Leiche und dreifachen dunklen Ringen unter den Augen. Alles in allem, sehe ich schrecklich aus und keiner braucht mir heute das Gegenteil zu erzählen.

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