31| Heikle Entschlüsse und ein Virus

3.8K 513 195

31| Heikle Entschlüsse und ein Virus

„Wo ist der überhaupt?", wollte Lucas wissen und Marcus knurrte leise.

„Wie soll man diese Frage nur beantworten? Der macht doch immer was er will," gab er von sich und stemmte die Hände in die Seiten. „Viel wichtiger ist, dass wir uns überlegen müssen, wie es jetzt weitergeht," erklärte er und richtete seinen Blick auf mich. „Wir sind nur noch vierzehn, einen Ungescannten und eine Wackelkandidatin eingeschlossen. Wir kämpfen in einer virtuellen Welt um Freiheit und ich muss leider zugeben, dass ich absolut keine Ahnung habe, was wir jetzt noch tun können. Ich bin auf euren Ideenreichtum angewiesen, Leute. Also alles von vorne. Schießt los!", forderte er uns auf und raufte sich die blonden Locken, die schon ganz zerzaust aussahen. „Außer irgendwer beschließt jetzt wieder schlafen zu gehen. Aber ich glaube kaum, dass einer von uns jetzt noch Ruhe dafür findet."

Es war als ob er die Frage nur an mir gerichtet hätte, so intensiv starrte er mich an. Ich konnte die Verantwortung fast körperlich spüren, die er mir auflastete und fühlte mich gezwungen, die Lösung für alles haben zu müssen.

Früher hatte ich immer im Rampenlicht stehen wollen. Ich hatte mich selbst als Star gesehen, der loszog und alle im Alleingang rettete. Doch jetzt, wo es so weit war, wo alle ihr vertrauen in mich setzten und ich nur noch Hier! rufen musste, wäre ich am liebsten einfach unter irgendeine Decke gekrochen, um dort darauf zu hoffen, dass ein anderer es an meiner Stelle durchstand.

Apropos seelische Unterstützung. Wo war Lian nur hin verschwunden? Natürlich hatte er das schon früher gemacht und sicher lag er nur irgendwo auf der Lauer und behielt den Überblick über die Umgebung. Aber es war wirklich ein beknackter Zeitpunkt, um nicht hier zu sein.

Vor allem, weil die Unsicherheit mich innerlich fertig machte. Ich dachte die ganze Zeit an Marcus' Gesichtsausdruck, als er Allan am Kragen gepackt hatte. Sein innerer Kampf, die Wut und seine Verzweiflung darüber einen Freund zu verlieren.

Hätte ich es nicht angedeutet, er wäre sicher nie darauf gekommen, dass gerade Allan ein Programm gewesen war.

Was würde ich tun, wenn sich rausstellte, dass Lian auch ein NPC war? Ich wollte es mir nicht vorstellen, denn schon allein die Frage schnürte mir den Hals enger. Doch egal wie sicher ich mir war, dass er echt sein musste und wie sehr ich auf meine Gefühle vertraute, ich würde es nicht wissen können, bis ich ihn gescannt hatte.

Larry bückte sich nach dem Flypad, das mir auf den Teppich gepoltert war und drückte es mir wieder in die zitternden Hände. „Na gut. Ich fang an," meinte er währenddessen. Mein innerer Kampf war vollkommen an ihm vorbeigegangen, obwohl ich direkt vor ihm stand. Aber wen überraschte das. Es war schließlich Larry.

„Du sagst, wir sind in einer virtuellen Welt. Aber wo sind wir eigentlich? Ist das hier das zweite Level von Virtual City oder ist hier ein ganz anderen Programm am Werk?", fragte er und es war das Schlauste, das ich überhaupt je aus seinem Mund gehört hatte.

Marcus' Augen wanderten zu mir, so wie alle anderen Augenpaare auch. Mir wurde heiß und kalt gleichzeitig. „Es ist ein Teil von Virtual City," erklärte ich also kleinlaut und räusperte mich um meine Stimme ein bisschen zu stärken. „Ich kann eine Verbindung zwischen dort und hier aufbauen," vereinfachte ich die Begründung und sparte mir so die Demonstration meines Schlüssels. Dafür hätte ich jetzt einfach keine Kraft. Es war auch so schon genug Neues, dass wir alle verarbeiten mussten.

„Okay, zweites Level," murmelte Larry und Trixi schmiegte ihren Kopf an seine Schulter. Er legte ihr den Arm um die Mitte, als sei es vollkommen selbstverständlich. Wie die beiden sich wohl gefunden hatten? Selbst zwischen dem ganzen Tohuwabohu, musste ich mich doch fragen, wie Larry es überhaupt je zu einem Mädchen geschafft hatte. Und was genau das jetzt über Trixi aussagte.

Virtual CityWo Geschichten leben. Entdecke jetzt