-01 Vorvorwort

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Der Radiojournalist Jörg Wagner ("Medienmagazin" auf Radio 1) hat ein faszinierendes Experiment gemacht : Wie fühlt es sich an, einen Essayband, der sich über die Technikmythen und die Internetfrömmigkeit von damals lustig macht, 15 Jahre später noch einmal herauskramt und durchblättert? 

Was lässt sich daran erkennen, wie fühlt es sich an, wenn so ein verstaubtes Fossil eine Welterklärung liefert: zeitlos und fremd wie ein Brief von Rip van Winkle? Nichts ist so peinlich wie die Zukunft von gestern.

NSA? Selbstfahrende Autos? Internet of Things? Twitter? Leistungsschutzrecht? Fake News? Taucht alles nicht mit einer Zeile auf in diesem völlig anachronistisch erscheinenden Text. Aber wirkt das veraltet? Oder schon zeitlos? Auch bei Wein gibt es ja diesen Punkt, an dem er umkippt von gereift zu.... Essig.

Sind diese Texte nach 15 Jahren Essig? Kann gut sein. Aber wenn das so ist: Zwingt uns das Säuerlich-Altmodische daran, als Leser stärker auf die Meta-Ebenen zu achten, auf Diskurse, die schon damals angelegt waren, und die heute einfach nur mit neuen Schlagwörtern aufgemotzt werden? 

Ich schlug damals eine "Stiftung Märchentest" vor, ganz naiv, um den Technik-Aberglauben und all die Projektionen auf die Gerätewelt, auf das Technion zu hinterfragen, wenn es also wieder einmal heißt: "Die Jugend verroht durch Anonymität im Darknet" oder "Trump wurde gewählt wegen Social Media". Heute macht das Thema Fake News Schlagzeilen, und die diversen Methoden, um vergiftete, von Hass und Angst getriebene Lügenmärchen und Meme zu entlarven. Und der Ruf nach einer Art Stiftung Lügenmärchentest ist in aller Munde. Nur: Kann eine solche technische Lösung für ein soziales Problem funktionieren? Die Stiftung Märchentest ist so ein Mem, das sich über 15 Jahre anscheinend in immer neuen Metamorphosen reinkarniert.

Denkbar wäre es, mit Strategien, wie sie Claude Lévi-Strauss in der strukturalen Mythenanalyse verwendete, um die Grund-DNA von Narrativen freizulegen: Märchen der Angst, Märchen der Gier, Märchen der Erlösung. Allerdings eben nicht Ursprungs-Mythen, die in ein fernes Gestern zurückreichen (im Sinne von Religion als "re-ligere", als Rück-Verbindung), sondern nach vorne gedreht, als Märchen im Futur.

Insofern ginge es im Idealfall weniger um die Wiedervorlage eines alten Buches, sondern eher darum, durch das Buch hindurchzusehen auf die Mythenkränze im Futur, die es vorschlägt als Dispositiv, um den jeweils aktuellen Hightech-Hype der Woche zuverlässiger einzuordnen. Denn nicht die wahrere Geschichte gewinnt, sondern die besser erzählte. Ein solcher Ansatz für die Wiederauflage eines alten Textes wäre jetzt natürlich die ganz hoch gehängte Lesart, vielleicht sogar ein bisschen abgehoben. Kann sein, dass das Wiederlesen einfach Zeitverschwendung ist. Um das herauszufinden, hänge ich hier zumindest schon einmal das Einleitungskapitel an.

Ich selbst bin ja ein Fan von Büchern wie "Second Read"die, wenn die große Aufregung sich gelegt hat, ein Thema noch einmal aufgreifen. Allerdings geht es bei "Second Read" um kanonische Reportagen. Lassen sich auch aus normalen Gebrauchstexten durch Zeitverzögung, Retardierung und Doppelbelichtung Funken schlagen, nach dem Prinzip des ? Gibt es hier einen Effekt der "Doppelbelichtung"- nach dem Motto: Mit den zweiten liest man besser?

Was meint ihr, was meinen Sie? Welche Passagen finden sie heute im Vorwort von damals besonders skurril, peinlich oder vielleicht sogar erhellend?

Ich freue mich über Anmerkungen, Shares, Raves und Rants hier auf Wattpad, Twitter, Instagram, Facebook oder auf einem zerknüllten Papierzettel, die ich allesamt gerne an den Autor weiterleite, der ich damals war.

Hilmar Schmundt

Berlin, d. 28. März 2017


Hightechmärchen - Die schönsten Mythen aus dem Morgen-Land (Reloaded)Where stories live. Discover now