K a p i t e l 0 1

3.3K 162 4

Kapitel 01

Am 15. März 2014, einen Tag nach meinem schrecklichen Unfall, beschloss ich nie wieder mit meinem Pferd einen Turnierplatz zu betreten.

- - - - - -

Entspannt lehnte ich an dem morschen Holzzaun. Eine kühle Briese zog über den befüllten Platz und zog den Geruch von gebratenem Steak und Pommes mit sich. Ein angenehmer Schauer lief meinen Rücken hinunter und zauberte mir dabei ein seliges Lächeln auf das Gesicht.

Ich beobachtete die junge Reiterin im A-Parcours. Das Schimmelpony hatte gerade einen blauen Steilsprung hinter sich gelassen, als auch schon aus der Ecke heraus ein weiterer tückischer Steilsprung stand. Überrascht über diesen springen zu müssen, rammte die Stute ihre Züge in den Sand und machte eine Vollbremsung. Ihre Reiterin wurde aus dem Sattel gerissen und flog im hohen Bogen über den Rot-Weißen Sprung.

Scharf zog ich die Luft ein und schlüpfte durch den Zaun hindurch. Lily, die Reiterin, hatte sich mittlerweile schon wieder aufgerappelt und sah nicht besonders zufrieden aus. Verständlich, der Sturz war vermeidbar gewesen. Das ärgerlichste war jedoch, dass noch alle Stangen dort lagen wo sie auch sein sollten. Melodie, die Schimmelstute, drehte währenddessen mit hoch erhobenem Kopf vergnügt ihre Runden. Mit gespitzten Ohren trickste sie alle Helfer aus. Erst als ich mich ihr in den Weg stellte kam sie schlitternd vor mir zum Stehen. Ich schüttelte nur meinen Kopf und klopfte der Stute beruhigend auf den Hals. Anschließend hob ich die Zügel vom Boden auf und führte sie den kleinen Hang zu dem Abreiteplatz hinauf.

Lily starrte uns mit verschränkten Armen entgegen. Wütend hatte sie ihre Lippen aufeinander gepresst und kämpfte nicht in Tränen auszubrechen. Mit einem schmalen grinsen klopfte ich ihr auf die Schulter und ging schweigend mit ihr einige Runden um den Abreiteplatz.

Noch während wir uns anschließend auf den Weg zu den Anhängern machten, fing sie an loszuschimpfen: „Jetzt kann ich mir den Kader abschminken. Nur diese eine Platzierung hätte ich gebraucht!" „Du weißt, dass du mit Cooper auch reiten hättest können", sagte ich ruhig und fuhr der Stute über ihre eingeflochtene Mähne. „Ich weiß. Aber er ist dein Pferd und ich will es einfach mit ihr schaffen. Trotzdem, die Nachberufung ist Weg. Jetzt darf ich noch Mal ein Jahr warten", meinte sie niedergeschlagen und blickte auf den nassen Grasboden.

„Dir ist klar, dass wenn du im Kader bist", fing ich an, wurde jedoch von Lily unterbrochen: „Dass ich sehr vielen Verpflichtungen verbunden bin. Zum Beispiel müsste ich einmal im Jahr auf einen Lehrgang gehen und an zahlreichen Pflichtturnieren starten, und das auch wobei ich eigentlich in der Schule sitzen sollte. Ich weiß. Das hat du mir oft genug gesagt"

Wir waren mittlerweile an dem dunkelblauen Anhänger der Reitschule angekommen. Schweigend machten wir uns an die Arbeit die kleine Stute abzusatteln. Sie hätte in weniger als zwei Stunden noch einen Start in einer L*-Dressur und es würde sich keinesfalls lohnen zurück in den Stall zu fahren, indem wir freundlicherweise dieses Wochenende unterkommen durften. Es wäre ein zu großer Aufwand von München jeden Tag hier her an die Grenze von Bayern und Baden Württemberg zu fahren.

Nachdem Melodie im Hänger verstaut war, machten wir uns auf den Weg um den restlichen Springern noch zuzusehen. Wir kauften uns ein Mittagessen und suchten uns einen freien Platz nahe am Geschehen. Während ich mich ganz meinem Steaksemmel widmete, sah Lily eigentlich nur auf den Platz und kommentierte die Ritte der anderen Springreiter.

Als auch Lily endlich ihr mittlerweile kaltes Steaksemmel aufgegessen hatte gingen wir zurück zu Melodie und bereiteten sie langsam für ihre Dressur vor. Lily wäre eine der ersten Starterinnen.

Ich tauschte die Abschwitzdecke gegen den schwarzen Dressursattel aus und machte ihr die Fliegenohren mitsamt Zaum über. Während ich Melodie vorbereitete zog sich Lily ihre Lackstiefel an, klopfte den Sand ihres Sturzes von ihrem teueren Jackett und versteckte ihre Lockenpracht unter ihrem Charles Owen Helm.

Routiniert warf ich sie in den Sattel und ging mit ihr an der Meldestelle vorbei in die Abreitehalle der Dressurreiter. Lily schloss sich den wenigen Damen an und fing an die Stute wieder zu lockern. Ich beobachtete sie kurz, als ich mich dazu entschloss wieder hoch zu den Springern zu gehen. Die Dressur war mir einfach zu langweilig.

Kaum war ich an der Meldestelle vorbei gegangen hörte ich wie hinter mir jemand meinen Namen rief. Überrascht blieb ich stehen und drehte mich um. Mit einem breiten Grinsen kam mir ein großer, Braunhaariger Mann entgegen. Freundlich breitete er seine Arme aus und drückte mich in eine freundschaftliche Umarmung.

„Dich hat man ja schon lange nicht mehr auf einem Turnier gesehen", begrüßte mich Maximilian Weishaupt und entließ mich wieder seiner Umarmung. Ich grinste nur unschuldig und strich mir meine umherwehenden Haarsträhnen hinter die Ohren. „Ja, ich spiele aber nur Turniertrottel für eine aus meinem Stall. Wie geht es dir? Was machst du so?", erkundigte ich mich und langsam gingen wir in Richtung Springplatz.

„Ziemlich gut. In den nächsten Wochen kommen einige junge Hengste von Philipp runter. Wir sind schon gespannt wie sie sich unter dem Sattel anstellen. Und du? Springst du wieder?", fragte er mich und steckte dabei seine Hände in seine Jeans. „Man kann es nicht wirklich springen nennen. Cavalettiarbeit; im Schritt, Trab und Galopp rüber. Wie macht sich Fleur?", erwiderte ich. Kurz sprangen meine Gedanken zurück zur schlaksigen Schimmelstute Fleur Rubin, die bis vor einigen Monaten noch mein Nachwuchspferd war. Im Sommer hatte ich sie an Maximilian verkauft.

„Super, wenn alles gut läuft könnte ich mit ihr auf der Bayerischen starten. Was ist mir dir? Startest du auf der Bayerischen?", fragte er mich und sah mich prüfend von der Seite an. Ich presste meine Lippen aufeinander und schüttelte meinen Kopf. „Warum nicht? Die schmeißen dich sonst aus dem Kader", meinte Max empört. „Ich kann nicht auf Turnieren starten. Mich würde es schon reizen, aber ich habe Angst, dass es wieder passiert", gestand ich und blickte auf meine zerfetzten Sneaker.

Entspannt lehnten wir uns gegen dem Holzzaun und blickten auf den Springplatz. „Und wenn du einfach zu jemanden ins Training gehst?", fragte Max mich. Sofort schüttelte ich meinen Kopf: „Wenn du meinst, dass ich wieder zu Hacker gehen soll, dann kannst du es dir gleich wieder aus dem Kopf schlagen" „Wer sagt denn was von Hacker? Ich dachte an jemand anderen, der gerade bei mir zuhause ist", meinte er mit einem feixenden Grinsen.

Fragend zog ich meine Augenbraun hoch. „Will ich es wissen?", fragte ich ihn und blickte wieder zurück auf den Parcours. „Ja klar. Wann ist deine Freundin mit ihrer Prüfung fertig? Dann kann ich dich gleich mitnehmen", meinte er voller Tatendrang und strahlte auf mich herab. „Ich schätze, dass noch ein bis zwei Reiter vor ihr dran sind. Dann reitet sie und je nach dem wie gut sie ist, kommt sie zur Siegerehrung oder nicht", meinte ich Schulter zuckend und bewegte mich langsam wieder hinunter auf den Dressurplatz.

„Wie viele sind gemeldet?", fragte Max und folgte mir langsam. „So um die Vierzig", meinte ich feixend Grinsend und wartete nur so darauf, dass der Braunhaarige seine Augen verdrehte, was er in diesem Moment auch tat. „Ich hasse dich. Ich hasse dich, ganz ehrlich. Kommst du nach? Du weißt ja wo ich wohne", fragte er und trennte sich langsam von mir.

„Ja, ich weiß wo du wohnst. Kannst du mir nicht wenigstens Sagen, wen ich kennen lernen werde?", fragte ich neugierig. „Nein, da musst du schon kommen", meinte er gewinnend. „Ich komme, das ist dir klar", meinte ich nur und Max nickte wissend. „Deine Neugier kann niemand besiegen" - „Ach, sei doch Still"

Max verabschiedete sich winkend von mir und stieg wenig später in seinen Lastwagen ein. Diesen startete er und lenkte ihn sicher vom Turnierplatz. Kopfschüttelnd blickte ich ihm hinterher. Dann begab ich mich zum Dressurplatz. Lily kam gerade aus der Halle geritten und blickte mir nervös entgegen.

Ich nickte ihr bestimmt zu und klopfte Melodie noch Mal auf ihren muskulösen Hals. Sie würde diese L* schon überstehen.

Never give up your biggest Dream Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt