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Das Erste was ich spürte, als ich wieder erwachte, war Lians Arm um meine Taille. Dann kamen die Wärme seines Körpers neben mir und sein Herzschlag an meinem Ohr.

Benommen hob ich den Kopf ein Stückchen von seiner Brust und sah mich im Halbdunkel des Zimmers um. Die Sonne war bereits untergegangen, doch der Mond schien vom wolkenlosen Himmel direkt durch das große Panoramafenster und tauchte alles in silbergraues Licht.

Es brauchte einen Moment bis ich begriff wo ich war. Erinnerungen an den Einsturz des Rathauses schwirrten durch meinen Kopf und dass wir zu Schiller&Goethe umgesiedelt waren.

Und dann erinnerte sich mein verschlafenes Gehirn an vorhin und daran, wie Lian mich geküsst hatte, und alles andere wurde schlagartig unwichtig. Wie weich seine Lippen auf meinen gelegen hatten, ganz behutsam und als hätten wir alle Zeit der Welt. Es kam mir vor, als ob ich es immer noch auf der Haut spüren konnte.

So hatte sich Küssen noch nie angefühlt. Entweder Lian war besonders versiert darin oder ich hatte einfach noch nie einen Mann geküsst, in den ich auch verliebt gewesen war.

Ich wandte mich Lian zu, schmiegte meine Wange an seine Schulter und betrachtete seine schlafenden Züge. Die ausdrucksstarken Augenbrauen, die an einer Stelle von einer senkrechten Narbe durchzogen wurden. Die dunklen Wimpern, die auf seinen Wangen auflagen. Seine Nase war gerade und hatte die perfekte Größe. Hohe Wangenknochen, scharfe Kieferlinie, Dreitagebart. Sein Mund war im Schlaf leicht geöffnet, seine Lippen waren ein bisschen zu voll und an seiner Stirn zeichnete sich ein Ansatz von Geheimratsecken ab.

Mein Vater hatte immer behauptet, dass sei ein Zeichen für Intelligenz und ich musste lächeln. Vielleicht hatte mein Vater damit ja recht.

Meine linke Hand lag auf Lians Brust, sein Herzschlag an meinen Fingern. Das erste was mich für ihn eingenommen hatte, war sein Herzschlag gewesen. Konnte man sich wirklich in den Rhythmus eines klopfenden Herzens verlieben?

Meine Fingerspitzen strichen behutsam über den Stoff seinen Shirts, die ausgeprägten Brustmuskeln entlang nach oben zu seinen Schlüsselbeinen, die ich vorsichtig nachzeichnete.

Es war einfach unfassbar, dass wir hier lagen und ich das alles tun konnte, ohne die Angst, dass Lian mich gleich vor Empörung aus dem Bett warf.

Denn Lian hatte mich geküsst. Ich hatte ihm meine Liebe gestanden und er hatte mich geküsst. Ich musste es in Gedanken einfach immer und immer wieder wiederholen. Ich war im siebten Himmel, schwebte in Glücksgefühlen dahin und konnte kam glauben, dass es wirklich passiert war.

Bei jedem anderen Typen wäre ich wohl jetzt unsicher gewesen und hätte mich gefragt was das zu bedeuten hatte. Andere Kerle küssten einen, wenn sie die Gelegenheit bekamen, unabhängig von ihren eigenen Gefühlen. In Virtual City hatte ich ständig irgendwelche Leute geküsst und ich hatte gar nichts dabei gefühlt.

Doch bei Lian war das anders. Bei ihm bedeutete ein Kuss, dass er mich haben wollte. Es bedeutete, dass er in mich verliebt war, dass er mich ab jetzt als seine Freundin bezeichnen würde und dann würde er mir einen Antrag machen.

Okay, gut, das mit dem Antrag war vielleicht ein bisschen übertrieben von mir und meinen Glückshormonen, aber es ging hier schließlich ums Prinzip. Lian war kein Typ für halbe Sachen, unsichere Gefühlslagen oder offene Beziehungen. Bei ihm galt ganz oder gar nicht. Alles dazwischen war mühsam und ohne Anstand.

Jetzt hätte ich nur noch gern gewusst seit wann. Denn sicher war das nicht zeitgleich mit meinem Rumgestotter passiert.

Ich fuhr mit den Fingern sein Schultergelenk entlang, durch die Kuhle zwischen Schultermuskulatur und der Oberarmmuskeln und bekam dabei eine Gänsehaut. Ich liebte diesen Übergang zwischen den Muskelgruppen und bei Lian war sie besonders schön ausgeprägt. Ich strich seinen rechten Arm nach unten, bis zu seiner Hand, wo ich unsere Finger ineinander schob und mich dabei näher an ihn drückte.

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