26| Zwei Lager

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26| Zwei Lager

Wir erreichten die Anderen schneller als ich erwartet hatte. Sie saßen alle in einer trockengelegten Röhre mit etwa zwei Meter Durchmesser, die auf halber Höhe aus der Wand kam. Alle sahen sie müde und verfroren aus, und die Hoffnungslosigkeit griff wie einer Krankheit von einer Person zur anderen um sich.

Als sie uns kommen sahen, standen einige auf der linken Seite der Röhre auf, andere, die rechts saßen, sahen böse zu mir rüber. Dan und Alex bohrten angriffslustig ihre Blicke in mich und ich hielt Ausschau nach freundlichen Gesichtern. Die Anwesenden hatten sich erkennbar in zwei Lager gespalten und der Grund war ganz offensichtlich ich. Die Spannungen zwischen ihnen schienen beinahe spürbar in der Luft zu hängen und waren wohl schon so heftig, dass sich die Gruppen sogar räumlich voneinander getrennt hatten.

Pro-Ewia und Contra-Ewia starrte mir entgegen und ich war ehrlich überrascht über die Verteilung.

Das Natalie oder auch Mohinda für mich waren, hätte ich ja erwartet. Aber neben ihnen saßen sogar Jacky, Tancy und ein paar Leute mit denen ich eigentlich nichts zu tun gehabt hatte.

Contra-Ewia blickte mir finster ins Gesicht und ich bekam beinahe einen Stich ins Herz, als ich Ray unter ihnen sah, wie er genervt den Blick abwandte. Ich hatte immer gedacht, Ray und ich wären irgendwie Kumpels. Paul kniffen ärgerlich die Augenbrauen zusammen und Peter sah mich an, als wollte er mir am liebsten den Hals umdrehen. Als Allan sich an Lucas vorbeischob und sich zu Ray gesellte, wurde mir ganz übel und ich musste woanders hinsehen.

Ich hatte mit diesen Leuten zusammengelebt, sie hatten mich erlebt und jetzt glaubten sie ernsthaft, dass ich sie einfach so an eine Maschine verraten hätte.

Dan und Alex mussten ja sehr überzeugend gewesen sein, diese dreckigen, blöden...

Lian trat zwischen mich und die Contra-Ewia Fraktion, und ließ Natalie zu mir. Sie sagte nichts zu mir, stand nur neben ihrem Bruder und demonstrierte allen, dass sie auf meiner Seite war. Sie war einfach ein Engel. Ein schmutziger, müder Engel im Bademantel, aber ein Engel.

„Habt ihr schon was entschieden?", wandte sich Lucas an Marcus, der ebenfalls zu uns trat. Marcus schüttelte den Kopf und die Muskeln in seinem Kiefer spannten sich an.

„Die Drohnen scannen wahllos Häuser und uns fällt nichts ein, wo wir genügend Schutz hätten!", erwiderte er leise und verschenkte die Arme vor der breiten Brust.

Es ging wohl um eine neue Unterkunft. Die Savepoints waren dann wohl Geschichte.

„Was ist mit dem Militärbunker in der alten Kaserne?", wollte Lucas wissen und Marcus stieß geräuschvoll die Luft aus seinen Lungen aus.

„Drohnenverseucht. Mohinda, Ray und Victor waren dort. Man kommt nicht mal nah genug an die Absperrung, und sicher wären wir da auch nur für ein paar Stunden," erklärte er und dann fiel sein Blick auf mich.

Er hatte es bisher vermieden mich auch nur anzusehen und ich hatte schon befürchtete, dass er zur Contra-Ewia Seite gehörte. Doch sein Blick war nicht wütend oder beschuldigend. Er schien frustriert zu sein und für einen winzigen Moment glaubte ich sogar, er würde mich seinem Bruder abnehmen, nur um mich einmal an sich drücken zu können.

Ich schämte mich in Grund und Boden. Ich musste Marcus wirklich das Herz gebrochen haben.

Doch der Moment verstrich und er atmete erschöpft durch.

„Hast du eine Idee?", fragte er mich und ich blinzelte überrascht. Hatte er wirklich mit mir gesprochen? Ich wurde, nach allem was passiert war, noch nach meiner Meinung gefragt?

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