Karl II b

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In Gedanken ging er die Reihenfolge durch.

Den Breitschultrigen als Erstes, den am Boden Liegenden als Letztes. Nicht die Nerven verlieren. Nach dem ersten Schuss, spätestens nach dem zweiten, wird Panik ausbrechen. Einen klaren Kopf behalten, ruhig zielen und den Fliehenden in den Rücken schießen.

Die vier Türken bemerkten kaum, dass Karl sich in Bewegung setzte. Ihr Freund lag am Boden und röchelte. Namik lief blau an, er bekam keine Luft mehr. Cevat konnte es nicht fassen. Sein bester Freund lag am Boden und drohte, durch seine Schuld zu ersticken. Geifer rann aus seinem Mund, seine Augen verdrehten sich, sein Körper zuckte im Todeskampf.

Cevat ließ das Messer fallen, kniete sich neben Namik in den Schlamm und betete zu Gott, er möge Namik nicht für seine Sünden bestrafen. Auch die Augen seiner beiden Freunde waren nur noch auf Namik gerichtet.

Karl hatte seine Schussposition erreicht. Jetzt war die optimale Gelegenheit, alle vier Kanaken erbarmungslos zu liquidieren ... aber er zögerte.

Der Breitschultrige war tief über seinen Freund gebeugt und weinte. Er schrie irgendetwas auf Türkisch, während Namik langsam das Bewusstsein verlor.

»Ihr müsst ihn beatmen«, rief Karl.

War das seine Stimme, die das eben gesagt hatte?

Die Türken reagierten nicht.

Plötzlich hatte er das Gefühl, wieder Herr seiner selbst zu sein. Was zum Teufel tat er hier? War er gerade dabei, vier Menschen zu ermorden? Er musste an Thomas denken. Was, wenn Thomas hier röchelnd am Boden läge? Ohne weiter nachzudenken, packte er den Breitschultrigen und zerrte ihn von seinem Freund herunter. Es gab keine Gegenwehr, weder von Cevat noch von seinen verzweifelten Freunden.

Karl hielt Namik mit den Fingern die Nase zusammen und presste seinen Mund auf den des sterbenden Türken. Er blies so fest er konnte Sauerstoff in dessen Mundöffnung, aber der Gegendruck war zu groß. Er ließ ab, holte tief Luft und blickte nach oben in versteinerte Gesichter. »Scheiße, was glotzt ihr, ruft einen Notarzt, euer Freund krepiert hier!«

Dann setzte er erneut an und presste mit aller Kraft Sauerstoff durch Namiks verengte Kehle. Wenn Namik nicht bald wieder zu sich kommen würde, müssten sie einen Luftröhrenschnitt machen. Erlebt hatte er das auf einer Demo, als Antifas einen Kameraden am Boden in den Hals getreten hatten. Ein Sanitäter rettete ihm durch einen Schnitt in die Kehle das Leben. Er nahm aus den Augenwinkeln wahr, dass einer der beiden Türken hektisch telefonierte. Und wieder presste er seinen Mund auf den Mund des anderen. Er spürte, dass die Beatmung ihm nun leichter fiel. Und tatsächlich, der Türke öffnete die Augen. Cevat versuchte Karl zur Seite zu stoßen, aber Karl ließ nicht von Namik ab, seine Hände hatten sich in dessen Jacke verkrallt. Die Blicke der Kontrahenten prallten aufeinander.

Karls Stimme klang gepresst: »Du musst weitermachen.

Verstehst du? Weitermachen, bis der Notarzt da ist.«

Cevat zögerte. Karl lockerte seinen Griff und wich zurück.

»Los, mach schon!«

Cevat kniete sich über seinen Freund, holte tief Luft und blies Namik lebensspendenden Sauerstoff in die eingequetschte Luftröhre.

Keiner sagte mehr ein Wort. Karl stand auf und betrachtete eine Weile, wie Cevat um das Leben seines Freundes kämpfte. Dann stahl er sich wortlos davon, während er in der Ferne die Sirene eines Krankenwagens hörte.

Er hatte einem Menschen das Leben gerettet. Und er hatte soeben all seine Ideale verraten! Er sollte sich dreckig und leer fühlen, aber er war zum ersten Mal seit langer Zeit wieder zufrieden mit sich selbst.

TURMSCHATTEN (WattyWinner 2019)Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt