20| Der Zug kommt

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20| Der Zug kommt

Die Sonne ging gerade unter, als wir am Treffpunkt ankamen. Es war ein zerfallenes Bahngebäude, das nahe der Schienen vor sich hin vegetierte. Wir waren am Rande des Bankenviertels, direkt am Stadtrand. Nach dem Bahngebäude kamen nur noch die Schienen und dann fing der Wald an. Abgeschiedener ging es kaum.

Marcus, Sorah und ihr Team waren bereits da.

Da wir nicht gerade viele Widerstandskämpfer waren, hatte ich die Leute aus Sorah's Team alle schon einmal gesehen. Es bestand aus zwei Kerlen und einem Mädchen. Das Mädchen, Abonee, ziemlich hübsch, mit Milchkaffee-Haut, war mir beim ersten Mal schon wage bekannt vorgekommen, aber sie wusste auch nicht warum. Vielleicht hatte ich sie ja auch nur mal in der Stadt getroffen, oder wir hatten uns beim Ausverkauf im Shoe-Store mal um ein Paar Stiefel geprügelt. Wer wusste das schon so genau?

Der eine Typ stellte sich mir als Tychus vor und ich hatte ihn das letzte Mal bei Larry in der Zentrale beim Schiffe versenken verlieren gesehen. Er war nicht besonders groß, schlaksig und mit widerspenstigen, dunkelblonden Haaren, die wie Borsten nach oben standen.

Der andere war schon ein bisschen älter, etwa um die vierzig und hatte nachdenkliche Augen. Er beachtete mich gar nicht und starrte aus einem der zerbrochenen Fenster nach draußen auf den Hof, auf dem sich ein paar Bäume im aufkommenden Abendwind wiegten.

Es war immer noch sehr warm und die Luft hing stickig und drückend in den Räumen des kleinen Gebäudes.

Chip klebte an mir wie eine Klette, seit wir hier angekommen waren und fragte mich unentwegt, ob mit mir alles in Ordnung wäre.

Ich sagte immer brav Ja, obwohl es in mir ganz anders aussah und versuchte ihn abzuwimmeln.

Ich hob den Blick, als ein dunkler Umriss im Türrahmen erschien und direkt auf Marcus zuhielt. Lian hatte sich draußen umgesehen und berichtete, dass bisher noch alles ruhig war.

Meine Augen verfolgten seine Bewegungen, die mit fortschreitender Dunkelheit immer schlechter auszumachen waren. Der Einblick, den er mir in seine Probleme gewährt hatte, veränderte meine Sicht von ihm total. Wo ich ihn für arrogant und hartherzig gehalten hatte, war er in Wirklichkeit schüchtern und unsicher. Er überspielte viel mit Ruhe und Gelassenheit und ließ zusätzlich niemanden an sich ran. Warum er sich gerade mir geöffnet hatte, blieb mir ein Rätsel.

„Du siehst nachdenklich aus," sprach mich eine Stimme an und ich fuhr zusammen.

Sorah stand neben mir und lächelte auf mich herab. Obwohl ihr Gesicht von Sorge überschattet wurde, konnte ich wahres Zusammengehörigkeitsgefühl in ihrem Blick spüren.

Chip hatte sich wohl geschlagen gegeben und Sorah war an seiner Statt an meiner Seite aufgetaucht, ohne dass ich es gemerkt hatte.

„Liegt vielleicht daran, dass ich viel nachdenke," gab ich zurück, als sei es ein Witz und Sorah's Lächeln wurde zu einem Grinsen. Besser einen Scherz gemacht, als dass sie noch auf die Idee kam nachzufragen.

„Mach dir nicht zu viele Gedanken. Es wird schon alles gut gehen," meinte sie und stieß mich freundschaftlich mit der Schulter an. Ich hielt mich zurück die Augen zu verdrehen. Sie sagte mir, es würde alles gut gehen, machte sich aber selber total den Kopf.

„Dafür machst du dir aber ein bisschen viele Sorgen," konterte ich also und zog eine herausfordernde Schnute.

„Wer sagt, dass ich mir Sorgen mache?", fragte Sorah überrascht und versuchte verkrampft ihre fröhliche Haltung aufrecht zu erhalten. Ihr Lächeln wurde zu einer schrägen Fratze.

„Dein Gesicht," informierte ich sie und Sorah's Mundwinkel gaben den Widerstand auf und sanken sofort nach unten. Sie kam mir noch ein bisschen näher.

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