18| ...und ein bisschen Punkte zählen.

5.2K 519 205

18| ...und ein bisschen Punkte zählen.

Als Allan sagte: „Wir nehmen den kleinen Transporter!", wäre ich ihm am liebsten freudig quietschend um den Hals gefallen.

Auch wenn ich sagen konnte, dass diese unruhige Nacht an meinem Körper Wunder verübt hatte, würde ich trotzdem keinen Marathon mehr hinlegen können. Meine Füße waren zwar abgeschwollen und wiesen aber nur halb so viele Blasen auf, wie ich gedacht hatte. Meine Beine waren, bis auf ein leichtes Ziehen in den Waden, wieder ganz okay, mein Rücken entspannt, mein Kopf zum größten Teil frei. Nur in meinem Hintern hatte ich Muskelkater wie sau und hatte nicht die geringste Ahnung, wie der bitte da hingekommen war.

Schuhe anziehen und die ersten Schritte tun war trotzdem kein Picknick gewesen und ich hatte mich schon gefragt, wie ich den Tag nur überleben sollte.

Doch nun standen wir hinter dem Haus vor einer der Garagen von Mario's Matratzen und betrachteten die drei Transporter, die dort standen.

„Wir nehmen den Mittleren," meinte Allan und Protest wurde laut unter den Jungs. Der Mittlere war eine totale Rostlaube, während links und rechts sehr viel schnittigere Modelle standen.

„Der ist doch sicher viel lauter und auffälliger als die anderen beiden," versuchte Ray es mit vernünftiger Argumentation, doch Allan zog nur die Nase kraus.

„Die sind zu neu, Ray. Die haben alle vorinstallierte Satellitennavigation und sicher sogar nen Autopiloten. Ich hab keine Lust, dass die KI uns mit ihren großen Augen verfolgen und sogar umleiten kann," machte er die Hoffnungen der Jungs zunichte und schritt auf den Schrotthaufen zu, der unser neues Gefährt werden sollte.

„Der läuft noch mit Benzin. Hoffen wir mal, dass er vollgetankt ist," grummelte Ray mit Grabesmiene, kam Allan hinterher und schnappte sich ein rostiges Wasserrohr, das an der Garagenwand lehnte.

Allan zog bereits vergeblich am Türgriff, sah ins Auto und runzelte dann die Stirn.

Verschlossen, dachte ich ein wenig sarkastisch, was für eine Überraschung.

„Wir sollten noch mal rein gehen und schauen ob wir dort die Schlüssel für die Karre...", meinte er gerade und weiter kam er nicht. Ray holte mit dem Rohr aus und zertrümmerte die seitliche Fensterscheibe, noch bevor wir in Deckung gehen konnten.

Ich zuckte vor Schreck zusammen, stolperte einen Schritt nach hinten und stieß dabei gegen Chip, der mich sachte auffing und wieder auf die Füße schob.

Das Splittergeräusch hallte über den Hinterhof und auf die totenstille Straße hinaus. Mein Herz raste wie verrückt.

„Super Ray. Total unauffällig," spottete Mohinda, die Hände lässig in den Hosentaschen und Allan starrte Ray böse an.

Dieser zuckte nur mit den Schultern, wischte mit dem Rohr die Glasscherben aus dem Rahmen, griff hindurch und entriegelte die Türen. „Als ob wir jetzt Lust hätten, da wieder hoch zu rennen, den Ramschladen auf den Kopf zu stellen, nur um dann festzustellen, dass Mario seine Schlüssel womöglich immer in seiner Hosentasche rumgetragen hat," knurrte er so tief, dass die Bassfrequenz meine Organe hätte in Schwingung bringen können.

Seine Stimme war schon ziemlich cool. Da wurden einem gleich die Knie weich. Wenn man die Augen zu machte und mal kurz vergaß, wie Ray aussah.

Er war nicht abgrundtief hässlich, aber nicht gerade mein Typ. Erst mal war er sicher 10 Jahre älter als ich, mittelgroß und man konnte ihn fast als hager bezeichnen. Seine Wangenknochen traten sehr scharf hervor, wie bei nem Ex-Drogenjunkie und seine Tätowierung schreckten mich auch ein bisschen ab. Ich machte mir eine Notiz im Kopf, ihn zu fragen, ob er wirklich mal Drogen genommen hatte oder ob ich mir das nur zusammensponn, weil ich eigentlich keine Ahnung hatte.

Virtual CityWo Geschichten leben. Entdecke jetzt