00 - Prolog

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Die Baumwipfel beugten sich unter dem eisigen Griff des Windes. Schnee trieb mit der kalten Brise, verhängte sich in den Bäumen und rieselte auf den vereisten Boden. Fußstapfen zeichneten sich in der weißen Schneedecke ab, die sich im Sturm der trudelnten Flocken verloren.

Die silbernene Strahlen des Mondes brachen durch das Schneegestöber, liesen jede der Flocken glitzern wie Glasscherben - wunderschön und doch so gefährlich. Keine einzige Wolke verdeckte das Licht der silbernen Sichel am pechschwarzen Nachthimmel und so konnte man gut den Mann erkennen, der sich mit gesenktem Kopf durch den schneidenden Sturm kämpfte.

Mit kräftigen Schritten stapfte er durch den Wald, seine Arme hatte er um den, in einen Mantel gehüllten, Körper geschlungen.
Sein Haupt war jedoch nicht von Stoff bedeckt und so verfingen sich Eiskristalle in seinem dunkelbraunem Haar.
Seine breiten Schultern zitterten leicht unter der mächtigen Wirkung des Schneegestöbers. Die Kälte drang wie kleine Nadelspitzen durch den Mantel und stach in seine empfindliche Haut.

Immer weiter kämpfte er sich durch den Schnee, versank jedoch dabei auch immer tiefer in der stetig wachsenden Schneedecke.
Fernab ragten unheilvoll schroffe Felsen in den Himmel und er wusste, das nur sie ihm Schutz vor dem Chaos bieten konnten.
Doch der Sturm wurde immer heftiger, die Flocken wirbelten zorniger um ihn herum, bedeckten bald seinen bebenden Körper und verringerten mit jeder Sekunde seine Chance, die dunkle Felsenkette zu erreichen.

Es wurde immer schwerer sich voran zu kämpfen und er musste immer mehr Kraft aufwenden, um in Bewegung zu bleiben und nicht der Versuchung, einfach zu rasten, zu erliegen.
Trotz seines gebeugten Hauptes war sein Gesicht rot und jeder einzelne Schneekristall, der die empfindliche Haut berührte, tat weh wie ein tiefer Messerschnitt. Der Schmerz trieb ihm zusätzliche Tränen in die brennenden Augen, die von dem schweren Schnee in seinen dichten Wimpern halb geschlossen waren.

Seine Schritte wurden langsamer, schwerfälliger, weniger.
Bis er kurz vor den schützenden Gesteinsbrocken stecken blieb, mit sich selbst rang und dann doch auf die Knie ging.
Ein kleiner Funke in ihm wollte ihn weiter treiben, flüsterte ihm zu, dass er es schaffen konnte - musste!
Doch er war zu schwach.

Und trotz dessen versuchte er es ein letztes Mal.
Seine Lungen füllten sich mit der kratzigen Luft, er stemmte seine Beine in die nachgiebigen Schneemassen und hievte sich nach oben.
Vergeblich.
Abermals fiel er, doch diesmal landete sein Oberkörper entgültig in der kalten Decke aus gefrorenem Wasser. Sein Gesicht war zur Seite gewendet, und nun konnte man deutlich die Narben erkennen.
Narben, die sein ganzes Gesicht zierten und ihm eine abstrakte Gestalt gaben.

Als der Sturm Stunden später nachlies, war längst keine Bewegung mehr in dem Körper des Mannes. Er hatte es nicht geschafft.
Die Natur, der Sturm, hatte ihn besiegt und seinen Geist mit sich in die weiten des Himmelszeltes getragen.
Warum er überhaupt hier war, war ungeklärt, doch er war der übermenschlichen Kraft unterlegen.
Gefangen in seinem kalten Grab, unter Unmengen an Eiskristallen.

Eine urplötzliche Stille hatte sich auf die Umgebung gelegt, wie eine erdrückende Schicht, die der Welt den Atem raubte.
Als hätte der Tote die Laute der Tiere, das Geräusch des Schnees, der von Baumästen fiel, einfach mit sich genommen.

Doch da; Ein Zischen unterbrach das Schweigen des Waldes und kurz darauf konnte man einen schemenhaften Schatten ausmachen, der flink um die eingeschneiten Umrisse des Mannes herum schlich.
Er hinterlies keine Spuren im Schnee. Nicht einmal, als er sich über den Toten beugte und ihn nach kurzem Zögern am Kragen packte, um ihn mit sich zu ziehen.

Unter den aufragenden Felsen angekommen lies er den Mann fallen und drehte sich um. Als die Mondstrahlen auf die Stelle, an der sein Gesicht liegen sollte, trafen, zischte es.
Graue Rauchschwaden stiegen unheilvoll auf und der Schatten knurrte. Ob vor Schmerz oder einer anderen Emotion war nicht erkenntlich, doch er zuckte zurück und widmete sich wieder dem Mann.

Nachdem er sein Opfer weiter in die Schatten der Felsen gezogen hatte, konnte man nur noch leichte Bewegungen ausmachen. Leises Gemurmel, ein gefährliches Grollen und plötzlich bildete sich gleißendes Licht, das sich in einem Strahl in den Himmel zog.

Dunkle Schwaden schraubten sich um die Lichtsäule nach oben, hemmten jedoch keinesfalls das blendende Licht. Und dann kamen die Wolken. Zuerst schlichen sie sich wie Raubtiere langsam an den Himmel, vorsichtig, als könnte ihnen etwas zustoßen, wenn sie schneller voranschritten.

Doch dann wurden es immer mehr Wolken, die sich über den Himmel schoben und letztendlich das Licht des Mondes erstickten. Leises Grollen ertönte als sie sich immer weiter zusammen brauten, bis ein gefährlicher Wolkenball den ganzen Himmel verdunkelte.

Das Licht der Säule wurde von Minute zu Minute stärker und schließlich traf es direkt die Mitte des Wolkengebräues am Himmel. Was dann geschah war atemberaubend.

Zuerst war kaum eine Veränderung bemerkbar, doch nach und nach wurden die Wolken weißer und weißer, bis sie so aussahen wie der Schnee unter ihnen.
Es war so hell wie am Tag, obwohl man den Himmel nicht einmal sehen konnte. Nur Wolken. Aus denen nun langsam Fäden fielen. Fäden aus Glas, sie sahen aus wie Pflanzenranken.

Schneller als das menschliche Auge es wahrnehmen könnte umfassten diese Ranken den Lichtstrahl und jagten die Schatten hinab zu den Felsen. Und als die erste dieser Ranken in den Schatten der Felsen verschwand, wurde alles wieder wie vorher.

Bis auf den Mann, der nun mit dem Rücken zu dem Gestein im Schnee stand. Oder besser gesagt auf dem Schnee. Obwohl er durch sein Gewicht einsinken müsste, tat er es nicht. Er hob den Kopf. Und da sah man wieder dieses Gesicht. Überzogen von Narben, gezeichnet vom Leben.

Kurz blickten sich seine dunklen Augen um, es schien, als bäte er jemanden um die Erlaubnis zu gehen. Und anscheinend erhielt er diese auch. Mit festen Schritten ging er los, sein schwarzer Mantel schwebte kurz über dem Boden, doch auch er hinterlies keine einzige Spur.

"Geh, mein Bote. Bringe ihnen die Warnung. Sie werden sie verstehen!"
Die Worte waren nur leise geraunt, dem Mann unachtsam hinterher geschmissen, doch er schien sie gehört zu haben.

"Ich folge, Meister!"
Es klang wie mechanisch, als wäre es ihm sein Leben lang eingeprägt worden so zu antworten. Dann setzte er seinen Weg fort, und war auch bald zwischen den Bäumen verschwunden.

Das letzte, was man sah, war das rote Blitzen in der Dunkelheit der Felsen. Es war bösartig und gehässig, obwohl es nur kurz aufschien und dann wieder verschwand. Was an jenem Tag, an jener Stelle im Wald, um jene Zeit geschah, wurde nie wieder erwähnt.

Es existierten nur diese Aufzeichnungen, von wem erschaffen, war unbekannt...

Rise - Wenn Engel erwachenLies diese Geschichte KOSTENLOS!