Kapitel 72

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Hey little fighter, soon it will be brighter.

...

Nun saß ich hier, im Krankenhausflur vor ihrem Zimmer – wo sie noch vor wenigen Stunden lag. Meine Knie zog ich nah an meinen Körper und schlang meine Hände rund herum. Einhundertundsiebzig Minuten. Seit 170 Minuten lag sie schon im OP-Raum. 170 Minuten kämpften die Ärzte um ihr Leben. 170 Minuten.

Ich versprach es ihr. Ich versprach ihr hier zu blieben und da zu sein, wenn sie ihre wunderschönen Augen wieder öffnete. Ich versprach es ihr. Und dieses Versprechen wollte ich nicht brechen – nicht dieses. 175 Minuten.

Seit 175 Minuten bat ich Gott um diesen einen Gefallen. Ich betete zu ihm, dass er sie nur nicht wegnahm. Ich bat Gott darum sie zu verschonen und sie leben zu lassen. Noch nie sprach ich davor zu Gott. Noch nie war mir jemand so wichtig. Zwar war mein Glauben nicht der Tiefste, doch ich glaubte an jemanden dort oben. Jemand der über Leben und Tod entschied und genau den bat ich in den Minuten dieses Leben, das Leben meiner Liebe, zu verschonen. "Bitte, lass sie überleben", flüsterte ich leise vor mich hin und schloss meine Augen. 180 Minuten.

Ich konnte mir ein Leben ohne Bella nicht mehr vorstellen. Zwar verbrachte ich 18 Jahre meines Lebens ohne sie, doch das Leben, was ich damals führte, konnte man nicht Leben nennen. Ich wanderte leblos durch die Welt ohne irgendeinen Sinn, ohne Freunde und ohne Liebe. Etwas fehlte mir damals. Etwas, was ich davor nie vermisste, weil ich es nie zuvor besaß. Als ich ihr das erste Mal in die Augen sah, war es so als hätte ich dieses etwas wiedergefunden. Es fühlte sich so an als hätte ich ein Teil meiner Seele in ihr gefunden. 190 Minuten.

"Hier", hörte ich eine Stimme neben mir. Meine Augen öffnete ich sofort und sah James mit zwei Bechern Kaffee neben mir sitzen. "Wird dir sicher gut tun", zwang er sich ein Lächeln auf. Wieso verstand er nicht, dass er vor mir diese Fassade nicht aufbauen musste? Ich sah durch seine Mauer hindurch, ich sah die Angst in seinen Augen.

Schließlich bedankte ich mich: "Danke." Eigentlich hatte ich keine Lust irgendetwas zu mir zu nehmen, doch ich wollte nicht undankbar sein, immerhin versuchte er für mich da zu sein. "Collin hat angefangen zu weinen, weswegen alle eine Runde spazieren gegangen sind", erzählte er mir. "Ich denke frische Luft könnte meiner Frau derzeit sehr gut gebrauchen, genau wie Carl. Ich wünschte das alles wäre ihm erspart geblieben. Ich wünschte er müsste so ein Leid in seinem jungen Jahren nicht erleben – ich wünschte uns allen wäre das hier alles erspart geblieben", sprach er nun viel mehr mit sich selber, als mit mir.

"Wieso bist du nicht mitgegangen?", fragte ich schließlich nach. Krankenschwestern und Ärzte gingen an uns vorbei und schenkten uns keinerlei Aufmerksamkeit. Ich nahm einen weiteren Schluck vom Kaffee und atmete danach tief durch. 200 Minuten.

"Weil ich nach dir sehen wollte", antwortete er nach einer kurzen Stille. "Ich weiß, dass du denkst, dass du alleine sein möchtest – doch ich weiß, dass das nicht stimmt. Männer wie du und ich geben so etwas ungern zu, aber an manchen Tagen wollen wir auch nicht alleine sein." Schon oft erzählte mir James, dass ich ihn sehr an sein junges Ich erinnerte. Wohl oder übel hatte er recht - ich wollte nicht alleine sein.

"Danke", bedankte ich mich schließlich. James war die einzige männliche, ältere Bezugsperson die ich jemals hatte. Aus diesem Grund fühlte es sich manchmal sehr komisch an mit ihm über eine Gefühle zu reden. Als Bella in mein Leben trat, schenkte sie mir nicht nur Liebe und Geborgenheit, sondern auch Menschen die sich, aus welchen Gründen auch immer, um mich sorgten.

"Nicht deswegen mein Junge. Ich müsste dir danken", schluckte James stark. Danach nahm er einen Schluck aus seinem Becher.

Meine Stirn legte ich in Falten und fragte: "Wofür?"

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