12| Wut im Bauch

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12| Wut im Bauch

Ich erwachte, als sich etwas ruckartig an meiner Taille entlang bewegte.

Verschlafen blinzelte ich in das Halbdunkel um mich herum und wusste im ersten Moment nicht wo ich war. Mal wieder.

Hinter mir bewegte sich etwas und ich drehte träge den Kopf, um zu sehen was da war.

Ein wenig überrascht sah ich in das Gesicht eines Mannes, der mich mit weit aufgerissenen Augen anstarrte, als sei ich ein Gespenst. Und da erinnerte ich mich wieder.

Wir waren in Primark und der Typ neben mir war... Tja, ich kannte seinen Namen zwar nicht, aber ich wusste zumindest, dass ich ihn nicht ausstehen konnte.

Hastig riss er die Decke weg, setzte sich auf und rutschte ein Stück von mir weg, als hätte ich eine ansteckende Krankheit.

„Morgen," brummte ich mit möglichst geschlossenem Mund, weil ich sicher morgendlichen Mundgeruch hatte und mir am Abend zuvor nicht die Zähne geputzt hatte.

„Wieso liegst du hier?", brach es förmlich aus ihm heraus und zum ersten Mal zeigte seine Stimme eine andere Emotion als absolute Ausgeglichenheit. Er klang im Gegenteil sogar ziemlich entsetzt.

Ja, warum lag ich hier? Leider wusste ich das noch ganz genau. Ich hatte diese Nacht einen kleinen Gruselanfall gehabt und war in meiner Panik unter seine Decke gekrochen. Aber das würde ich jetzt ganz sicher nicht zugeben.

„Wieso nicht?", erwiderte ich also. Gegenfragen waren eine gute Verheimlichungstaktik. Und so tun als wär nix gewesen half auch immer.

Er blinzelte mich verwirrt an. „Du kannst das doch nicht einfach machen!", blaffte er mich an, ballte die Hände zu Fäusten und öffnete sie wieder. „Du kannst nicht einfach zu nem Mann unter die Decke kriechen!"

„Und warum nicht?", gab ich zurück, einfach nur um zu kontern. Schließlich war es ja wohl nicht seine Entscheidung was ich konnte und was nicht.

„Weil es sich nicht gehört!", rief er viel aufgebrachter, als ich ihm zugetraut hätte.

Ich wollte es nicht, aber ich musste einfach grinsen. Ich konnte es kaum glauben. Wollte er hier meine Ehre verteidigen, oder was? Der war ja total Oldschool. Als ob das jetzt voll das Drama wäre, dass wir unter einer Decke geschlafen hatten. War ja nicht so, als ob wir gekuschelt hätten oder so. Er hatte gepennt, ich hatte gepennt, nix war passiert!

„Komm mal wieder runter," redete ich auf ihn ein. „Ich hab jetzt nicht wirklich ein Problem damit."

„Aber vielleicht hab ich ein Problem damit!", empörte er sich, griff nach seiner Jacke und wandte sich von mir ab.

Das hatte ich ja noch nie gehört. Ein Mann, der etwas dagegen hatte, einer Frau nahe zu sein. Nach meiner Erfahrung waren Kerle in ihrem Innern eigentlich alle scharfe Böcke, die nie die Gelegenheit abschlagen würden einem Mädchen an die Wäsche zu gehen.

Ich war wohl an den einzigen Kerl geraten, der das für ein Problem hielt. Oder...

„Bist du schwul?", fragte ich frei heraus und wartete auf seine Reaktion, die auch sofort folgte.

Er rutschte mit dem Reisverschlussschiffchen ab und sah mich entsetzt an. „Nein!", sagte er dann mit vollem Ernst. Und dann zwang er sich wieder ruhiger zu sprechen. „Ich bin nur ein Mann von Anstand."

Jetzt musste ich wirklich lachen. Ich warf sogar den Kopf in den Nacken und ließ mich rückwärts auf die Decken fallen. Das war wirklich das Abgefahrenste, das er hätte sagen können. Ein Mann von Anstand, wie geschwollen klang das denn bitte?

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