09| Spaghetti sind mein Leben!

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09| Spaghetti sind mein Leben!

Es dauerte etwa zwei Tage, bis man mich aus dem Zimmer ließ und ich mit allen anderen in einem Versammlungsraum essen durfte.

Weil alles besser war, als dieser geschmacklose Brei, den ich die letzten Mahlzeiten bekommen hatte, ermahnte mich Merle gleich, nicht zu sehr zu schlingen. „Langsam essen!", bläute sie mir sicher zum hundertsten Mal ein, als sei ich ein begriffsstutziges Kind und entließ mich aus ihrer Pflege.

Der Raum, in dem gegessen wurde, war nicht sehr groß, grau gestrichen und mit Tischen und Stühlen bestückt, die in Reih und Glied standen, wie in einer Schulmensa.

Im hinteren Teil des Raums führte eine Tür in die Küche und an der Wand daneben war ein langer Tisch aufgebaut, auf den das Essen rausgestellt wurde.

Anna führte mich ein wenig rum. Sie hatte es am ersten Tag nicht so übertrieben wie ich und war schon seit einiger Zeit wieder frei zu Essen was sie wollte. Dafür machte ich beim Muskelaufbautraining, das uns verordnet wurde, riesige Fortschritte, während Anna sich jeden kleinen Muskel hart erkämpfen musste und sich bei mir ständig über Gelenkschmerzen beklagte.

Doch ihr war die Welt schon offen, während ich immer noch in meinem kleinen blauen Zimmer hockte und nur rauskam, wenn Merle mich mit Anna in den Trainingsraum gehen ließ, der nur zwei Türen weiter lag.

Anna hatte mir schon von allem erzählt, was sie bisher so erlebt hatte, von den Leuten, den einzelnen Aufgabenbereichen, dem Tagesablauf, Larrys fruchtlosen Anbaggersprüchen und von Lian.

Letzterer war einer derjenigen, die sie von zu Hause abgeholt hatten, um sie hier her zu bringen und Anna konnte kaum aufhören von ihm zu schwärmen.

Egal, was sie mir in den letzten Tagen erzählt hatte, am Ende waren wir immer wieder bei diesem Typen rausgekommen.

Sie beschrieb ihn mir als groß und unglaublich nett. Beim Essen hatte er bisher immer neben ihn gesessen und sie sogar einmal gefragt, wie es ihr so ging.

Ich konnte darüber nur mit dem Kopf schütteln. Er hatte einmal gefragt, wie es ihr ging und sie dachte schon an Liebe. So wie ich Anna kannte, hatte sie mit dem Kerl in Wirklichkeit noch keine drei Wörter gewechselt und ihn die ganze Zeit nur von Ferne angelächelt. Anna war in der Realität sehr schüchtern und so nett er auch sein mochte, er hatte aus ihr sicher noch nicht viele Worte rausbekommen.

Doch nach zwei Tagen „Lian hier" und „Lian da", war ich schon einigermaßen gespannt, dem wahnsinnig attraktiven Typen zu begegnen, der Anna so schnell den Kopf verdreht hatte.

Selbst wenn er wirklich so nett und so gutaussehend war, wie sie erzählte, würde ich ihn schonungslos auf Herz und Nieren prüfen, bevor ich zulassen würde, dass er sich ihr näherte.

Und wenn er ein Volltrottel war, dann würde ich schon Methoden finden, um auch Anna die Augen zu öffnen.

Wir betraten den Versammlungsraum und Annas Blick flog durch den Saal.

Auch ich begann die Menschen zu mustern, die sich hier aufhielten, aßen oder quatschten. Ich sah weder Allan noch Marcus. Letzterer zu meiner kleinen Enttäuschung. Die einzige Person, die ich erkannte, war Sorah. Sie lehnte an einer Tischkante weiter hinten im Raum, in der Nähe des Essens und diskutierte lebhaft mit einem tätowierten Kerl, der die Lippen zu einem säuerlichen Strich zusammengekniffen hatte.

Dann blieb ich am Essen hängen. Ein Mädchen mit rosafarbenen, kurzen Haaren nahm sich gerade aus einem großen Topf Spagetti und mir lief sofort das Wasser im Mund zusammen.

Ich riss meinen Blick allerdings davon los und beugte mich zu Anna. „Und? Welcher ist nun dein Schatz?", witzelte ich leise und Anna stieß mir ihren Ellenbogen in die Seite. Ihre Wangen färbten sich sofort dunkelrot und sie sah mich kurz böse von der Seite an.

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