06| Ich will Antworten. Sofort!

5.2K 551 79

06| Ich will Antworten. Sofort!

Wir fuhren nicht mehr weit. Jeansjacke manövrierte den schrottigen Wagen in eine kleinere Tiefgarage, die zu einem Hochhauskomplex gehörte. Er stellte ihn in einer vergitterten Einzelgarage ab, deren Gitter er von Hand schloss. Die Elektronik, die das Gittertor mal automatisch hoch und runter gefahren hatte, war ziemlich grob aus der Wand gerissen worden, so dass die blanken Drähte aus der Anschlussbox hingen.

Kapuzenpulli öffnete meine Autotür und reichte mir die Hand zum Aussteigen. Auch er hatte das Tuch von seinem Gesicht gezogen und ich sah in ein kantiges Gesicht mit Drei-Tage-Bart. Seine Mund war breit, mit einem bitteren Zug und seine Nase hatte einen Höcker, als wäre sie schon mal gebrochen gewesen. Seine dunkelblonden Locken quollen unter dem verrutschten Tuch hervor.

Ich wusste nicht genau, ob er mir nun sympathisch war oder nicht. Er hatte diese bestimmende Anführerausstrahlung, die ihn männlich und stark wirken ließ. Aber eigentlich war das nie der Typ Mann gewesen, auf den ich abgefahren war. Diese Kerle waren meistens besserwisserisch, uneinsichtig und hatten alle dieses aufbrausende, cholerische Temperament. Ich konnte schließlich meine eigenen Entscheidungen treffen! Ich brauchte keinen Schlaumeier, der glaubte, das für mich übernehmen zu müssen.

Ich nahm seine Hand nicht und machte auch keinerlei Anstalten aus dem Wagen zu steigen. „Sind wir immer noch in Lebensgefahr?", wollte ich wissen und sah ihm dabei direkt in die Augen.

„Wir sind noch nicht in Sicherheit," war seine Antwort und ich kniff die Lippen zusammen. Scheinbar war er der Meinung, damit wäre alles geklärt, denn er griff nach meinem Arm, um mich rauszuheben. Doch für mich war die Frage nicht beantwortet worden.

Ich entzog ihm meinen Arm und starrte ihn finster an. „Das hab ich aber nicht gefragt!", gab ich spitz zurück und schob störrisch das Kinn nach vorne. Ich wusste, dass ich mich in seinen Augen bestimmt wie eine Zicke benahm, aber das war mir gerade herzlich egal.

„Nein, denn es schießt zurzeit niemand auf uns! Wolltest du das wissen?", erwiderte er schroff und zog die Augenbrauen düster zusammen. Aber so etwas machte mir keine Angst.

„Gut. Dann wüsste ich gerne wer ihr seid, wo ihr mich hinbringt und ob es eine Möglichkeit gibt, mir Schuhe zu besorgen, bevor ich aus dieser Schrottlaube aussteige," forderte ich zu wissen.

Schön, vielleicht war ich ihnen ein bisschen dankbar, dass sie mich vor meinem Haushaltsroboter gerettet hatten, aber deshalb brauchte ich doch kein blindes Vertrauen an den Tag legen.

Kapuzenpulli holte tief Luft und beugte sich zu mir vor. „Jetzt hör mal gut zu, Mädchen!", zischte er, während sein Gesicht sich meinem näherte und er hob sogar den Zeigefinger zur Warnung.

„Lass sie in Ruhe, Lucas!", ging Jeansjacke aber sofort dazwischen, noch bevor die richtige Anschnauze kam und schob den Angesprochenen zur Seite. „Hi," sagte er zu mir und ließ sich vor der Autotür in der Hocke nieder. Sein Gesicht war erschöpft, so wie das von Sorah. Doch er hatte nach oben ziehende Mundwinkel, die ihn fröhlich und offenherzig wirken ließen. In seinem breiten Kinn war ein Grübchen, so wie bei den feinen Herren aus den 40ger Jahre Filmen.

„Ich bin Allan," stellte er sich vor. „Das ist Lucas. Und die da hinten ist Sorah." Er zeigte auf die andere Seite der Garage, in die er uns gerade eingeschlossen hatte. Ich drehte mich nicht um, weil ich wusste wen er meinte. Auch nicht als von dort leise scheppernde Geräusche kamen. Ich wollte schließlich nicht allzu interessiert wirken.

„Es tut uns leid, dass wir so einfach in deine Wohnung eingebrochen sind und den Roboter kalt gemacht haben. Aber ob du es uns glaubst oder nicht, er hätte dich gezwungen zurück nach Virtual City zu gehen. Und wenn nicht er, dann ein anderer Roboter, oder die Polizeidrohnen. Deshalb haben wir dich da rausgeholt," erklärte Allan mit ruhiger Stimme und ich nickte.

Virtual CityWo Geschichten leben. Entdecke jetzt