04| Ich bin die absolute Cheating-Queen!

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04| Ich bin die absolute Cheating-Queen!

Das Stereo-Top kam mir plötzlich viel zu grell und viel zu laut vor, als Anna und ich direkt am Türsteher vorbei ins Innere marschierten. Wir kämpften uns durch die Menge an Tanzenden und an der Bar vorbei, Richtung Toiletten.

Ich fühlte mich total fehl am Platz, obwohl ich hier gestern noch wie ein Fisch im Wasser gewesen war. Doch heute war alles anders. Die Situation war anders. Ich war anders.

Ich fragte mich wie lange die Menschen, die hier tanzten, lachten und tranken schon online waren und ob sie gemerkt hatte, wie viel Zeit vergangen war. Wusste jemand von ihnen, dass es keinen Weg mehr aus dem Spiel gab? Oder waren sie schon so lange hier, dass es ihnen egal geworden war?

Ich nahm Anna bei der Hand und zog sie mit mir durch die Schwingtür, um zu verhindern, dass sie der Typ mit der Schmalzlocke und der breitrandigen Brille anquatschen konnte.

Die zuschwingende Tür dämpfte sie Musik, doch das drückende Gefühl in meinem Bauch, dass ich auf den Bass geschoben hatte, blieb.

Vor dem Damenklo stand die übliche Schlange an Mädels, die darauf warteten, endlich dran zu sein und ich ignorierte sie einfach. Gestern war es mir noch peinlich gewesen, dass jemand gesehen hatte, wie ich aus dem Männerklo gekommen war. Heute fragte ich mich, ob es ihnen nicht peinlich war, einem programmierten Harndrang nachgehen zu müssen und dafür ewige Zeiten vor einer schmutzigen Tür auf eine schmutzige Toilettenkabine zu warten.

„Mach schon," raunte Anna und ich steckte den Schlüssel in die Tür zum Männerklo. Ich drehte ihn herum, zog die Tür ohne Probleme auf und sah dahinter nur mein Apartment. Genau wie es sein sollte. Und gar nicht so, wie wir es gern gehabt hätten. Ich schloss sie wieder und zog den Schlüssel ab.

„Scheiße," stöhnte Anna und lehnte sich neben der Tür an die Wand.

Von Innen wurde die Tür geöffnet und ein Kerl kam heraus. Es war der Typ mit dem ich gestern auf den weißen Sofas rumgeknutscht hatte. Oh Mist, den hatte ich ja total vergessen.

Er sah mich erst überrascht an und grinste dann breit. „Da bist du ja," sprach er mich an und ich, die den Mund geöffnet hatte um etwas zu sagen, schloss ihn wieder, weil ich eigentlich auch nicht wusste, was ich überhaupt sagen sollte.

„Ich hab auf dich gewartet und dann kam da diese abgefahrene Gruppe Echsenmenschen. Und dann noch drei Tequila und die Tussi mit den gruseligen Piercings und dann musste ich mal.  Aber wenn du jetzt wieder da bist... Wollen wir?" Sein Redefluss endete mit einer offenen Geste, die nur bedeuten konnte, dass er vorhatte weiter mit mir zu knutschen.

„Bist du noch ganz da?!", keifte ich ihn empört an, weil ich es echt nicht fassen konnte. „Es sind ewig viele Stunden vergangen, seit ich gegangen bin. Warst du etwa die ganze Zeit hier?"

Der Kerl zog nur die Augenbrauen nach oben und hob abwehrend die Hände. „Sorry Babe! So nötig hab ich's jetzt auch nicht," schnaubte er mit arrogantem Ton, schob sich an Anna vorbei und verschwand durch die Schwingtür zurück ins Stereo-Top.

Wie krass! „Der Kerl könnte schon Monate hier sein und würd' es einfach nicht merken!", rief ich schockiert und Anna machte ein furchtbar unglückliches Gesicht.

Ich erinnerte mich selbst daran, warum wir eigentlich hier waren und atmete tief durch.

Ich aktivierte den Code für Schwerelosigkeit und versuchte es noch mal mit dem Schlüssel und der Tür. Doch es war wieder nur mein Apartment dahinter.

Ein Mädchen aus der Reihe vor dem Damenklo, drehte sich flüchtig zu uns um. Sie musterte erst mich und dann Anna und widmete sich dann wieder ihren Fingernägeln, die sie mit einer Styling-App neugestaltete.

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