02| Trunkenheit und falsche Zahlen

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02| Trunkenheit und falsche Zahlen

Der Vorteil an virtuellen Spielen war, dass man Tanzen konnte ohne müde zu werden und ohne Blasen an den Füßen zu bekommen, dass es in DownPartyRush nie Morgen wurde und dass man von all dem Alkohol, den man in sich reinschüttete, niemals einen Kater bekam.

Doch genau wie in der Realität verlor man auch hier bei all den berauschenden Getränken irgendwann die Hemmungen und ich fand mich nach kurzer Zeit knutschend auf einem der riesigen weißen Sofalandschaften wieder. Der Kerl, dem ich die Zunge in den Hals steckte, sah aus wie eine Mischung aus Channing Tatum und Laurenz Klark, einem Footballspieler an meiner alten Schule, für den ich immer heimlich geschwärmt hatte. Ich konnte natürlich nur hoffen, dass er auch in Wirklichkeit so heiß war und nicht irgendein verpickelter Nerd, der sich einen wahnsinnig heißen Avatar zusammengebastelt hatte. Obwohl mir das in meinem benebelten Zustand eigentlich völlig egal war. Er schmeckte nach Cocktailkirschen, exotischen Ländern und einem kleinen Schuss Rum.

Und plötzlich musste ich aufs Klo.

Keine Ahnung welcher Volltrottel in ein virtuelles Spiel den Harndrang eingebaut hatte, aber es musste ein verdammt Intelligenter gewesen sein, denn ich hatte es bisher nicht fertig gebracht einen Cheat zu schreiben, der dieses Gesetz aufhob.

Ich konnte mit meinen Cheatcodes durch Wände gehen, fliegen, Sachen durch meine Gedanken bewegen, doch ich schaffte es nicht diesen beknackten Harndrang zu umgehen.

„Ich muss mal pissen," flüsterte ich in das Ohr meines Knutschopfers und konnte mir ein Kichern nicht verkneifen.

„Sehr sexy," witzelte der Typ und ich verpasste ihm einen spielerischen Schlag gegen die Schulter.

Dann stemmte ich mich von ihm hoch, um zu den Toiletten zu kommen. Es war erstaunlich schwer mit mangelndem Gleichgewichtssinn nicht von meinen Absätzen zu stürzen, oder auf die Schnelle den richtigen Cheat für aufgehobene Gravitationskräfte zu finden.

Doch so dicht war ich dann doch nicht und schaffte es durch einen unauffälligen Druck auf ein Steinchen an meiner Schlüsselkette wie eine Prinzessin die Treppen nach unten zu schweben und dabei noch nett zu lächeln.

Ich sah mich kurz um, ob ich Melli oder Anna auf die Schnelle entdecken konnte, damit mich wenigstens eine von ihnen aufs Klo begleiten konnte. Doch Melli hatte sich einen blonden Hünen geangelt und war vor einiger Zeit mit ihm verschwunden, während ich Anna das letzte Mal an der Bar mit einem Vampirverschnitt hatte flirten sehen.

Ich konnte also keine von beiden entdecken und nahm die Schwingtür am hinteren Winkel des Saals um zu den Toiletten zu gelangen.

Als die Tür hinter mir zu ging, dämpfte sich augenblicklich der dröhnende Bass, und die elektronischen Klänge der Musik waren kaum noch zu hören.

Im Gang standen ein halbes Duzend Mädels, quatschten, starrten auf ihre Fingernägel oder sahen einfach nur ungeduldig aus.

Na toll! Das war also die Schlange zu den Toiletten. Und da gab's leider keine Sonderbehandlung für Listenmitglieder.

Ich dachte schnell darüber nach, ob ich einen Cheat hatte, der die Anderen zwingen würde mich vorzulassen. Ich blinzelte ein paar Mal, um die Unsinnigkeit dieses Gedankens loszuwerden und beschloss einfach schnell zu Hause aufs Klo zu gehen.

Wenn ich eine Tür einmal mit meinem Cheatschlüssel geöffnet hatte, wurde der Code gespeichert und ich konnte durch diese einfach wieder zurückkehren. Keiner würde was merken.

Ich sah mich nach einer geeigneten Tür um, beschloss der Einfachheit halber die zum Männerklo zu nehmen und zog den Schlüssel aus meinem Ausschnitt. Ich musste zweimal nach ihm greifen, bevor ich ihn zu fassen bekam und begann schon wieder zu kichern. Keine Ahnung was eigentlich so lustig war, aber ich war absolut gut drauf.

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