Epilog

560 48 13

„Noam!"

Quietschend wich ich dem Wasserstrahl aus, der aus dem Schlauch meines Zwillings schoss. Wir waren gerade in den Alpen, genauer in der Nähe des Aletschgletschers, und machten eine lange Wanderung. Zusammen, wir alle Geschwister. Dima war heute abwechselnd immer wieder getragen worden, und Safaa das letzte Stück ebenfalls. Unsere Eltern dachten, dass wir an getrennten Orten waren- und Zayn hatte bisher alle Leute, die ihn erkannt hatten, überreden können, keine Fotos von uns zu machen.

„Wasch dich, Schwesterchen, du stinkst", zog er mich auf und ich streckte ihm meinen schönsten Finger entgegen. „Oooh, du liebst mich doch", machte er und schmollte kurz. Ich nutzte seine Unaufmerksamkeit und riss ihm den Schlauch aus den Händen, richtete ihn auf ihn und spritzte ihn von oben bis unten nass, wobei der versuchte, mir zu entkommen- bis mir das Wasser abgedreht wurde.

„Das reicht", sagte Doniya streng, zwinkerte mir dann aber zu. Sie hatte mich nach grossen Anlaufsschwierigkeiten endlich auch akzeptieren können und steckte jetzt dauernd mit Michel und Lumian unter einer Decke, während Safaa und Waliyha begeisterte Babysitterinnen von Dima geworden sind.

„Helft ihr mir beim Holzsammeln?", schrie Zayn uns zu und ich legte den Schlauch zur Seite, rannte zu ihm hin und sprang lachend über einige Steine hinweg - direkt auf ihn drauf. Er stolperte, doch fing sich und hielt mich mit einem erstickten Geräusch fest. „Phi, ich bin kein Gegenstand", motzte er und warf mich auf die Wiese. „Und wieso bist du nass?"- „Noam", lachte ich nur und Zayn verdrehte die Augen, ehe er mir die Hand anbot und mich auf die Beine zog. Es war herrlich angenehm warm hier im Wallis, die Sonne schien und wir konnten unsere Zeit hier zum Wandern und Faulenzen richtig geniessen - das, was andere Kinder immer hatten, tun: Zeit mit ihren Geschwistern verbringen. Zeit, die wertvoll war, weil wir zwanzig Jahre verloren hatten, die wir nie mehr bekommen würden. Geschwister, die einem wie ein Spiegel schienen.

Geschwister. Das, was Familie haben ausmacht.

Leaving (ZM/1D)Lies diese Geschichte KOSTENLOS!