43. gemähter Grashalm

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Erst als Alia weg war - und zwar wirklich für immer aus meinem Leben verschwunden - bemerkte ich mit einer plötzlichen Heftigkeit, wie sehr mein Leben tatsächlich schon auf sie ausgerichtet war. Seit sie nicht mehr da war, war alles anders. Kein gemeinsames Musikhören mehr und für mich auch kein Grund mehr, Lieder heraus zu suchen. Und natürlich auch keine Nächte im Gras mehr, die ich plötzlich doch ganz schön zu vermissen begann.

Drei Wochen war es jetzt schon her, dass ich Alia das letzte Mal gesehen hatte. Drei Wochen, seit dem Streit. Drei Wochen ohne das wunderbarste - wenn auch seltsame - Mädchen der Welt.

In dieser ganzen Zeit war ich nur ein Schatten meiner selbst gewesen. Obwohl ich immer noch unglaublich sauer auf das war, was Alia gesagt hatte, überwog das Gefühl des Vermissens irgendwie doch. Ich war gefangen in einer seltsamen Mischung aus Gleichgültigkeit und Besorgnis. Eine merkwürdige Kombination bei der ich sie einerseits nie wieder sehen wollte, andererseits aber auch gerne zu ihr gerannt wäre, sie in die Arme nehmen wollte, um alles wieder gut zu machen.

Bisher hatte ich mich nicht einmal getraut, mich bei Sarah und Jenna - oder wenigstens Jack - nach ihr zu erkundigen. Ich hatte keine Ahnung, wie es ihr mit der Situation erging, und da wir keine Schule mehr hatten sah ich sie auch wirklich überhaupt nicht mehr.

Das war ein weiteres meiner Probleme. Ich wusste absolut nicht, was ich nun mit meiner Zukunft tun sollte. Klar, hatte ich die Band, aber mein Glauben an unseren baldigen Erfolg war eher gering. Und so sehr ich meine Freunde und die Musik auch liebte, wollte ich doch nicht komplett ohne etwas da stehen. Und Kellnern wollte ich nicht mein ganzes Leben lang. Jesse, Adam und Cole hatten schließlich auch alle noch ein Leben außerhalb der Band.

Kurz gesagt: mein Leben war ein Trümmerhaufen. Mit Alias Verschwinden aus diesem und meinem Schulabschluss war auf einmal alles eingestürzt, was ich mir die letzten Monate so aufgebaut hatte.

Wie so oft die Tage, saß ich einsam und allein in meiner Küche und knabberte seit Ewigkeiten an ein und demselben Keks. Songs konnte ich keine mehr schreiben. Sobald ich mich an das Keyboard oder an meine Gitarre setzte war mein Kopf bis auf einen Gedanken wie leer gefegt. Dann geisterte nur noch Alia durch die Windungen meines Gehirns.

Zehn Minuten später - ich aß immer noch am selben Keks - klingelt es an meiner Wohnungstür.

"He du Idiot", rief Jesse, als ich ihm nach ein paar Sekunden nicht sofort aufgemacht hatte. "Lass uns rein."

Seufzend stand ich auf und bewegte mich gemächlich Richtung Wohnungstür. Kaum hatte ich sie ein wenig geöffnet, drückte Jesse sie schwungvoll ganz auf und betrat gemeinsam mit Cole meine Wohnung.

"Du gehst jetzt heute Abend mit uns aus", befahl Jesse. Sein Ton ließ keinen Widerspruch zu, dennoch versuchte ich es.

"Aber wir können doch nicht an einem Mittwoch feiern gehen. Wie erbärmlich ist das denn? Außerdem muss ich ... "

"Du musst nicht arbeiten. Ich weiß genau, dass das Paradise heute zu ist", unterbrach Jesse mich. "Und da du sowieso schon mehr als erbärmlich bist, sollte dich das ja am allerwenigsten stören."

"Und wenn ich keine Lust habe?", fragte ich in einem letzten, verzweifelten - und ziemlich erbärmlichen - Versuch, dem drohenden Partyabend zu entkommen.

"Dann ist mir das scheißegal", entgegnete Jesse grinsend. "Auf, zieh dir war einigermaßen attraktives an und dann gehts los. Amy kommt auch mit, also beeil dich. Wehe wir sind so langsam, dass sie schon fertig mit stylen ist. Dann kann ich sie nämlich schlecht damit aufziehen."

"Wenn das das einzig Wichtige ist", brummte ich, mich geschlagen gebend und verschwand in meinem Schlafzimmer, um die Jogginghose gegen Jeans und das ausgeleierte T-Shirt gegen ein Bandshirt mit kariertem Hemd zu tauschen.

Ein Abend frisch gemähtes GrasLies diese Geschichte KOSTENLOS!